Perspektiven

Die beiden Fehlbeträge in den Jahresrechnungen des Bistums Essen für die Jahre 2020 und 2019 sind durch mehrere Einmaleffekte und zuletzt durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie entstanden und nicht struktureller Natur. Zugleich bedeutet jedoch auch ein wahrscheinlich schon im laufenden Jahr 2021 wieder positives Jahresergebnis keine grundsätzliche Änderung in der mittel- und langfristigen finanziellen Situation der Kirche an Rhein, Ruhr und Lenne. Die Lage bleibt weiter angespannt. Doch mit einem professionellen Finanzmanagement schafft das Bistum Essen auch mit begrenzten Mitteln die Möglichkeit, sowohl in den vielfältigen pastoralen Angeboten des Bistums Essens als auch in der kirchlichen Verwaltung in zukunftsfähige Wege zu investieren.

Der neue Budgetprozess und „BE:moved“

So hat das Bischöfliche Generalvikariat seit einigen Monaten einen umfassenden Budgetprozess auf den Weg gebracht. Die neu strukturierte und verstärkte Controlling-Abteilung versteht sich dabei als Dienstleister für Fachabteilungen und Projekte, deren Leiterinnen und Leiter nun deutlich stärker als zuvor für das Aufstellen eines an den aktuellen Aufgaben möglichst realistisch orientierten Budgets und das Erfüllen vereinbarter Kennzahlen verantwortlich sind. Ein engmaschiger Abgleich der individuellen Budgets mit der Gesamt-Finanzsituation des Bistums ermöglicht so einerseits eine gute Planungsbasis für Abteilungen und Projekte und andererseits eine bessere Haushaltsabsicherung. Dass der gesamte Prozess nur noch drei statt bislang sechs Monate dauert, sorgt nicht nur in der Finanzabteilung, sondern im gesamten Generalvikariat für gleichmäßigere Abläufe und freie Ressourcen, die sich stärker der inhaltlichen Arbeit widmen können.

Verwaltungsprozesse vereinfachen, um die inhaltliche Arbeit, aber auch den Service für andere kirchliche Einrichtungen und die Kirchenmitglieder zu stärken, steht auch bei einem weiteren, viel umfassenderen Prozess im Fokus: „BE:moved“. Dieser große, Anfang 2021 gestartete Digitalisierungsprozess steht für Bistum Essen: moderne Verwaltung digital – und geht dabei weit über die Verwaltung hinaus. Die vier zentralen Ziele lauten:

  • Wir erhöhen Dienstleistung und Service für Mitglieder
  • Wir machen Arbeitsabläufe einfacher und schneller
  • Wir gestalten ein modernes und flexibles Arbeitsumfeld
  • Wir reagieren auf rechtliche und technische Entwicklungen

Dieser auf drei Jahre angelegte Prozess ist zunächst ein großes Investment. Zu den inhaltlichen Zielen gehört aber durchaus auch die Perspektive, mittel- und langfristig Einsparungen zu erzielen – nicht nur durch geringere Bürokratiekosten bei schlanker werdenden Arbeitsabläufen, sondern zum Beispiel auch durch einen geringeren Recruiting-Aufwand im Personalbereich angesichts einer größeren Zufriedenheit der Beschäftigten mit einem modernen und flexiblen Arbeitsumfeld. Themen der derzeit zehn Projekte in diesem Prozess sind zum Beispiel die Einführung einer neuen Finanzsoftware, digitale Buchungs- und Personalprozesse, ein neu aufgestellter Einkauf sowie die Ausstattung aller Pfarreien und pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit zeitgemäßen Smartphones, Laptops und anderer Technik. Neben den Inhalten ist vor allem die strukturelle Sicht auf das Ruhrbistum neu: Erstmals ist der gesamte Prozess „trägerübergreifend“ angelegt: Die Veränderungen betreffen also nicht nur das Bischöfliche Generalvikariat, sondern beziehen auch die anderen, rechtlich selbstständigen großen Träger des katholischen Lebens im Bistum Essen mit ein, zum Beispiel den KiTa Zweckverband, den Diözesan-Caritasverband oder die Pfarreien.

Wirtschaftliche Schwäche belastet auch die Kirchenfinanzen

Aktuell sind indes die wirtschaftlichen und demographischen Perspektiven im Ruhrgebiet und dem Märkischen Sauerland maßgeblich für die weitere Entwicklung der Bistumsfinanzen. Grund hierfür ist die große Bedeutung der Kirchensteuer als Haupteinnahmequelle des Bistums. Durch ihre direkte Verbindung zur Einkommenssteuer – für Kirchenmitglieder in Nordrhein-Westfalen liegt der Steuersatz bei 9 Prozent der zu zahlenden Einkommenssteuer – ist sie ein direktes Spiegelbild der wirtschaftlichen Lage im Ruhrbistum. So zeigt der Vergleich der durchschnittlichen Kirchensteuerzahlung im Ruhrbistum mit denen in anderen deutschen Bistümern, dass das Einkommensniveau an Rhein, Ruhr und Lenne zumindest in Westdeutschland nach wie vor unterdurchschnittlich ist. In der aktuellen Bistumsbilanz werden zudem sehr deutlich die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie sichtbar: Gestiegene Arbeitslosigkeit, massive Auftragsrückgänge bei Selbstständigen, Insolvenzen – wer kein Einkommen hat oder Kurzarbeitergeld bezieht, zahlt auch keine Kirchensteuer. Derzeit noch völlig offen ist die Frage, wie schnell sich die Ruhrgebiets-Wirtschaft wieder von den Corona-Folgen erholt oder ob ein womöglich durch ganz andere Entwicklungen verursachter erneuter Wirtschaftseinbruch zu steigender Arbeitslosigkeit führt. Gerade nach den Erfahrungen der Corona-Krise, aber auch angesichts der aktuell sehr stark schwankenden Konjunkturprognosen versucht sich das Bistum hier bei seiner Finanzplanung auf alle realistischen Szenarien so gut wie möglich vorzubereiten.

Kirchenaustritte machen weiter Sorgen

Nur auf den ersten Blick bislang nicht verstärkt hat sich im Bistum Essen der Trend zu weiteren Kirchenaustritten. Nach dem Höchstwert von 7216 Austritten im Jahr 2019 – knapp ein Prozent der Gesamtmitgliederzahl – haben im vergangenen Jahr 5327 Männer und Frauen die katholische Kirche im Ruhrbistum verlassen. Dieser Rückgang darf jedoch keineswegs als Kehrtwende verstanden werden. Vielmehr dürften vor allem zeitweise geschlossene oder in ihren Betrieb stark eingeschränkte Amtsgerichte dafür gesorgt haben, dass nicht noch deutlich mehr Menschen aus der Kirche ausgetreten sind. Die Bistumsleitung erwartet daher für das laufende Jahr – auch angesichts der massiven kirchenpolitischen Diskussionen in Deutschland und die nach wie vor anhaltende öffentliche Kritik an einer zu schleppenden Aufarbeitung des Missbrauchsskandals in einigen Diözesen – einen weiteren Anstieg der Austrittszahlen. Zudem treten nach wie vor besonders viele Menschen in jungen Jahren aus der Kirche aus, was nicht nur pastoral eine große Herausforderung ist, sondern auch mit Blick auf die Kirchenfinanzen: Denn wer mit Mitte 20 die Kirche verlässt, wird in der Regel auch in den folgenden gut 40 Erwerbsjahren keine Kirchensteuer zahlen.

Ruhestand der „Babyboomer“

Neben dem Mitgliederverlust durch aktive Austritte ist nach wie vor die demographische Perspektive für die weitere Entwicklung der Mitgliederzahl im Bistum – und dafür für die Bistumsfinanzen – entscheidend. Zum einen sinkt die Zahl der Kirchenmitglieder langfristig, weil derzeit deutlich mehr Katholikinnen und Katholiken sterben als im gleichen Zeitraum durch die Taufe als Kirchenmitglieder aufgenommen werden. Zum anderen verdeutlicht ein genauerer Blick auf die Zahl der Kirchenmitglieder pro Altersjahrgang – und die mit den Jahrgängen verbundenen Durchschnitts-Kirchensteuerzahlungen – ein bereits mittelfristig deutlich brisanteres Problem: In den Jahrgängen der Erwerbstätigen werden schon in den kommenden Jahren die sogenannten „Babyboomer“ mit derzeit noch relativ hohen individuellen Kirchensteuerzahlungen in den Ruhestand gehen, ohne dass ihnen ähnlich starke Jahrgänge mit ähnlich hohen Kirchensteuerzahlungen folgen werden. Die daraus in den kommenden Jahren entstehende Lücke an Kirchensteuereinnahmen verdeutlicht die folgende Grafik.

Fazit

Gerade angesichts der mehr als unsicheren Perspektive hinsichtlich der weiteren Corona- und Wirtschaftsentwicklung wird das Bistum Essen mit Blick auf seine Finanzen auch weiterhin den aus den vergangenen Jahren bekannten vorsichtigen Kurs fortsetzen. Kurz- und mittelfristig geht es dabei vor allem darum, durch gute Planung auf möglichst alle realistisch zu erwartenden Szenarien vorbereitet zu sein und diese Planung mit einem effektiven Controlling möglichst zeitnah mit der Realität abzugleichen, um finanzielle Spielräume zu entdecken oder zusätzlichen Bedarfen frühzeitig begegnen zu können.

Mittel- bis langfristig geht es weiter darum, in der strategischen Entwicklung des Bistums Arbeits- und Themenfelder zu identifizieren, die zwischenzeitlich weniger relevant geworden sind als andere. Nur wenn es der Kirche im Ruhrbistum auch weiterhin gelingt, sich konsequent von wenig zukunftsträchtigen Arbeitsfeldern, Gebäuden oder Einrichtungen zu trennen, werden auch in finanziell angespannten Zeiten Mittel frei, um an anderer Stelle zu investieren. Nur dann kann es gelingen, als Kirche auch weiter in der Gesellschaft präsent zu sein und mit zeitgemäßen Angeboten die Gemeinschaft der bestehenden Kirchenmitglieder zu stärken und zugleich neue Menschen für den christlichen Glauben zu interessieren.

Ansprechpartner

Leitung Hauptabteilung Finanzen und Bischöfliche Immobilien

Carsten Fuhlendorf (extern)

Zwölfling 16
45127 Essen

Abteilung: Haushalt und Rechnungswesen

Dipl.-Betriebswirt lic.hw Joachim Strötges

Zwölfling 16
45127 Essen