Perspektiven

Schaut man auf die weitere Entwicklung der wirtschaftlichen Situation des Bistums Essen stehen zwei Herausforderungen im Fokus, die in diesem Kapitel besonders beleuchtet werden: Aktuell sorgen die finanziellen Auswirkungen der von der Corona-Pandemie ausgelösten Wirtschaftskrise für noch vor einem Jahr ungeahnte Belastungen. Deutlich gravierender dürften sich indes die mittel- und langfristigen Herausforderungen auf die kirchlichen Finanzen auswirken, die sich aus dem durch die demografische Entwicklung und die hohe Zahl der Kirchenaustritte entstehenden Mitgliederverlust ergeben.

AKTUELLE HERAUSFORDERUNG: DIE CORONA-KRISE

Seit dem Frühjahr 2020 beeinflusst die Corona-Krise alle Lebensbereiche – auch die Finanzen im Bistum Essen. Da die Kirchensteuer als Haupteinnahmequelle des Bistums in direktem Zusammenhang zur Lohn- und Einkommensteuer steht, wird sich die Verschlechterung der gesamtwirtschaftlichen Lage in den Kirchensteuereinnahmen widerspiegeln. Zum einen dürfte sich bei vielen Kirchenmitgliedern die Höhe ihrer Kirchensteuer reduzieren – und zum anderen dürfte die Zahl der Kirchensteuerzahler sinken.  Mit Blick auf die Höhe der Kirchensteuer hängt die Entwicklung der Löhne und Gehälter sowie der Renten als wichtigste Bezugsquellen der Einkommensteuer vor allem von der gesamtwirtschaftlichen Lage ab. Klar ist schon jetzt, dass die von der Politik getroffenen großzügigen Regelungen zur Kurzarbeit das Kirchenlohnsteueraufkommen spürbar belasten werden. Das Kurzarbeitergeld fällt meist deutlich niedriger aus als das reguläre Einkommen und ist zudem komplett steuerfrei; wie der Staat wird daher auch die Kirche in erheblichem Ausmaß auf Steuereinnahmen verzichten müssen. Darüber hinaus werden die Stundungsregelungen der staatlichen Finanzverwaltungen zu einer Verschiebung der Kircheneinkommensteuerzahlungen führen. Kommt es während der Stundungsfrist zu einer Insolvenz der betroffenen Unternehmen, wirken sich die Effekte negativ auf die Ertragslage des Bistums aus. Auch die Zahl der Kirchensteuerzahler dürfte in den kommenden Monaten coronabedingt zurückgehen: Zum einen ist anzunehmen, dass durch Auftragsmangel und Insolvenzen in der Pandemie die Zahl der Arbeitslosen steigt – und damit die Zahl der Kirchenmitglieder, die ohne festes Einkommen sind und daher auch k eine Kirchensteuer zahlen. Zum anderen ist ein coronabedingter Austrittseffekt zu erwarten, denn erfahrungsgemäß ziehen wirtschaftliche Schwierigkeiten unmittelbar Kirchenaustritte nach sich. Entsprechend werden katholische Haushalte, die von Arbeitslosigkeit oder Lohneinbußen durch Kurzarbeit betroffen sind, einen Kirchenaustritt in Erwägung ziehen, um die dadurch gesparte Kirchensteuer für ihre Lebenshaltungskosten nutzen zu können.

MITTEL- UND LANGFRISTIGE HERAUSFORDERUNGEN: KIRCHENAUSTRITTE UND DEMOGRAFIE

Schaut man auf die mittelfristige Entwicklung der wirtschaftlichen Situation des Bistums Essen, so ist hier vor allem die Zahl der Kirchenmitglieder relevant, die sich aus demografischen Gründen und angesichts von Kirchenaustritten weiterhin spürbar reduzieren dürfte. Kommt es zu den oben beschrieben zusätzlichen Kirchenaustritten als Folge der Corona-Pandemie, verstärkt sich damit ein Negativtrend im Bistum Essen, der 2019 einen neuen Höhepunkt erreicht hat: Bei 7.216 Austritten lag der relative Wert im Vergleich zur Gesamtmitgliederzahl im Bistum Essen mit 0,98 % so hoch wie nie zuvor und etwa doppelt so hoch wie der langjährige Mittelwert. Auch wenn dieser Höchstwert in den folgenden Jahren womöglich nicht wieder erreicht wird, deutet derzeit nichts auf eine Trendumkehr hin. Vielmehr könnten weitere kirchenpolitische Themen, die vom Bistum Essen oft kaum zu beeinflussen sind, zu weiteren Kirchenaustritten führen.  Hinzu kommt, dass sich insbesondere in den Jahrgängen mit ohnehin schon relativ vielen Kirchenaustritten – etwa zwischen dem 22. und 32. Lebensjahr – die Zahl der Austritte weiter erhöht hat. Neben den dramatischen pastoralen Konsequenzen dieser Entwicklung ist dieser Trend für das Bistum Essen auch fi nanziell brisant: Ein Mensch, der z. B. mit 28 Jahren seinen Kirchenaustritt erklärt, wird in den folgenden geschätzt rund 40 Jahren seiner Erwerbstätigkeit keinerlei Kirchensteuer mehr zahlen. Daneben hat sich auch die bereits in früheren Jahren beschriebene erhöhte Austrittsneigung rund um das 50. Lebensjahr im vergangenen Jahr verstärkt, wie die folgende Grafik zeigt.

Sollte jedoch die Austrittsquote höher ausfallen, dann würde die Anzahl der Kirchensteuer zahlenden Katholiken entsprechend stärker sinken. Ebenso können wirtschaftlich bedingte Veränderungen der Beschäftigtenzahl sowie der Einkommen und Gehälter oder etwaige Reformen der Einkommensbesteuerung die projizierten Entwicklungen positiv wie negativ beeinflussen. Auch das zwischen den deutschen (Erz-) Bistümern jährlich stattfindende Clearing, d. h. die letztendliche Zuordnung der erhaltenen Brutto-Kirchensteuern zu den Wohnortbistümern, kann nennenswerte  Veränderungen bei der verbleibenden Netto-Kirchensteuer verursachen.

FINANZENTWICKLUNG

Die zum Ende des ersten Halbjahres 2020 veröffentlichten, aktualisierten Prognosen renommierter Wirtschaftsforschungsinstitute lassen nach wie vor große Unsicherheit mit Blick auf die weitere Entwicklung der deutschen Wirtschaft erkennen. Es wird jedoch deutlich, dass aktuell einhellig von einem V-förmigen Verlauf der Wirtschaftsentwicklung ausgegangen wird: Dem massiven Einbruch im zweiten Quartal soll ein nahezu ebenso starker Aufschwung folgen.

Diese Erwartungen fließen maßgeblich in die Kirchensteuerprognose ein, die für das laufende Jahr 2020 bei Netto-Erträgen von 163 Mio. Euro liegt. Dabei haftet dieser Prognose jedoch dieselbe große Unsicherheit an, die derzeit alle Einschätzungen der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung begleitet. Dank umsichtiger Planung und sparsamen Wirtschaftens in den vergangenen Jahren würden die Bistumsfinanzen indes aktuell auch eine mögliche weitere Verschlechterung der Wirtschaftslage noch in einem gewissen Maße verkraften.

FAZIT

Die Corona-Krise wird nach jetzigem Stand tiefe Spuren in den Bistumsfinanzen hinterlassen und für die kirchliche Arbeit in der Diözese wahrscheinlich weitere Einschnitte bedeuten. Dennoch machen es die in der Vergangenheit gebildeten Rücklagen möglich, ein Defizit kurzfristig aufzufangen. Insofern befindet sich das Bistum aktuell immer noch in einer stabilen finanziellen Situation. Schon vor der Corona-Krise stand das Bistum jedoch vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen, die in den Finanzberichten der vergangenen Jahre beschrieben wurden und noch nicht gelöst sind. Insbesondere die drohende Finanzierungslücke zwischen den voraussichtlich allenfalls stagnierenden Erträgen und den – allein durch die Lohn- und Preissteigerung – kontinuierlich zunehmenden kirchlichen Ausgaben wird ohne wirksame Gegenmaßnahmen zu einer deutlichen Verringerung bis hin zur vollständigen Aufzehrung des vorhandenen Eigenkapitals führen.

Deshalb bedarf die finanzielle Entwicklung fortwährend des Abschieds von Arbeits- und Themenfeldern, die für das Bistum weniger relevant sind als andere, die durchaus auch ausgebaut und neu entwickelt werden. Hier helfen die nach wie vor bestehenden vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten dabei, das Ruhrbistum unter pastoralen Gesichtspunkten weiterhin zukunftsorientiert auszurichten. Daneben muss die organisatorisch zeitgemäße Aufstellung des Bistums mit seinen Pfarreien und Einrichtungen weiter vorangetrieben werden, um möglichst viele Menschen in ihrer Lebenswirklichkeit begleiten zu können. Auch wenn die Umsetzung dieses Strukturwandels nun unter erschwerten Bedingungen erfolgt, ist sie doch zwingend erforderlich, um die Handlungsfähigkeit der Kirche im Bistum Essen zu erhalten.

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