Perspektiven

Ertragsentwicklung


Für das Bistum Essen stellt die Kirchensteuer die mit Abstand wichtigste Ertragsquelle dar. Damit bestimmt sie maßgeblich die Finanzierbarkeit des kirchlichen Handelns. Ihre künftige Entwicklung hängt vor allem von folgenden Faktoren ab:

  1. Die Anzahl der (Kirchensteuer zahlenden) Mitglieder: Hier sind neben der demografischen Entwicklung vor allem die Kirchenaustritte und die Zahl der Erwerbstätigen relevant. Auf lange Sicht spielt auch die Anzahl der Taufen eine Rolle.
  2. Die allgemeine Entwicklung der Löhne und Renten sowie ihre Auswirkungen auf die individuellen Einkommen der Mitglieder und deren Besteuerungsgrundlagen.

Mit Blick auf die demografische Entwicklung stehen der katholischen Kirche in Deutschland – wie der gesamten Gesellschaft – in den nächsten Jahren vor allem der Renteneintritt der „Babyboomer“-Generation und damit verbundene Steuereinbußen bevor. Die folgende Darstellung könnte für die kommende Dekade eine regelrechte „Kirchensteuerklippe“ vermuten lassen. Dies gilt umso mehr, als jüngste empirische Untersuchungen der Bergischen Universität Wuppertal bestätigen, dass das Wunschrenteneintrittsalter – u. a. befördert durch die abschlagsfreie „Rente ab 63“ – zunehmend sinkt.

Die „Babyboomer“, also die Generation der zwischen Mitte der 1950er und Mitte der 1960er Jahre Geborenen, werden zwar nicht alle gleichzeitig in Rente gehen. Schwerpunktmäßig wird dies zwischen Anfang der 2020er und Anfang der 2030er Jahre der Fall sein. Doch aufgrund ihrer großen Anzahl werden sie in der künftigen Kirchensteuerentwicklung eine Lücke hinterlassen, die weder durch die nachrückenden Katholikengenerationen noch durch die Einführung der nachgelagerten Besteuerung von Renteneinkünften geschlossen werden kann.

Gesteigert wird dieser Effekt mittel- bis langfristig durch das seit Jahren hohe Niveau an Kirchenaustritten, die 2018 noch weiter zunahmen. Während negative Ereignisse in der Kirche eher ältere Katholikinnen und Katholiken zum Austritt bewegen, ist in den vergangenen Jahren vor allem bei der jüngeren Generation im Alter zwischen 20 und 35 Jahren ein stetig-systematischer Anstieg der Austrittsquoten zu beobachten.

Hinsichtlich der Auswirkung auf die Kirchensteuerentwicklung spielt dabei eine große Rolle, wer konkret austritt. Denn nach jüngsten Untersuchungsergebnissen des Forschungszentrums Generationenverträge der Universität Freiburg entrichten mehr als die Hälfte aller Katholiken im Ruhrbistum gar keine Kirchensteuer und rund 75 % aller Kirchensteuern stammen von nur 15 % der Mitglieder. Die durchschnittliche Kirchensteuerzahlung der 20- bis 35-Jährigen beträgt rund 350 Euro pro Jahr, während die beruflich zumeist etabliertere Alterskohorte der 45- bis 60-Jährigen rund 700 Euro beisteuert. Darin liegt einer der Gründe, warum die Kirchensteuerentwicklung bislang noch so stabil verläuft. Umgekehrt besteht ein hohes Minderungsrisiko für den Fall, dass verstärkt überdurchschnittlich verdienende Katholikinnen und Katholiken aus der Kirche austreten.

Die derzeitige und absehbare Anzahl an Taufen wird diese Entwicklungen nicht auffangen können, zumal wesentliche finanzielle (Kirchensteuer-) Beiträge in der Regel erst mehr als 20 Jahre nach diesem Ereignis fließen.

Neben der zahlenmäßigen Entwicklung der kirchensteuerpflichtigen Katholiken ist für die Kirchensteuer die Höhe ihres jeweiligen Einkommens von Bedeutung, da sich hieran die individuelle Zahlung bemisst. Neben der in den  vergangenen Jahren vor allem aufgrund der guten Konjunktur gestiegenen Erwerbstätigenquote ist dies der Hauptgrund für die bislang insgesamt erstaunlich robuste Entwicklung der Kirchensteuereinnahmen: Die individuellen Einkommens- und damit Kirchensteuerzuwächse kompensieren den kontinuierlichen Rückgang der Mitgliederzahl im Bistum Essen.

Auf Grundlage einer gemeinsamen Studie mit dem Forschungszentrum Generationenverträge der Universität Freiburg erwarten wir selbst für die nähere und mittelfristige Zukunft eine grundsätzliche Fortsetzung dieses ausgleichenden Effekts. Zwar wird die Anzahl der Kirchenmitglieder voraussichtlich weiter sinken. Gemäß der aufgezeigten wirtschaftlichen Gesamtentwicklung gehen wir aber im Basisfall auch für die kommenden Jahre annähernd von einer nominalen Konstanz der Netto-Kirchensteuereinnahmen aus.

Sollte jedoch die Austrittsquote höher ausfallen, dann würde die Anzahl der Kirchensteuer zahlenden Katholiken entsprechend stärker sinken. Ebenso können wirtschaftlich bedingte Veränderungen der Beschäftigtenzahl sowie der Einkommen und Gehälter oder etwaige Reformen der Einkommensbesteuerung die projizierten Entwicklungen positiv wie negativ beeinflussen. Auch das zwischen den deutschen (Erz-) Bistümern jährlich stattfindende Clearing, d. h. die letztendliche Zuordnung der erhaltenen Brutto-Kirchensteuern zu den Wohnortbistümern, kann nennenswerte  Veränderungen bei der verbleibenden Netto-Kirchensteuer verursachen.

Die resultierende finanzielle Herausforderung wird erst bei Gegenüberstellung von Einnahmen- und Aufwandsentwicklung deutlich: Während der erwartete Mitgliederrückgang zunächst offenbar durch steigende (kirchen-) steuerpflichtige Individualeinkommen kompensiert werden kann, steigen die kirchlichen Ausgaben weiter.
Das Kirchensteueraufkommen bleibt zwar nominal annähernd konstant, verliert jedoch faktisch an Wert. Insgesamt drohen die erwarteten Ausgaben, die vornehmlich aus den an den öffentlichen Dienst gekoppelten Gehältern sowie aus Bau- und Instandhaltungsaufwendungen bestehen, weit stärker zu steigen als die Gesamterträge, die u. a. auch die Zuweisungen des Landes NRW zur teilweisen Schulfinanzierung beinhalten. Selbst bei konservativem Ansatz des  angjährigen Inflationsziels der Europäischen Zentralbank in Höhe von 2 % p. a. würden die Ausgaben des Ruhrbistums rechnerisch bereits in naher Zukunft die Gesamterträge jährlich in zweistelliger Millionen-Euro-Größenordnung überschreiten. Das vorhandene Eigenkapital wäre dann in relativ kurzer Zeit aufgezehrt.


Fazit

Während die Erträge mittelfristig stagnieren, steigen die Ausgaben bei Verzicht auf entsprechende Gegenmaßnahmen kontinuierlich. Die aktuell noch relativ gute finanzielle Situation darf daher nicht dazu verleiten, die Augen vor den immensen künftigen Herausforderungen zu verschließen.

Deshalb müssen wir weiter offen zukunftsfähige Handlungsfelder und Strukturen der Kirche diskutieren und fördern. Hierzu haben wir in den Leitlinien unseres Zukunftsbildes zahlreiche Projekte aufgelegt. Beispielsweise zeigt die 2018 veröffentlichte und seitdem bundesweit diskutierte Kirchenaustrittsstudie des Bistums Essen („Kirchenaustritt – oder nicht? Wie Kirche sich verändern muss“) zentrale Gründe auf, warum Katholikinnen und Katholiken die Kirche verlassen. Die Studie zeigt aber auch, warum sie Kirchenmitglieder bleiben und was getan werden kann, um diese Bindung dauerhaft zu stärken. Um die Zahl der Austritte zu verringern, fordert sie die Kirche u. a. dazu auf, nicht nur die besonders aktiven Mitglieder der „Kerngemeinden“ in den Blick zu nehmen, sondern ebenso die  Katholiken, die nur selten ihre Angebote nutzen. Daneben muss sich auch das Ruhrbistum als Institution  organisatorisch zeitgemäß aufstellen, um auch zukünftig möglichst viele Menschen in ihrer jeweiligen Lebenswirklichkeit begleiten zu können. Die dargelegte finanzielle Entwicklung wird weiterhin den konsequenten Abschied von Arbeits- und Themenfeldern bedeuten, die für das Bistum weniger relevant sind. Dies gilt aktuell insbesondere in den laufenden Pfarreientwicklungsprozessen. Die derzeit noch relativ entspannte finanzielle Lage kann uns helfen, die Übergangsphase dieses Strukturwandels gut zu gestalten und zu begleiten.

Kontakt zum Autor

Leitung der Hauptabteilung

Dr. Daniel Beckmann (Dipl. Wirtsch.-Ing.)

Zwölfling 16
45127 Essen