8000 Angerhausen-Dias entdeckt – aber seine Konzils-Tagebücher fehlen

Bistum Essen

Junge Essener Doktorandin hat das Fotoarchiv des 1990 verstorbenen ersten Essener Weihbischofs aufgespürt. Jetzt werden die 8000 Dias im Bistumsarchiv ausgewertet. Doch wo sind die Tagebücher, die Angerhausen als Teilnehmer des Zweiten Vatikanischen Konzils geschrieben hat?

Nach jahrelanger Suche ist das Foto-Archiv des ersten Essener Weihbischofs Julius Angerhausen (1911 - 1990) wieder aufgetaucht

Miriam Niekämper, Doktorandin der Ruhr-Uni Bochum, fand die Bilder zusammen mit Bistums-Archivar Severin Gawlitta

Jetzt sucht Niekämper noch Angerhausens Tagebücher aus der Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils

Nur das Leuchten in den Augen von Miriam Niekämper und Severin Gawlitta lässt ahnen, dass sich in diesen Umzugskartons ein wahrer Schatz befindet. Ohne die Freude der beiden Wissenschaftler sieht man flache Metallgestelle in den Kisten stehen, jedes mit Dutzenden grauen Dia-Rähmchen vollgesteckt. Doch die analogen Vorgänger von Powerpoint und Pinterest haben es in sich: Die insgesamt 8000 Aufnahmen sind das private Fotoarchiv von Weihbischof Julius Angerhausen (1911 – 1990), dem ersten Weihbischof des Bistums Essen. Längst verschollen geglaubt, sind die Bilder 30 Jahre nach dem Tod des passionierten Hobby-Fotografen wieder aufgetaucht – dank der Beharrlichkeit eines erfahrenen Archivars und der Spürnase einer jungen Forscherin.

„Vor fünf Jahren habe ich einen ersten Versuch gemacht, die Bilder wiederzufinden“, berichtet der Historiker Severin Gawlitta vom Bistumsarchiv. Schließlich war bekannt, dass Angerhausen viel fotografiert hat – und dass seine Bilder später in den Bestand der Essener Bild-Agentur „foto-present“ übergegangen sind. „Doch dann verlor sich ihre Spur“, erinnert sich Gawlitta. Denn als bei der Auflösung von „foto-present“ alle Fotografen vor die Wahl gestellt wurden, ihre Bilder abzuholen oder vernichten zu lassen, lebte Angerhausen schon nicht mehr. So musste Historiker Gawlitta für Angerhausens Dias das Schlimmste befürchten. Immerhin: In vielen Gesprächen, unter anderem mit ehemaligen Beschäftigten der Agentur, erhielt Gawlitta den Tipp, es im Ostwestfälischen bei einem Haus zu versuchen, das nach dem Heiligen Bonifatius benannt ist. Doch auch der vermeintlich goldene Tipp auf das Bonifatius-Werk in Paderborn entpuppte sich als Niete – niemand wusste etwas über die Dias des Weihbischofs.

Angerhausen-Expertin steigt in die Suche ein

Bis Miriam Niekämper in die Suche einstieg. Die 27-jährige Doktorandin am Bochumer Lehrstuhl für Kirchengeschichte von Juniorprofessor Florian Bock ist eine einschlägige Expertin, wenn es um den ansonsten bislang kaum erforschten, eher stilleren, spirituellen und in vielerlei Hinsicht vom ersten Ruhrbischof Franz Hengsbach überstrahlten Angerhausen geht. Schon Niekämpers prämierte Bachelor- und Masterarbeiten an der Ruhr-Uni beschäftigten sich mit dem in Warendorf geborenen, 1935 in Münster von Bischof von Galen geweihten und dann als Kaplan nach Duisburg entsandten Priester, den eine große Nähe zur Arbeiterschaft auszeichnete und der ab 1958 das Seelsorgeamt des neu gegründeten Ruhrbistums aufbaute. Für ihre Doktorarbeit sucht Niekämper im Bistumsarchiv vor allem nach Tagebüchern, die Angerhausen während seiner Teilnahme am Zweiten Vatikanischen Konzil (1962 – 1965) geschrieben hat. Bei der historischen Bischofsvollversammlung in Rom war der Essener Weihbischof einer von 40 Bischöfen aus aller Welt, die sich bei einer gemeinsamen Messe im „Katakombenpakt“ zu einem einfachen Lebensstil und zum Dienst an den Armen verpflichtet haben. Niekämper und Gawlitta machten sich nun gemeinsam auf die Suche. Ihre Hoffnung: Wo die Dias sind, sind vielleicht auch die Konzilstagebücher. Schließlich habe Angerhausen „seine Tagebücher gleich so geschrieben, dass er später alle Informationen für einen Dia-Vortrag parat hatte“, weiß Niekämper. Auch „foto-present“ dürfte die Tagebücher mindestens zur Beschriftung der Bilder genutzt haben. „Wir wissen, dass Dias und Tagebücher am gleichen Tag an ,foto-present‘ gegangen sind“, so Gawlitta.

Die entscheidende Spur führte nach Detmold

Forschung über die Bistums-Geschichte

Seit zwei Jahren ist der Theologe Florian Bock der erste Inhaber der neu geschaffenen Juniorprofessur für die Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit, die insbesondere die Zeitgeschichte und die Geschichte des Bistums Essen in den Blick nehmen soll. Das Ruhrbistum hat Bocks Stelle gemeinsam mit der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ruhr-Uni eingerichtet – und finanziert sie zu zwei Dritteln. Mit seiner Arbeit knüpft der Essener Florian Bock an die Forschungen des 1976 vom ersten Ruhrbischof Franz Hengsbach gegründeten und gut 40 Jahre tätigen Instituts für kirchengeschichtliche Forschung des Bistums Essen an.

Dann hatte die junge Theologin die entscheidende Idee: Der „Bonifatius“-Hinweis könnte sich auch auf das Institut St. Bonifatius in Detmold beziehen, ein Exerzitienhaus, in dem Weihbischof Angerhausen oft zu Gast war. Ein Volltreffer: In dem Haus auf dem Detmolder Kupferberg lagerten die Dias, gut gepflegt, aber dennoch ein wenig in Vergessenheit geraten. Von den heute dort lebenden Missionsbenediktinerinnen konnte sich jedenfalls keine daran erinnern wann und wie die Bilder zu ihnen gekommen sind. Und ganz unlieb war es ihnen vielleicht auch nicht, die Jahrzehnte alten Bilder nun im Essener Bistumsarchiv an Ort und Stelle zu wissen.

Was die Bilder zeigen, ist größtenteils noch offen. Vor allem dürfte es sich um Bilder von Auslandsreisen handeln, vermutet Gawlita, schließlich war Angerhausen in der Deutschen Bischofskonferenz Vorsitzender der Weltkirche-Kommission. „Die Auswertung ist gerade erst angelaufen“, sagt Gawlitta, dem dabei die akribischen Beschriftungen Angerhausens helfen. Zudem sollen die Dias digitalisiert werden, um sie besser durchsuchen und präsentieren zu können. Nur Niekämpers Forschung haben die Bilder kaum weiter gebracht: „Die Konzils-Tagebücher waren leider nicht im Institut St. Bonifatius.“

Die Konzils-Tagebücher bleiben verschollen

Interessieren würden die junge Frau die Aufzeichnungen des Bischofs nicht nur wegen der historischen Bedeutung rund um Konzil und Kastakombenpakt, sondern vor allem mit Blick auf die „Fraternität der kleinen Bischöfe“. Angerhausen war Sekretär und wohl auch Motor dieses Netzwerks aus 20 Bischöfen aus Lateinamerika, Afrika, Asien und Europa, die nach dem Konzil monatlich Briefe austauschten und sich – ähnlich dem Katakombenpakt – der Idee einer Kirche der Armen verschrieben hatten. Nach ihrer bereits ausgezeichneten Bachelorarbeit soll sich nun auch ihre Dissertation mit diesem Netzwerk beschäftigen. Etwa zwei Jahre hat sie dafür noch Zeit – und Hoffnung, dass die Tagebücher vielleicht doch noch auftauchen. Unter Umständen könnte es jedoch schwierig sein, sie in einem Keller, Aktenschrank oder auf einem Dachboden als den Schatz zu erkennen, den sie für Niekämpers Forschung und das Bistumsarchiv bedeuten. „Auf manchen Reisen hat Angerhausen in Taschenkalender aus der Arztpraxis seiner Schwester geschrieben“, weiß Niekämper. Da stünden die Bischofs-Notizen auch schon mal zwischen Medikamentenwerbung.

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