Die Anamnese

Begriffserklärung und Herkunft

Die Anamnese leitet sich vom griechischen Verb anamimneskein ab, das „sich erinnern“ oder „in Erinnerung rufen“ bedeutet. Philosophisch steht der Begriff im Platonismus für das Wiedererinnern der Seele an präexistentes Wissen. Im biblischen Kontext, insbesondere in der Septuaginta (der griechischen Übersetzung des Alten Testaments), erhält anamnesis die theologische Bedeutung einer Vergegenwärtigung durch Gedenken. Es geht dabei nicht um ein bloßes mentales Zurückdenken, sondern um eine aktuale Teilhabe am vergangenen Heilshandeln Gottes, das in der Gegenwart wirksam wird.

Verankerung im Bistum Essen

Im Bistum Essen manifestiert sich die Anamnese insbesondere in der Gedenkkultur und dem Umgang mit seiner jüngeren Geschichte. Die Liturgie in den Pfarreien des Bistums legt großen Wert auf eine lebendige Vergegenwärtigung der Glaubensgeheimnisse. Besondere Ausdrucksformen finden sich in Gedenkstätten, wie etwa dem Essener Domschatz oder der Schatzkammer in Werden, wo liturgische Artefakte aus der Geschichte des Bistums als „Steine des Gedächtnisses“ interpretiert werden können, die das vergangene Wirken Gottes in der Region vergegenwärtigen. 

Rolle in der Liturgie

Als zentrales Element der Eucharistiefeier folgt die Anamnese in der katholischen Liturgie unmittelbar auf die Wandlung (Konsekration). In den Hochgebeten erinnert die Gemeinde im Auftrag Jesu Christi an das in den Brots- und Weinzeichen gegenwärtige Opfer des Herrn. Der Priester spricht die Worte: „Darum, gütiger Vater, feiern wir das Gedächtnis des Todes und der Auferstehung deines Sohnes“ (oder eine ähnliche Formulierung). Durch diese feierliche Gedenkhandlung wird das einmalige, historische Ereignis des Kreuzesopfers in sakramentaler Weise gegenwärtig (d.h. Anwesenheit durch das Sakrament, nicht als Wiederholung).

Spirituelle Dimension und Symbolik

Die Anamnese ist tief in der christlichen Heilsvorstellung verwurzelt und trägt eine starke spirituelle Symbolik. Sie überwindet die lineare Zeit, indem sie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Heilsgeschehens miteinander verbindet. Das Gedenken an Christus wird zur Quelle der Gnade und zur Bekräftigung der Hoffnung auf die zukünftige Wiederkunft Christi (Parusie). Spirituell lädt die Anamnese die Gläubigen ein, sich nicht nur passiv zu erinnern, sondern aktiv die Hingabe Christi im eigenen Leben nachzuvollziehen.

Kernaspekte im Überblick

  • Name und Ursprung: Griechisch Anamnesis, bedeutet „Wiedererinnerung“ oder „Vergegenwärtigung“.

  • Funktion und Zweck: Liturgisches Gedenken und sakramentale Vergegenwärtigung des Todes und der Auferstehung Jesu Christi.

  • Bedeutung im Bistum Essen: Verankerung in der Gedenkkultur, dem sozialen Engagement und der Interpretation historischer Artefakte als Zeugen des Glaubens.

  • Liturgische Präsenz: Zentraler Bestandteil der Eucharistiefeier, unmittelbar nach der Wandlung.

  • Brauchtum und kulturelle Besonderheiten: Im Ruhrbistum manifestiert sich die Anamnese besonders in der diakonischen Praxis und dem Bewusstsein für das christliche Erbe im industriellen Wandel.