von Jürgen Flatken

Straßenexerzitien: sensibel für die Welt und für Gott

Unter dem Motto „Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, die Gassen und Plätze“ trifft sich in diesen Tagen die Arbeitsgemeinschaft deutscher Diözesen für Exerzitien und Spiritualität“ (ADDES) in der Mülheimer Bistumsakademie „Die Wolfsburg“. Viel Zeit verbringen die Seelsorgerinnen und Seelsorger dabei nicht in der Akademie, sondern draußen, auf der Straße.

„Wir sind alle Kopfmenschen“, bringt es Klaus Kleffner, Spiritual des Bistums Essen und Leiter vom „team exercitia“ auf den Punkt. Daher hätten die Organisatoren der bundesweiten Studientagung für Exerzitien-Fachleute in der Bistumsakademie „Die Wolfsburg“ den Schwerpunkt der Veranstaltung ganz bewusst praktisch angelegt. Statt nachzudenken ist bei der noch bis Freitag laufenden Tagung wahrnehmen und spüren angesagt. Und „nicht sich Gott selber machen und ihn hinter jedem Grashalm husten hören“, so der Spiritual weiter. „Er findet mich schon. Ich darf darauf vertrauen, dass er das kann.“ Straßenexerzitien seien die ideale Möglichkeit, Gott zu entdecken, seine Zeichen zu sehen, neugierig zu werden.

Die 38 Teilnehmenden der Fachtagung zu der die „Arbeitsgemeinschaft deutscher Diözesen für Exerzitien und Spiritualität“ (ADDES) eingeladen hatte, wurden zwei Tage lang buchstäblich auf die Straße geschickt, um sich aus ihrem Alltagsgeschäft zu befreien und den Tunnelblick zu durchbrechen. „Wie bei Moses, der plötzlich einen brennenden Dornbusch sieht, neugierig wird, sich ihm nähert und von Gott angesprochen wird. Nicht in einem Tempel, sondern draußen“, erklärt Kleffner.

Die „Exerzitien auf der Straße“ sind vor knapp 20Jahren in Berlin geboren worden. Der Jesuit und Arbeiterpriester Christian Herwartz ist zu der Überzeugung gekommen, dass in einem anderen Umfeld, in der sogenannten Fremde eine Spur Gottes zu entdecken sei. Aus der Idee, Gott an einem anderen, ungewöhnlichen und ungewohnten Ort zu suchen, wurde eine Bewegung, die inzwischen weit verbreitet ist und „Straßenexerzitien“ genannt wird. Und wie in allen Exerzitien geht es darum, einen geistlichen Blick, ein geistliches Suchen einzuüben. „Und wahrzunehmen, was in mir und um mich herum ist und darin die Spuren Gottes zu entdecken“, betont Martina Patenge, Referentin für Spiritualität im Bistum Mainz und Sprecherin der ADDES bei einem Treffen in der Duisburger Innenstadt.

„Das Verrückte war, dass keiner einen Plan hatte und einfach losgegangen ist“, erzählt Patenge lachend vom Beginn Straßenexerzitien. „Erst war es ungewohnt, sich einfach treiben zu lassen und für sich klar zu bekommen: Es muss nichts dabei herauskommen. Keine Ergebnisse. Kein frommer Gedanke.“

Über die ADDES

Die ADDES gibt es bereits seit über 90 Jahren. Im Jahr 1928, beim Katholikentag in Magdeburg, haben die damaligen Exerzitien-Sekretariate der Diözesen Deutschlands für ihre Zusammenarbeit die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Diözesen für Exerzitien und Spiritualität (ADDES) gegründet. Inzwischen ist daraus eine grenzübergreifende Kooperation mit anderen deutschsprachigen Einrichtungen für Exerzitienarbeit geworden. In jedem Bistum ist ein Büro eingerichtet worden, das geistliche Angebote koordiniert. Hier erfahren Interessierte, welche Möglichkeiten zur Glaubensvertiefung, geistlichen Begleitung und zu Exerzitien die jeweiligen Bistümer anbieten. Besonders Exerzitien wollen dabei helfen, Antworten auf zentrale Lebensfragen zu finden.

Es galt nur darauf zu achten, was beim Gehen mit einem geschieht und auf die Umgebung. „Das sich Einlassen auf unbekanntes Terrain kostet Überwindung. Und es kostet Kraft, die eigenen Grenzen zu überschreiten und sich in Fremdes hineinzuwagen, wie in Stadtviertel, die man vielleicht normalerweise meiden würde“, fährt die ADDES-Sprecherin fort.

„Die Straßenexerzitien lassen einen sensibel werden für die Welt und für die Ansprache Gottes“, erzählt Kleffner. „Wenn wir ohne Stress, ohne To-do-Liste, ohne Tagesplan, vollkommen unverzweckt durch die Straßen laufen, verlieren wir unsere Scheuklappen und überwinden unseren Tunnelblick. Und wir sehen plötzlich wieder unseren Nächsten und unsere Umwelt.“

„Vielleicht traut man sich, auch einfach einmal die Schuhe auszuziehen und nachzuspüren, ob der Boden auf dem ich stehe, heiliger Boden ist“, ermutigt Kleffner zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Denn die Schuhe würden zwar auf der einen Seite vor Verletzungen schützen, „engen andererseits aber auch ein, setzen Grenzen“. Die Schuhe der Herzen einmal auszuziehen bedeute, sich von Vorurteilen und eigenen Grenzen zu befreien und offen zu werden für das Gegenüber und Gott.

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