von Cordula Spangenberg

Mitten in der Kirchenkrise: Erwachsenen-Firmung

Krise, Glaube, Zuversicht – erwachsene Firmbewerber sind oft durch die harte Schule des Lebens gegangen.

Heavy Metal, Alkohol, Altenpflege, Depression - und dann die Firmung: Stefan

Schwere Zeiten, Glück, Tod - die Firmung ist ein Versprechen an ihren verstorbenen Mann: Victoria

Plötzlich aus dem aktiven Alltag gerissen und dann "Gott ist da": Patricia

Oft ist es eine persönliche Krise, die Menschen dazu veranlasst, als Erwachsene die Firmung nachzuholen, die sie in der Jugendzeit verpasst haben. Victoria (28), Patricia (36) und Stefan (52) gehören zu den 14 Firmanden, die am Pfingstmontag im Essener Dom durch Weihbischof Ludger Schepers das Sakrament empfangen haben, in dem es um die Gaben des Heiligen Geistes geht.

Stefan: „Die ewige Suche nach der Wahrheit – das ist mein Ding“

Weisheit, Einsicht, Rat, Erkenntnis, Stärke, Frömmigkeit, Gottesfurcht: Diese „Gnadengaben“ waren Stefan (52) nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Er wuchs in einer evangelischen Familie auf, hatte auch „tolle Erlebnisse“ in der katholischen Jugendarbeit und empfand die Konfirmations-Vorbereitung als „ziemlich locker“. Dann folgten wilde Jahre: Stefan ist Bassgitarrist; mit seiner Heavy Metal-Band zog er durch die Gegend, abends wurde hart getrunken. Später wurde es etwas ruhiger: Hochzeit, Kind, diverse Jobwechsel, dann eine Ausbildung in der Altenpflege. Die war auch religiös motiviert: „Ich wollte etwas zurückgeben für die vielen Male, die mir mein Glaube Halt gegeben hat.“

Zwei Dinge begleiteten Stefan viele Jahre konstant durchs Leben: Der Glaube an Gott – und der Alkohol. Der wurde ihm schließlich zum Verhängnis, mit Anfang 40 ließ er die Sucht dann hinter sich. Doch ein paar Jahre später kamen Depressionen hinzu, und schließlich stand eine Langzeittherapie am Möhnesee an, mitten unter Soldaten und ausgebrannten Pflegekräften. Dort kam er schwer ins Grübeln : „Was hat mir eigentlich geholfen, immer wieder selbst aus der größten Scheiße wieder aufzustehen? Was liebe ich am meisten?“ Seinen persönlichen Wendepunkt kann Stefan genau benennen: Frühlingsanfang 20. März 2021, Sonnenaufgang um 6.24 Uhr am Möhnesee: „Ich wusste in genau diesem Moment, dass mein Weg aus der Dunkelheit der Depressionen beginnt.“ Aber so wichtig die Therapie auch war: „Da fehlte mir noch etwas.“ Wieder zu Hause in Bottrop suchte er sich deshalb einen Seelsorger, führte mit ihm in der menschenleeren St. Cyriakus-Kirche intensive Gespräche, las Bücher über Martin Luther, den Papst und in der Bibel: „Was für ein Buch! Einige Zeilen sind nur für mich geschrieben!“

Vor einem Jahr ist Stefan zur katholischen Kirche konvertiert: „Die ewige Suche nach der Wahrheit – das ist mein Ding.“ Die Firmung am Pfingstmontag ist der folgerichtige Schritt: „Das ist mein Gelübde dem Herrn gegenüber. Der hat mir schon so viel gegeben.“ Stefan hat sich seine christliche Überzeugung als Tattoo in den Arm stechen lassen. Er ist Kirchgänger, geht gelegentlich auch mittwochs in die Messe und fühlt sich als Teil der Gottesdienstgemeinschaft: „Früher kannte ich ja keine Grenzen. Die Messe mit ihrer festen Struktur hilft mir.“

Victoria: „Nie aufgeben – in guten wie in schlechten Tagen“

Victoria (28) war eigentlich mit sich und ihrem Glauben im Reinen. Selbst in den zehn Monaten, in denen sie ihren schwerkranken Verlobten gepflegt und ihm geholfen hat, nach einer Hirn-Operation wieder auf die Beine zu kommen, war das Gebet für sie eine Selbstverständlichkeit. Dennoch hat Victoria dann drei Jahre lang schwer mit Gott gehadert. Denn ihr Mann starb in ihren Armen – fünf Tage nach ihrer Trauung, während er ein Hochzeitsgeschenk auspackte. Die bereits geplante Hochzeit hatte er auf keinen Fall verschieben wollen: Ein Fest, auf dem er dann tatsächlich wieder tanzen und lachen konnte.

„Unsere Pfarrkirche war lange Zeit ein rotes Tuch für mich“, sagt Victoria heute – dieses Gotteshaus, in dem sie geheiratet, ihren Mann zu Grabe getragen und kürzlich seinen Todestag betrauert hat. Warum sie die in der Jugend verpasste Firmung nun nachholt? „Ich habe meinem Mann, Gott und mir selbst versprochen, dass ich nie aufgebe – in guten wie in schlechten Tagen.“ Denn ihr sehr gläubiger Mann habe ihr geraten: „Geh den Weg deiner Taufe und Kommunion weiter. Damit gehst du ein Versprechen ein.“ Erwachsener sei ihr Glaube in der Firmvorbereitung geworden, sagt Victoria. Und ihren beiden Patenkindern will sie mit gutem Beispiel voran gehen. Während der Firmfeier im Essener Dom – dem Versprechen, das sie ihrem Mann gegeben hat – fühlte sie ihn in Gedanken nah bei sich: „Er fehlt mir jeden Tag.“

Patricia: „Irgendwann kam für mich dieser Punkt: Gott ist da“

Auch Patricias (36) Leben war ausgefüllt: Schule, ein USA-Schüleraustausch im Firm-Alter, Studium, Beruf und nebenbei sehr viel Sport. Da blieb wenig Gelegenheit, sich mit dem Woher und Wohin des Lebens zu beschäftigen, „auch wenn ich an Gott geglaubt habe“, sagt sie rückblickend. Aber mit Anfang 30 wurde sie beim Volleyball von heute auf morgen aus ihrem Alltag gerissen: „Ein großer Teil meiner Identität war weg.“ Eine schwere Sportverletzung führte sie in etliche Spezialkliniken. Kochen, duschen, Auto fahren – nichts ging mehr selbständig. „Unfassbare Schmerzen“ begleiteten sie über Monate, und lange war nicht klar, ob sie wieder würde laufen können. Zwei lange Jahre brauchte die Verletzung, um halbwegs auszuheilen, bis heute braucht Patricia Reha und Physiotherapie. „Wenn man so still allein zu Hause sitzt, fängt man an, nachzudenken: Was ist mir eigentlich wichtig?“ Hinzu kommt, dass Eltern und Oma ihr sagten: Wir beten für dich. „Irgendwann kam für mich dieser Punkt: Gott ist da. Ich habe wieder angefangen, selbst zu beten, das hat mir Kraft und Halt gegeben.“

Warum Firmung, wenn die anderen austreten?

„Sei besiegelt mit der Gabe Gottes, dem Heiligen Geist“, diese Worte spricht der Bischof bei der Firmung, während er mit dem Chrisam-Öl ein Kreuz auf die Stirn des Firmanden zeichnet. Victoria, Patricia und Stefan haben ihren Glauben an Gott besiegelt in einer Zeit, in der Scharen von Katholiken die Kirche verlassen. Ist das kein Problem für sie?

„Es schreckt mich nicht ab“, sagt Patricia, „Menschen in der Kirche haben schlimme Fehler begangen. Aber meinen Glauben an Gott beeinflusst es nicht.“ Victoria sagt: „Ich muss meinen Weg mit Gott weitergehen.“ Und Stefan findet es nachvollziehbar, dass Kirchenreformen ihre Zeit brauchen: „Mir geht es um die Gemeinschaft und um die Werte des Glaubens: Das ist der Kern, den man nicht gefährden darf.“

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