von Thomas Rünker

Kisten packen für den Umzug nach Tokio

Der Gelsenkirchener Pastor Mirco Quint leitet in den nächsten fünf Jahren die deutschsprachige Gemeinde in Japan.

Alle Kisten sind gepackt, vor dem Pfarrhaus in der Klosterstraße parkt der Umzugs-LKW – doch diesmal geht die Reise für Pastor Mirco Quint deutlich weiter als nur in eine neue Gemeinde im Ruhrbistum. Darauf deuten die massiven Holzkisten in den leeren Räumen der Wohnung des 43-jährigen Priesters hin, die Unmengen an weißer Polsterfolie und englischsprachige Beschriftungen wie „bed“ und „mattress“, die auch Arbeitern ohne Deutschkenntnisse ermöglichen sollen, aus dem Inhalt der Pakete wieder ein Bett zu bauen. Nach drei Jahren als Pastor an St. Augustinus in der Gelsenkirchener Altstadt wechselt Quint in den kommenden Wochen nach Tokio. Für mindestens fünf Jahre wird der gebürtige Wattenscheider dort die Gemeinde der deutschsprachigen Katholikinnen und Katholiken leiten.

Kein Abschieds-Gottesdienst für Mirco Quint

Der gebürtige Wattenscheider ist seit März 2018 Pastor der St.-Augustinus-Gemeinde in Gelsenkirchen. Zuvor war er fast sechs Jahre in St. Mauritius, Hattingen-Niederwenigern, tätig. Anders als dort verhindert aktuell die Corona-Pandemie, dass es auch in Gelsenkirchen einen großen Festgottesdienst zu seiner Verabschiedung gibt. Zum Ende des Monats will sich Quint aber zumindest noch einmal per Video an seine Gelsenkirchener Gemeinde wenden.

Das seien überwiegend „Expats“ mit ihren Familien, erklärt Quint, der die Gemeinde und seine neue Heimat bereits im Herbst ein erstes Mal besuchen konnte. Deutsche Fachleute also, die im Auftrag von Unternehmen wie Thyssen-Krupp, DHL oder Evonik eine Zeit lang in Japan leben. Rund 6500 deutsche Katholiken sind derzeit in Japan, so Quint, „die meisten von ihnen im Großraum Tokio“. Hinzu kämen Österreicher, Schweizer und vielleicht auch Gläubige aus anderen Ländern, die er künftig bei seinen deutschsprachigen Gottesdiensten in der St.-Michael-Kirche der japanischen katholischen Gemeinde wird begrüßen können.

Kleine Gemeinde in der größten Metropole der Welt

Ins Ausland möchte Mirco Quint schon seit vielen Jahren. „Nicht, weil ich das hier leid bin“, betont er mit Blick auf das Ruhrbistum. Sondern um seinen Horizont zu erweitern. Klar, in erster Linie den geografischen und kulturellen – aber als Priester natürlich immer auch den kirchlichen. Und so hofft er darauf, in Tokio viel zu lernen.

Kirchlicherseits wird er sich in der mit rund 42 Millionen Menschen größten Metropole der Welt dabei auf kleinere Maßstäbe einstellen müssen: Nur ein Prozent der Japaner sind Christen, knapp die Hälfte davon katholisch – und in seiner deutschsprachigen Gemeinde ist Quint in erster Linie auf sich allein gestellt, ohne eine Sekretärin oder andere Mitarbeiter. „Eigentlich ist alles wie bei uns, nur kleiner“, sagt Quint, wenn er auf das Gemeindeleben schaut, in dem es wie zuhause Gebetskreise, Wallfahrten und ein ökumenisches Frauenfrühstück gibt. Allerdings dürfte sich die Altersstruktur der Gläubigen deutlich von der deutscher Ortsgemeinden unterscheiden: „Die meisten Gemeindemitglieder haben in etwa mein Alter“, sagt Quint. Viele junge Familien seien dabei, deren Kinder oft auf die deutsche Schule in Tokio gehen, wo Quint wiederum Religions- und Ethik-Unterricht geben wird. Auch die Kommunion- und Firmvorbereitung in der Schule hätten Tradition.

Viele junge Familien gehören zur Gemeinde

Neben Quint gibt es in der Gemeinde noch einen 80-jährigen Jesuiten. Der Priester und Professor verweist auf die bisherige Seelsorge in der deutschsprachigen Gemeinde: Bislang feierten Professoren aus dem Jesuiten-Orden mit den Gläubigen Gottesdienst, die von Deutschland aus an die katholische Sofia-Universität in Tokio entsandt wurden. „Nun bin ich 59 Jahre nach Gründung der Gemeinde der erste Priester, der nur für die Gemeindearbeit nach Tokio kommt“, freut sich Quint.

Deutsche Seelsorge im Ausland

Seit 1921 kümmert sich das Katholische Auslandssekretariat der Deutschen Bischofskonferenz darum, Seelsorge für deutschsprachige Katholiken anzubieten, die aus den unterschiedlichsten Gründen im Ausland leben. Neben der Feier der Sakramente spielt dabei die Möglichkeit, den eigenen Glauben im Ausland in der Muttersprache leben zu können, eine wichtige Rolle. Ursprünglich nur für Auswanderer gegründet, hat das Sekretariat inzwischen noch eine Reihe anderer Personen im Blick, wie zum Beispiel Touristen oder die sog. "Expats" (Expatriates), also Menschen, die häufig mit ihren Familien von ihrer Firma ins Ausland geschickt werden. In Absprache mit ihrwem Bistum können sich deutschsprachige Seelsorger auf freie Stellen in den Auslandsgemeinden bewerben.

Die wird trotz der vergleichsweise kleinen Gemeinde umfangreich genug sein, erwartet der Priester. Denn neben Gottesdiensten und Katechese ist das Netzwerken in der Auslandsgemeinde eine wichtige Aufgabe: Goethe-Institut, Auslandshandelskammer – und immer wieder der Kontakt zu den Botschaften, die in dem deutschen Priester einen wichtigen Partner sehen. Dort hat man Quint zum Beispiel schon auf einen deutschen Strafgefangenen in einem japanischen Gefängnis aufmerksam gemacht, der Kontakt zu einem Seelsorger sucht. „Ich werde wohl immer auch ein Stück Botschafter für den deutschsprachigen Raum sein“, erwartet Quint. Das gelte auch für die Kultur: „In Japan ist die deutsche Kultur, gerade unsere Musik, sehr hoch angesehen.“ Umgekehrt will auch der Deutsche möglichst viel von der japanischen Kultur erfahren, „und möglichst schnell Grundzüge der Sprache lernen“. Denn außerhalb Tokios käme man nur mit Englisch kaum weiter. Und zuständig sei er ja für ganz Japan. Zum Beispiel auch für den Großraum Osaka-Kobe im Süden. Dort wirbt der deutsche Generalkonsul dafür, einen zweiten Standort für die deutschsprachige katholische Gemeinde aufzubauen – Überlegungen, die für den mit Kirchenschließungen und Pfarreifusionen vertrauten Priester aus dem Ruhrbistum mehr als ungewohnt sind. „Aber genau für so etwas bin ich doch mal Priester geworden. Ich möchte Aufbauarbeit leisten“, sagt Quint voller Vorfreude.

Corona verzögert die Ausreise nach Japan

Nun ist die Diplomatie auch gefragt, wenn es um Quints Abflug nach Japan mitten in der Corona-Pandemie geht. Offiziell gibt es derzeit keine Einreise-Möglichkeit – nun hofft Quint auf eine Ausnahmegenehmigung. „Mein letzter Arbeitstag hier in Gelsenkirchen ist der 30. April.“ Wenn es nach ihm geht, möchte er dann einige Tage später nach Japan aufbrechen. Bis dahin logiert er im Gästezimmer des Pfarrhauses – während seine Möbel rund sechs Wochen auf dem Seeweg unterwegs zu seinem neuen Zuhause sind.

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