„Kirche muss Konsequenzen aus der Corona-Krise ziehen“

Bistum Essen

Generalvikar Klaus Pfeffer diskutierte in der „Wolfsburg“ mit dem FAZ-Redakteur Daniel Deckers über die „Systemrelevanz“ der Kirchen angesichts geringem politischen Engagement, fehlenden Seelsorge-Angeboten und ethischen Diskussionen in der Corona-Zeit.

Das Verhalten der Kirchen in der Corona-Krise stand bei einer der ersten öffentlichen Veranstaltungen in der "Wolfsburg" nach der Corona-Pause zur Diskussion

Generalvikar Klaus Pfeffer und "FAZ"-Journalist Daniel Deckers diskutierten über die "Systemerelevanz" der Kirchen

Pfeffer plädierte für eine Aufarbeitung der Corona-Erfahrungen der Kirche, um mehr Tiefgang im Glauben zu gewinnen

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer fordert für die Kirche Konsequenzen aus der Corona-Krise. „Ein ,Alles ist vorbei, wir machen weiter wie zuvor!‘, ohne das etwas in Frage gestellt wird, darf nicht passieren“, sagte Pfeffer am Donnerstagabend in der Mülheimer Akademie „Die Wolfsburg“. „Ich finde wichtig, dass wir uns jetzt die Zeit nehmen, um zu reflektieren, was wir erlebt und erfahren haben“, betonte der Generalvikar. „Was hat es zum Beispiel mit uns gemacht, dass wir für eine lange Zeit keine Gottesdienste mehr feiern konnten?“ Pfeffer diskutierte in der Bistums-Akademie bei einer der ersten öffentlichen Veranstaltungen nach der Corona-Pause mit dem „Frankfurter Allgemeine Zeitung“-Redakteur Daniel Deckers über die Frage der „Systemrelevanz“ der Kirchen in der Corona-Krise.

Mehr Tiefgang im Glauben

Pfeffer will durch eine Aufarbeitung der Corona-Erfahrungen vor allem „mehr Tiefgang“ im Glauben der Kirchenmitglieder erreichen. „Ich finde es erschreckend, wenn wir den Eindruck erwecken, unser Glaube breche zusammen, nur weil wir keine Gottesdienste mehr feiern können“, sagte er. „Unser Glaube muss doch eine Kraft und eine innere Tiefe haben, die das aushält.“ Stattdessen habe die Corona-Krise ein „extrem ritualisiertes Verständnis von Glaube und Kirche“ offenbart, „das manchmal gar nicht so viel Tiefgang hat, wie wir meinen.“ Auch Christen seien nur Menschen, die angesichts einer Virus-Pandemie in Angst und Schrecken geraten – aber mit dem Glauben, auch in Krisen von Gott getragen zu sein, „kann man auf manches gelassener reagieren.“ Stattdessen habe ihn aber „erschüttert, wie aufgeregt und aggressiv manche Menschen geworden sind, auch in der Kirche“. Nun setze er auf eine Reflexion „ohne gegenseitige Vorwürfe“.

FAZ-Journalist Deckers analysierte eine mangelnde gesellschaftliche Bedeutung der Kirchen in der Corona-Krise. So habe Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrer Fernsehansprache Mitte März bei der Aufzählung der gesellschaftlichen Bereiche, die wegen des Virus fortan geschlossen seien, die Kirchen und Glaubensgemeinschaften nicht erwähnt. „Das war keine Boshaftigkeit“, ist sich Deckers sicher. Aber es sei bemerkenswert, dass offenbar niemandem der an der Rede Beteiligten aufgefallen sei, „dass man von Staats wegen dafür werben muss, dass die Menschen auf Gottesdienste verzichten müssen“. Nach Deckers Beobachtung hätten sich aber auch die Kirchen nicht angemessen in die Diskussionen um die richtigen Maßnahmen eingebracht. Aus den Staatskanzleien höre er: „Die Kirchen haben ihre Dinge nicht stark gemacht, die haben sich mit dem abgefunden, was vorgegeben wurde“, so Deckers. Zudem könne er sich „des Eindrucks nicht erwähnen, dass viele Bischöfe damit zufrieden waren, dass da vorne jemand steht und sie filmt - und damit war das Thema Gottesdienste für sie erledigt. Doch wenn sich die Frage nach den Gottesdiensten darauf reduziert, dass die Bischöfe sich filmen lassen und sagen, alle können zuschauen, dann stimmt etwas nicht im System“, kritisierte Deckers, der selbst katholischer Theologe ist. Anstelle von flächendeckenden Absagen hätte er sich mehr kreative, alternative Angebote unter den Corona-Bedingungen gewünscht, verbunden mit einer „Kommunikation, die nicht sagt, was nicht mehr geht, sondern anbietet, was jetzt möglich ist“.

In der Krise „nicht in den Clinch mit der Politik“ gehen

Pfeffer entgegnete, dass die Bistümer in der konkreten Krisen-Situation keinen Anlass gesehen hätten, „in den Clinch mit der Politik“ zu gehen, weil die Maßnahmen auf viel Verständnis auch in den Gemeinden gestoßen seien. „Es war am Anfang nicht die Politik allein, die Gottesdienste verboten hat, viele Gemeinden haben von sich aus signalisiert, auf die Feier der Gottesdienste zu verzichten.“ Mit Blick auf die Seelsorge in der Corona-Krise mahnte Pfeffer einen differenzierten Blick an. Es habe in vielen Pfarreien bis heute sehr engagierte und kreative Angebote gegeben. Andererseits wisse er auch, dass viele Gläubige sich von ihren Pfarreien mehr seelsorgliche Angebote gewünscht hätten, um sich in der Krisenzeit gut begleitet zu fühlen. Aus einem Pastoralteam sei ihm berichtet worden, dass man sich sieben Wochen lang gar nicht getroffen hätte. „Dann dürfen wir uns nicht wundern, wenn die Leute den Eindruck haben, wir seien abgetaucht“, so Pfeffer. Vielleicht bedeute die Corona-Krise aber auch „eine kleine Demütigung für uns: So wichtig sind wir als Kirche gar nicht mehr. Die Menschen haben heute ganz andere Möglichkeiten, mit ihren Sorgen und Nöten umzugehen, und brauchen uns nicht mehr unbedingt.“

Deckers unterstrich Pfeffers Vorstoß für eine umfassende Reflexion der Corona-Erfahrungen, warb aber dafür, sich vor allem „von außen sagen zu lassen, wie andere Akteure kirchliches Handeln erlebt haben. In Selbstbespiegelung sind gerade kirchliche Gruppen sehr gut“, so der Journalist. Aus seiner Sicht hätten die Kirchen in der Corona-Krise mit ihren vielen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen gezeigt, dass sie „durchaus systemrelevant“ seien. Allerdings habe er die Kirchen in der Diskussion um ein menschenwürdiges Sterben unter Corona-Bedingungen als sehr passiv erlebt.

Dramatische finanzielle Folgen für die Kirchen

Deckers und Pfeffer waren sich einig, dass die schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen in Deutschland für die Kirchen dramatische finanzielle Folgen haben werden. Deckers prognostizierte „heftige Verteilungskämpfe“ und Pfeffer betonte, dass „Solidarität innerhalb der Kirche“ künftig noch wichtiger werde. Er hoffe, dass gerade durch die Corona-Krise deutlich werde, worum es der Kirche gehen muss, sagt Pfeffer: „Es kommt darauf an, ob wir Menschen in diesem Land Zugang zur Transzendenz vermitteln können - um nicht mehr und nicht weniger geht es.“

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