In Bottrop-Boy kommt das Gemeindeheim in die Kirche

Bistum Essen

Mitte März soll der Umbau der St.-Johannes-Kirche abgeschlossen sein. Dann sind in dem Gotteshaus von 1973 zusätzlich zwei Gruppenräume, eine Küche und ein großer Saal für ein Gemeindeheim eingebaut worden. Bei großen Messen kann die nun kleinere Kirche zum Saal hin erweitert werden.

Gefeiert wurde hier immer schon. Wo bis vor gut einem Jahr die Gläubigen an Weihwasserbecken und Marienfigur vorbei zum Gottesdienst gegangen sind, hat im ehemaligen Foyer der St.-Johannes-Kirche in Bottrop-Boy jetzt die Theke des Gemeindeheims ihren Platz. Doch wenn es hier irgendwann nach dem Corona-Lockdown mal wieder richtig große Gottesdienste gibt, vielleicht an Weihnachten oder zur Erstkommunion, dann können Besucher künftig auch hier im Saal des neuen Gemeindeheims mitfeiern und mitbeten. Möglich macht dies eine neue „2 in 1“-Lösung für das Gotteshaus von 1973: Während gut die Hälfte des sechseckigen Grundrisses weiter Kirche bleibt, entsteht auf der restliche Fläche gerade ein neues Haus im Gotteshaus: Zwei Gruppenräume, Küche, Toiletten und zwei Säle – ein neues, zweistöckiges Gemeindeheim. Bis Mitte März soll alles fertig sein. Und wenn es in der Kirche dann voll wird, lässt sich die neue Wand zwischen Kirche und Gemeindeheim wie zwei Scheunentore nach links und rechts aufschieben, und die Säle gehören wieder zur Kirche.

Idee von Diözesanbaumeister Thomas Tebruck

Die Idee zu diesem spektakulären und in dieser Form bistumsweit bislang einzigartigen Kirchenumbau hatte Diözesanbaumeister Thomas Tebruck. Im Herbst 2016 stand die Frage an, wo sich Ehrengarde, Messdiener, Kolping und die anderen Gremien, Gruppen und Verbände treffen, wenn das in die Jahre gekommene „Schutzengelhaus“ neben der Kirche nicht mehr genutzt werden kann. Statt mit einem Gemeindeheim-Neubau die klassische katholische Struktur – hier Kirche, da Gemeindeheim – zu zementieren, brachte Tebruck die „Alles unter einem Dach“-Variante ins Spiel: Das Gemeindeheim in der Kirche.

Anfangs heftiger Widerstand aus der Gemeinde

Pfarrer Martin Cudak war dafür gleich Feuer und Flamme. War früher werktags Leben im Gemeindeheim und vor allem sonntags etwas in der Kirche los, könnte künftig das ganze Gemeindeleben an einem Ort spielen, so seine Hoffnung. Doch vielen Gemeindemitgliedern hat der Plan zunächst nicht gefallen. Heftiger Widerstand regte sich, und auch der Pfarrer erinnert sich noch heute an die „tumultartige“ erste Gemeindeversammlung zu diesem Thema. Viele Gespräche und Diskussionen waren danach nötig, irgendwann Zeichnungen und ein Modell und dann die durch die Kirchenfenster sichtbaren Umbauten in der Kirche, bis Cudak und Bauleiter Klaus Habich heute sagen: „Die allermeisten Menschen freuen sich auf die Kirche und das neue Gemeindeheim.“

Tebruck will „architektonischen Mehrwert schaffen“

Auch für Diözesanbaumeister Tebruck ist der Umbau von St. Johannes kein alltägliches Projekt. Sein Ziel: „Ein architektonischer Kick.“ Der Umbau einer Kirche mache nur dann Sinn, „wenn ein architektonischer Mehrwert entsteht“, so Tebrucks Credo. Was das konkret heißt, wird in der Mitte von St. Johannes deutlich: Bauleiter Habich, ein Architekt im Ruhestand, der zur Gemeinde gehört und nun täglich die Bauarbeiten überwacht, zeigt auf die Wand zwischen Gottesdienstraum und Gemeindeheim. „Ursprünglich sollte die Kirche einfach nur halbiert werden.“ Doch dann habe man die Wand ein wenig nach hinten versetzt. Dem Gemeindeheim nimmt das nicht nennenswert Platz – aber durch die so frei werdenden Fenster links und rechts fällt deutlich mehr Licht in die Kirche. Und dass der Einbau nicht bis zum Kirchendach reicht, sorgt ebenfalls für Licht und Leichtigkeit.

Zwei „Scheunentore“ trennen Kirche und Gemeindeheim

Doch so leicht, wie sich das Gemeindeheim im Holzmodell ein- und ausbauen lässt, war das Unterfangen in der Realität dann doch nicht. Schließlich war die Statik nie dafür ausgelegt, dass die Kirche mal ein Haus aufnimmt. Neun Öffnungen mussten in den Boden geschnitten werden, um Werkzeug und Material in den Keller zu bekommen, damit die Statik ertüchtigt werden konnte. Immerhin: Mit Blick auf den Plan als Ganzes war der Kölner Architekturprofessor Johannes Schilling, Sohn des damaligen Architekten von St. Johannes und heutiger Rechte-Inhaber, mit den Änderungen an der Kirche nicht nur einverstanden, sondern entwickelte sie im Gespräch mit Tebruck sogar weiter. So entstand die Idee der beiden „Scheunentore“ als flexible Trennung zwischen Kirche und Gemeindeheim.

Technik für Online-Gottesdienste und moderne Kirchenmusik

In den nächsten Tagen stehen vor allem in der Kirche noch weitere Arbeiten an: Die Orgel wird – nach grundlegender Reinigung – wieder eingebaut. Und auch der Altar soll wieder zurück in die Kirche und dann etwas weiter am Rand stehen als bisher. Anhand eines originalgroßen Pappmaschee-Modells hat sich die Arbeitsgruppe um Tebruck und Habich überlegt, dass die obere Platte des Altars ein wenig eingekürzt werden soll. Auch die Sitzbänke werden gekürzt und so der neuen Kirchengröße angepasst. 170 Plätze hat die Kirche dann künftig – ohne Corona-Beschränkungen – im eigentlichen Gottesdienstraum. Bei Bedarf kommen rund 80 weitere im Gemeindeheim hinzu. „Von mir aus lassen wir bei jedem Gottesdienst die Tore offen“, antwortet Pfarrer Cudak Kritikern, die sich bis heute die knapp 300 Plätze der ursprünglichen Kirche wünschen. Zumindest mittelfristig sei es aber wohl realistischer, dass an den meisten Sonntagen die neue Größe von St. Johannes ausreichen werde.

Die Umbau-Kosten

Der Umbau der St.-Johannes-Kirche kostet insgesamt rund 1,5 Millionen Euro. Rund zwei Drittel davon zahlt die Pfarrei, etwa ein Drittel trägt das Bistum Essen.

Bischof Overbeck kommt zur ersten Messe

Am 14. März soll Bischof Franz-Josef Overbeck dort die erste Messe nach dem Umbau feiern. Ob zusammen mit Gläubigen oder womöglich als coronabedingt reinen Online-Gottesdienst ist derzeit noch offen. Die Kirche wäre auf beides vorbereitet: Um nicht nur für live gestreamte Gottesdienste gewappnet zu sein, sondern auch für die aufwendige Licht- und Tonelektronik bei modernen „Praise and Worship“-Messen, wurde beim Umbau – gesponsert vom Innovationsfonds des Bistums – gleich jede Menge passgenaue Technik installiert. Zudem bekommt die Kirche eine neue, dimmbare Beleuchtung. Und sollten Mitte März doch wieder Gottesdienste in Gemeinschaft und vielleicht ein wenig anschließender Geselligkeit auf dem Vorplatz möglich sein: Die Theke des Gemeindeheims steht schon bereit.

Abteilungsleitung "Kirchengemeindliche Immobilien"

Thomas Tebruck

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