von Thomas Rünker

Diversität in der Kirche: Veränderung gelingt vor allem durch Begegnung

Wie geht die Kirche mit transidenten und homosexuellen Menschen um? Darüber diskutierte Generalvikar Klaus Pfeffer in der Bistumsakademie „Die Wolfsburg“ mit Fachleuten und Betroffenen. Pfeffer hofft darauf, dass das umstrittenene kirchliche Arbeitsrecht noch in diesem Jahr verändert wird.

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer hofft, dass das kirchliche Arbeitsrecht in Deutschland etwa hinsichtlich der Anforderungen an das Beziehungsleben der Beschäftigten bis Ende des Jahres geändert ist. „Es ist wichtig, dass wir das Arbeitsrecht verändert bekommen, und ich hoffe, dass das noch in diesem Jahr gelingt“, sagte er am Mittwochabend in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim. „Wir sollten aus der Grundordnung für kirchliche Arbeitsverträge alles herausnehmen, was das private Beziehungsleben und die geschlechtliche Orientierung und Identität betrifft“, betonte Pfeffer bei der Veranstaltung „Kirche m/w/d – Für die Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt“.

Ende Januar hatten sich in der Initiative „#OutInChurch“ 125 Mitarbeitende aus verschiedensten Bereichen der katholischen Kirche in Deutschland in einer bundesweit beachteten Kampagne als schwul, lesbisch oder anderweitig queer geoutet. Als Reaktion darauf hatten Generalvikar Pfeffer und Bischof Franz-Josef Overbeck rund 3800 Kirchenbeschäftigten im Bistum Essen in einem Brief versichert: „Die sexuelle Orientierung, das Eingehen einer zivilen gleichgeschlechtlichen Ehe oder einer zivilen Wiederheirat bei bestehender kirchenrechtlich gültig geschlossener Erstehe darf keine arbeitsrechtliche Sanktion nach sich ziehen“. Doch Regelungen für einzelne Bistümer reichen vielen Menschen nicht aus, hieß es bei der Veranstaltung in der „Wolfsburg“. „Ich finde es dramatisch, wenn den Worten von Bischof Overbeck und Generalvikar Pfeffer keinen Glauben geschenkt wird“, sagte Rainer Teuber. „Aber das ist eine Situation, die sich Vertreter der Kirche selbst eingebrockt haben“, betonte der Mitarbeiter der Essener Domschatzkammer, der sich als schwuler Mann bei „#OutInChurch“ engagiert. Jahrzehntelange sei es die Linie der Kirche gewesen, dass ein heterosexuelles Leben die Regel sei und es zudem nur zwei Geschlechter geben kann: Mann und Frau.

„Globale Kulturkriege“ um Geschlechtervielfalt

Dass gerade dieses Thema nicht nur in der Kirche, sondern auch in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft und insbesondere international umstritten ist, machte die Regensburger Theologin Ute Leimgruber deutlich. Sie sprach von „globalen Kulturkriegen“, um die Frage, ob es bipolare (also „Mann“ und „Frau“) oder fluide Geschlechterzuordnungen gibt. Dass es dabei nicht nur um eine intellektuelle Auseinandersetzung geht, sondern der Streit auch gewaltsam geführt werde, zeigten die mindestens 375 Morde an Transmenschen, die weltweit im vergangenen Jahr registriert wurden.

Kirche setzt bislang auf das Zwei-Geschlechter-Modell

Auch die Kirche setzt in ihrer Lehre bislang auf das Zwei-Geschlechter-Modell und tut sich nicht nur schwer mit Menschen, die sich weder als Mann noch als Frau sehen, sondern auch mit denen, die einen Wechsel vom einen zum anderen Geschlecht vollziehen. Konkret beklagte auf dem Podium etwa Julia Bönninghausen, eine Bochumer Arbeits- und Organisationspsychologin mit Transidentität, dass die katholische Kirche bei getauften Transmenschen den Eintrag im Taufbuch nicht ändere – während der Staat die komplette bürgerliche Identität umstelle. Generalvikar Pfeffer bestätigte, dass es hier erheblichen Lernbedarf für die Kirche gebe. Zugleich berichtete er von seinen persönlichen Begegnungen mit transidenten Menschen und deren Lebensgeschichten. Die persönliche Begegnung und das Interesse für diese Menschen sei entscheidend, betonte Pfeffer. „Wenn Sie deren Lebensgeschichten kennenlernen, dann gibt es da nichts mehr zu urteilen.“

Generalvikar Pfeffer wirbt heute innerhalb der Kirche für mehr Diversität und sagte auf der Tagung mit Blick auf das Lehramt: „Da gibt es viele menschliche Konstruktionen, die aus Zeiten und Kulturen stammen, von denen wir uns verabschieden müssen. Das Leben und auch die Wissenschaften lehren uns, dass sie dem Menschen nicht gerecht werden.” Und es geht auch darum, als Kirche glaubwürdig zu bleiben: Bönnighausen beklagte, dass sie „in höchster Not“, mitten in ihrer Transformation zur Frau, keinerlei Perspektive für eine seelsorgliche Begleitung gesehen habe. Dabei müsse es doch eigentlich der Anspruch der Kirche sein, zu helfen und den Menschen beizustehen. „Aber die Kirche tut so, als gebe es uns nicht.“

Verschiedene Übersetzungen des Schöpfungsberichts

Beim Blick in die Bibel könnte der Wandel hin zu mehr Diversität über den Schöpfungsbericht gehen, verwies die Theologin Leimgruber auf das Buch Genesis im Alten Testament. Heißt es dort im 27. Vers des 1. Kapitels, dass Gott die Menschen nach seinem Abbild als „Mann und Frau“ schuf wie in der Luther- und vielen anderen Bibelübersetzungen – oder „männlich und weiblich“, wie in der neuen Einheitsübersetzung? Ist die klassische „Mann und Frau“-Übersetzung für Leimgruber der „binäre Quellcode“ der Bibel, auf dem sich eine bipolare Geschlechterordnung aufbaue, nennt sie die zweite Variante das „Dispositiv der Vielfalt“, das deutlich mache, dass es geschlechtliche Vielfalt gibt, aber keinen Grund lege für feste Geschlechter und darauf aufbauende -rollen.

Mittlerweile „vertreten weite Teile der Bibelwissenschaften diese differenziertere Sicht und lehnen die Eindeutigkeit der Schöpfungserzählung ab“, so Leimgruber. Allerdings gehe es in der theologischen wie der gesellschaftlichen Diskussion um Geschlechtervielfalt „nicht darum, wer das bessere, plausiblere Argument hat - dieses Ohr ist zu“. Sie verwies auf Pfeffers Erfahrungen mit transidenten Menschen oder auch Julia Bönninghausens Berichte, dass Mitmenschen positiv auf sie reagieren und sich erst durch sie mit dem Thema Transidentiät beschäftigen. „Auf einer wissenschaftstheoretischen Ebene wird keine Verständigung möglich sein – wenn, dann über die Begegnung mit persönlich betroffenen Menschen“, so Leimgruber.

Queere Menschen sollen sichtbarer werden

Dies unterstützten die beiden homosexuellen Vertreter auf dem Podium – neben Teuber war dort auch der Hamburger Religionspädagoge Jens Ehebrecht-Zumsande vertreten. Beide warben dafür, dass queere Menschen sichtbarer werden müssen, um mit ihren Anliegen Gehör zu finden. Dafür müsse die queere Community aber selbst sorgen: „Dass wir heute hier sitzen hat nichts mit Kirchenleitungen zu tun, sondern damit, dass wir uns geoutet haben und das Thema besprechbar gemacht haben“, sagte Ehebrecht-Zumsande, der unter anderem die „#OutInChurch“-Kampagne mitorganisiert hat. Gleichzeitig verwies er auf langsame Fortschritte in verschiedenen Bistümern. So gebe es in mittlerweile 15 Diözesen Beauftragte für die Seelsorge in der queeren Community.

Im Ruhrbistum gibt es – neben Weihbischof Ludger Schepers, der für die Deutsche Bischofskonferenz den Kontakt in die queere Community hält – das „Netzwerk Diversität“, erläuterte Andrea Qualbrink, Bereichsleiterin Pastoralentwicklung im Ruhrbistum, die den Abend gemeinsam mit Akademiedozent Jens Oboth moderierte. Auch die Arbeit dieses Netzwerks solle künftig „sichtbarer“ werden und so für mehr Vielfalt in der Kirche sorgen.

Ansprechpartnerin

Referentin im Stabsbereich Projektmanagement

Dr. Andrea Qualbrink

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