von WAZ

„Diese Mammutaufgabe bedarf vieler Akteure und Akteurinnen“

Der Rat für Bildung im Bistum Essen hat ein Konzeptpapier zum Gelingen einer gerechten Bildung veröffentlicht. Vor gut drei Jahren hatte Bischof Franz-Josef Overbeck den Rat als Beratungsgremium eingerichtet. Sprecherin des Rates ist Bärbel Bergerhoff-Wodopia, Mitglied im Vorstand der RAG-Stiftung. Im Interview erläutern Overbeck und Bergerhoff-Wodopia ihre Ziele und Motive.

Laut der kürzlich vorgestellten IQB-Schulstudie sind Viertklässler bei den Leistungen in Deutsch und Mathematik weiter abgerutscht. Vor allem der soziale Hintergrund habe einen steigenden Einfluss auf den Bildungserfolg. Welche Gründe sehen Sie dafür?

Franz-Josef Overbeck: Ja, das stimmt. Kinder aus Elternhäusern mit sozialen Konflikten und wirtschaftlichen Notlagen sind auch mit Blick auf den Bildungserfolg benachteiligt. Sie kommen oft mit Entwicklungsverzögerungen in die Kita. Sie werden von Bildungs- und Förderangeboten spät oder gar nicht erreicht. Und diese Problematik verschärft sich dann noch bei den Übergängen, beispielsweise von der Kita in die Grundschule.

Seit Jahren ist der Zusammenhang von Herkunft und Bildungserfolg bekannt, warum hat sich die Lage dennoch sogar verschlimmert?

Bärbel Bergerhoff-Wodopia: Dafür gibt es zwei wesentliche Gründe. Zum einen hat die Corona-Pandemie zur Verschärfung der Situation beigetragen. Diejenigen Kinder, die es ohnehin schon schwer hatten, waren noch einmal deutlich mehr von den Nachteilen der Kita- und Schulschließungen betroffen. Zum anderen haben sich viele mit der Ungleichheit von Bildungschancen abgefunden.

Das Bistum Essen und die RAG-Stiftung wollen die Chancengerechtigkeit im Ruhrgebiet verbessern – wie kann das konkret geschehen?

Overbeck: Der Rat für Bildung hat eine Stellungnahme und ein Konzeptpapier zum Thema entwickelt. Darin zeigen wir Handlungsoptionen auf, mit denen der Bildungsungleichheit entgegengewirkt werden kann. Wichtig ist: Die Mammutaufgabe Bildungsgerechtigkeit zu erreichen, bedarf vieler Akteure und Akteurinnen und guter Beispiele, die im wahrsten Sinne des Wortes Schule machen.

Bergerhoff-Wodopia: Die RAG-Stiftung ist der größte Bildungsförderer im Ruhrgebiet. Aber auch wir können die Aufgabe nicht alleine stemmen. Wir sind seit vielen Jahren aber sehr vertraut mit der Problemstellung und konnten unsere Erfahrungen im Rat für Bildung sehr gut einbringen.

Welche Vorschläge und Forderungen formuliert der Rat für Bildung in seinem Papier?

Bergerhoff-Wodopia: Wir plädieren ganz klar für eine Kultur des Gelingens. In der Bildungsförderung sollte das Handeln viel mehr vom Gelingenden geleitet werden, nicht von der Defizitorientierung. Der richtige Ansatz liegt darin, sich auf Erfolge und Stärken zu konzentrieren. Das heißt auch, nicht ständig neue kleinteilige Konzepte zu entwickeln, sondern das, was schon funktioniert, sichtbar zu machen und zu übertragen. Beim Thema Bildung gibt es kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.

Wie können die positiven Beispiele im Ruhrgebiet in die Fläche gebracht werden?

Bergerhoff-Wodopia: Hierfür brauchen wir dringend mehr Vernetzung und Austausch. Eine Austauschmöglichkeit wird die geplante zweitägige Fachtagung im Rahmen der TalentTage Ruhr im September 2023 sein. Die Tagung soll deutlich machen: Kräfte bündeln und voneinander lernen lohnt sich.

Overbeck: Nur so kommen wir gemeinsam ans Ziel, das lauten muss: Bildungsgerechtigkeit herzustellen. Dann entscheidet Herkunft weniger über Bildungserfolg, mehr junge Menschen erfahren gesellschaftliche Teilhabe und können ein selbstbestimmtes Leben führen.

Zum veröffentlichten Konzeptpapier stellten sich Bischof Overbeck und Bildungsrats-Sprecherin Bergerhoff-Wodopia am 22. November 2022 den Fragen der WAZ-Redaktion.

Stellungnahme und Konzeptpapier zum Problem sozial- und herkunftsbedingter Bildungsungleichheit

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