950 Jahre: Festtag für die Essener Stiftskirche „Maria in der Not“

Als Filiale des Essener Frauenstifts gegründet liegt die einstige Landmarke in Nähe der heutigen Weltkultur-Zeche Zollverein mittlerweile fast versteckt hinter der großen Nikolauskirche – ein Tipp für Menschen, die Ruhe suchen. Am 4. Februar 1074 wurde sie geweiht. 950 Jahre später wird mit einem Gottesdienst und einem Mittelalterfest gefeiert.

Bischof Franz-Josef Overbeck feiert Gottesdienst zur 950-Jahr-Feier am 4. Februar um 11 Uhr.

Um 12 Uhr beginnt vor dem Stoppenberger Rathaus ein Mittelalterfest.

Karmelitinnen halten die Tradition eines spirituellen Lebens auf dem Stoppenberg lebendig.

Sie gehört zu den ältesten bis heute genutzten Gebäuden des Ruhrgebiets, ist schon auf mittelalterlichen Gemälden verewigt und war eine Filiale des Essener Frauenstifts: Vor 950 Jahren stiftete die Essener Äbtissin Schwanhild auf dem Stoppenberg die Pfarrkapelle „Maria in der Not“, die sich in den folgenden Jahrhunderten zu einer Stifts- und Klosterkirche entwickelte, in der mit 16 Karmelitinnen bis heute eine Ordensgemeinschaft zu Hause ist. Mit einem Gottesdienst mit Bischof Franz-Josef Overbeck und einem Mittelalterfest samt Ausstellung über die vielfältige Geschichte der Kirche wird am Sonntag, 4. Februar, der Weihetag der Stiftskirche gefeiert.

Mittelalterfest zum Weihetag

Der Festtag beginnt um 11 Uhr mit dem Gottesdienst in der Stiftskirche. Die Messe feiert Bischof Franz-Josef Overbeck, die musikalische Gestaltung übernimmt der Mädchenchor am Essener Dom unter der Leitung von Domkapellmeister Steffen Schreyer. Ab 12 Uhr startet vor dem etwa 500 Meter entfernten Stoppenberger Rathaus am Stoppenberger Platz ein Mittelalter-Fest mit Gauklern, Spielleuten und Märchenerzählern. Von 14 bis 18 Uhr zeigt der Geschichtskreis Stoppenberg im alten Rathaus eine Ausstellung über die Entwicklung des Stadtteils in den vergangenen 950 Jahren.

Wer heute aus der Essener Innenstadt zum Weltkulturerbe Zeche Zollverein fährt, muss auf der rund fünf Kilometer langen Strecke schon gut wissen, wo man zwischen hohen Bäumen, modernen Häusern und der großen St. Nikolauskirche links auf dem Hügel die Stiftskirche und das Kloster entdecken kann. Doch noch vor rund 200 Jahren, vor dem immensen Bevölkerungswachstum im Ruhrgebiet, war die Kirche auf dem kleinen, aber markanten Stoppenberg wohl eine echte Landmarke. Das zeigen historische Postkarten ebenso wie das Bild „Beweinung Christi“ in der Anbetungskirche St. Johann neben dem Essener Dom: Auf der Altartafel hat der Kölner Künstler Bartholomäus Bruyn vor rund 500 Jahren die Kreuzigung Jesu vor der Skyline der mittelalterlichen Stadt Essen positioniert, hinter der sich – so die gängige Interpretation – der ein wenig überdimensionierte Stoppenberg samt Stiftskirche erhebt.

Äbtissin Schwanhild gründete in Stoppenberg Filiale des Essener Frauenstifts

Äbtissin Schwanhild, die vermutlich ab 1058 das Essener Frauenstift leitete, hatte offenbar schon früh die Idee, neben ihrem Stift für Töchter aus den allerhöchsten Häusern des Reiches noch eine ähnliche Einrichtung für Frauen aus niederen Adelsfamilien zu gründen. Zudem dürfte seinerzeit auch eine Rolle gespielt haben, den an Einfluss gewachsenen Essener Stift durch weitere Filialen zu ergänzen – ähnlich wie der einige Jahrzehnte zuvor von Äbtissin Mathilde gegründete Stift im Stadtteil Rellinghausen. Der etwa 80 Meter hohe Stoppenberg war zudem womöglich nicht nur wegen der tollen Aussicht ein guter Ort für die neue Kirche: Der Historiker Josef Wormstall verortete dort 1906 auch eine heidnische Kultstätte des germanischen Volks der Marser, für die bislang jedoch jeder archäologische Beleg fehlt.

Am 4. Februar 1074 weihte der Kölner Erzbischof Anno II. erst einmal eine Kirche, die es vor allem den Menschen in den Bauernschaften und Siedlungen im heutigen Essener Nordwesten deutlich erleichterte, an Gottesdiensten teilzunehmen. Oder, wie es Erzbischof Anno II. in der Gründungsurkunde formuliert hat: „zu dem Zwecke nämlich, damit die weit von der Mutterkirche (der Essener Stiftskirche, dem heutigen Dom, die Red.) Wohnenden und die in Todesgefahr sich Befindenden wegen der Zeit und des beschwerlichen Weges dort Taufe und Begräbnis und in der Not die Heilsmittel empfangen könnten…“ Lange vor Autos und Straßenbahn mussten Menschen aus den heutigen Stadtteilen Katernberg oder Schonnebeck für einen Gottesdienstbesuch gut zu Fuß sein und Zeit für – mindestens – einen Halbtagsausflug haben. Die neue Kirche auf dem Stoppenberg dürfte die Versorgung der Menschen im Umland spürbar verbessert haben.

Geistliches, durch eine dort lebende Gemeinschaft geprägtes Leben entstand einige Jahre später. Im 12. Jahrhundert öffnete auf dem Stoppenberg ein erstes Kloster – vermutlich ein Doppelkonvent, in dem zunächst sowohl Prämonstratenser als auch Prämonstratenserinnen lebten. Im 13. Jahrhundert lebten indes nur noch wenige Nonnen dort. Aus dieser Gemeinschaft entstand schließlich das freiweltliche Frauenstift Stoppenberg, in dem bis zu 20 Frauen ohne ein Gelübde abzulegen in einer Lebens- und Gebetsgemeinschaft wohnten.

Altartafeln von Barthel Bruyn

In der Anbetungskirche St. Johann am Essener Dom sind im südlichen, rechten Nebenchor (Taufkapelle) zwei doppelseitig bemalte Altartafeln von Bartholomäus Bruyn dem Älteren (1493-1555) zu sehen. Derzeit zeigen beide Tafeln Szenen der Geburt Jesu. An Aschermittwoch werden sie umgedreht und zeigen dann – passend zur Passionszeit – je eine Kreuzigungsszene. Im Hintergrund der „Beweinung Christi“ ist dann auch wieder die älteste Essener Stadtansicht mit dem Stoppenberg samt Stiftskirche zusehen.

Säkularisation beendete auch in Stoppenberg 1803 die Stiftsgeschichte

Wie am Essener Frauenstift und in vielen anderen kirchlichen Einrichtungen im Rheinland endete diese Ära 1803 mit der Säkularisation, der politisch erzwungenen Aufhebung kirchlicher Institutionen in Folge des Siegs Frankreichs unter Napoleon und der daraus folgenden Neuordnung des Heiligen Römischen Reiches. Die Kirche auf dem Stoppenberg wurde wieder zur Pfarrkirche – bis 1907 die neugebaute und deutlich größere Nikolauskirche am Fuß des Hügels diese Rolle übernahm. Durch die mit dem Bergbau und der nahe gelegenen Zeche Zollverein massiv gewachsene Einwohnerzahl war „Maria in der Not“ längst viel zu klein geworden.
Seit 1965 leben jedoch wieder Nonnen auf dem Stoppenberg. Kurz nach Gründung des Ruhrbistums 1958 gelang es der Bistumsleitung mit Frauen aus dem Orden der unbeschuhten Karmelitinnen, den Kapitelberg wieder als einen besonderen geistlichen Ort zu beleben. Die derzeit 16 Ordensfrauen leben zurückgezogen „in der Abgeschiedenheit der Klausur in einer kleinen, familiären Gemeinschaft“, wie sie es beschreiben. Dort widmen sie sich Gebet und Gottesdienst in der Stiftskirche: werktags um 7, sonn- und feiertags um 8 Uhr laden sie zur Messfeier ein, täglich um 16.30 Uhr beten sie die Vesper.

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