Offene Ohren in der Corona-Krise

In der Serie „krisenchance“ stellt das Bistum Essen aus der Corona-Not geborene Ideen vor, die durchaus zur Tugend werden können. Heute: Besondere Corona-Telefonangebote wie „Jupps Plaudertelefon“, mit denen die Kirche für die Menschen trotz Kontaktbeschränkungen erreichbar ist.

„Ich fühl' mich hier wie ein alter Mann im Knast. Aber meine Laune bleibt steil oben“, erzählt ein 81-Jähriger Sebastian Butzke am Telefon. „Ich will auch gar nicht lange stören. Danke, dass Sie sich die Zeit nehmen, um für Leute da zu sein, die ein offenes Ohr brauchen und denen Sie Zeit schenken“, freut sich der Mann über das telefonische Angebot in Gelsenkirchen – und über dessen Namen: „Jupps PlauderTelefon“ – schließlich werde er selbst auch „Jupp“ genannt.

 „Die Idee zu ´Jupps PlauderTelefon` ist uns zu Beginn der Corona-Krise gekommen“, erzählt Pfarrer Ingo Mattauch und erinnert an Lockdown und Kontaktverbote. „Die Menschen sitzen alleine in ihren Wohnungen, haben niemanden zum Reden. Und wir können sie nicht besuchen.“ Zusammen mit seinen Mitstreitern machte der Leiter der Gelsenkirchener Pfarrei St. Joseph aus der Not eine Tugend: „Jupps PlauderTelefon“ war geboren. Zusammen mit Butzke gehören 30 Haupt- und Ehrenamtlichen zum Team, das seit Beginn der Corona-Pandemie das Telefon betreibt, zusammen mit dem „Türkisch Deutschen Hilfsverein“ und dem „Amigonianer Soziale Werke e.V.“.

Der Name ist Programm: Es geht es ums Klönen, ums Miteinander-ins-Gespräch kommen, ums Zwischenmenschliche. „Die Leute brauchen nicht immer gleich die Telefonseelsorge“, so Mattauch weiter, „sondern einfach mal jemandem zum Reden, Plaudern und Unterhalten.“ Keine Seelsorge im eigentlichen Sinn, „aber trotzdem Balsam für die Seele, weil es den Menschen guttut“. Daher sei es ihm und seinem Team wichtig gewesen, ein möglichst niedrigschwelliges Angebot zu machen.

Ohne die tatkräftige Unterstützung der Gelsenkirchener Firma Brockhaus Telekommunikation sei die Idee nicht so schnell realisierbar gewesen. Kostenlos stellte die Firma eine Telefonanlage zur Verfügung. „So gibt es eine zentrale Nummer, die angerufen wird und die Anlage vermittelt den Anrufer an einen freien Gesprächspartner weiter“, berichtet der Pfarrer. Fünf Menschen sind montags bis freitags von 14 bis 16 Uhr und von 18 bis 20 Uhr erreichbar.

„Zu Beginn der Krise wurden wir stark frequentiert und hatten zehn Telefonate täglich“, erzählt Mattauch. Doch die Lockerungen der Corona-Beschränkungen machen sich auch an den Telefonen bemerkbar. „Jetzt erreicht uns noch ein Anruf am Tag.“ Die Aktion war bis Ende Mai geplant und wird dann wohl auch auslaufen. In der Hochphase hätten vor allem ältere Menschen angerufen, letztlich hätten das Angebot aber Menschen jeden Alters genutzt. „Es ist eine Chance für den Moment“, bringt Pfarrer Mattauch das „PlauderTelefon“ auf den Punkt, „aber keine dauerhafte Einrichtung, da der Bedarf dafür einfach nicht da ist.“

Bottroper Pfarrei St. Cyriakus lädt zum telefonischen „Kaffeeklatsch“

Das ist auch die Erfahrung der Bottroper Pfarrei St. Cyriakus mit ihrem telefonischen „Kaffeeklatsch“. „Die Telefonate lassen nach“, erzählt Gemeindereferentin Christiane Hartung. „Doch es ist gut, dass wir das Angebot gemacht haben.“ Zu Beginn der Krise hörte man immer das Wort: Abgesagt. Bewusst setzte die Pfarrei St. Cyriakus einen Gegenpol und machte „Zusagen“, die Zusage, beim Einkauf zu unterstützen oder beim telefonischen „Kaffeeklatsch“ ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte der Menschen zu haben. In der Corona-Krise „wollten wir das Spielfeld nicht nur den anderen überlassen. Auch wenn sich unsere Gruppen nicht mehr treffen können, wollten wir signalisieren, dass wir noch da sind. Anders zwar, aber da.“

Dabei stellte sich die Notlösung, aus Kostengründen eine Telefon-Nummer für mehrere Aktionen gleichzeitig zu verwenden, als genial heraus. „Wenn jemand die Jugendlichen mit ihrem Einkaufsdienst buchen wollte, entwickelte sich daraus meistens mehr: aus einem ganz praktischen Anliegen entwickelten sich gute Gespräche“, freut sich die Gemeindereferentin. Jetzt wird die Nummer auch zur Anmeldung zu den Gottesdiensten genutzt.

Gleichzeitig habe Kirche gezeigt, dass ihr Auftrag in Corona-Zeiten mehr als das Streamen von Gottesdiensten sei. „Es ist wichtig, das karitative Engagement in den Fokus zu rücken. Gerade jetzt. Das ist unsere Chance. Denn daran werden wir gemessen“, ist Hartung überzeugt. „Ob wir auch in der Krise als Kirche für die Menschen da sind.“ Karitative Arbeit als Glaubenszeugnis.

Intensive Gespräche am Seelsorge-Telefon des Bistums

Auch das Bistum Essen hat mit seinem „Seelsorge-Telefon“ einen zusätzlichen Kanal geschaffen „als Ersatz und Entlastung der Seelsorge vor Ort“, wie Michael Meurer, Leiter der Abteilung Gemeinschaft und Diakonie im Generalvikariat des Bistums Essen, erklärt. Das Seelsorge-Telefon richte sich vor allem an Menschen, „die keinen Kontakt mehr zur Kirchengemeinde vor Ort haben oder dort niemanden erreichen können“.

80 Seelsorgerinnen und Seelsorger sind täglich zwischen zehn und 19 Uhr erreichbar. Danach verweist ein Anrufbeantworter an die ökumenische Telefonseelsorge. Während die Telefonseelsorgen im Bistum seit Beginn der Corona-Krise über deutlich gestiegene Anruf-Zahlen berichten, sei das Seelsorge-Telefon des Bistums nicht übermäßig stark in Anspruch genommen worden, berichtet Meurer. „Die Gespräche, die geführt wurden, waren aber sehr intensiv: von suizidalen Absichten bis hin zu Fragen des Glaubens war alles dabei.“ Einzelne Fälle habe man zudem an Fachberatungsstellen und an örtliche Seelsorger überwiesen.

„Es ist mir ein großes Anliegen, dass wir als Kirche immer erreichbar sind“, so Meurer weiter. „Jeder, der Kontakt aufnehmen möchte, soll auch jemanden erreichen. Im Bereich Dienstleistung haben wir noch Nachholbedarf“, sagt Meurer ganz grundsätzlich. Das Seelsorge-Telefon sei ein temporäres Angebot während der Krise, die Telefone seien noch bis Pfingsten geschaltet. „Dann schauen wir, ob und wie es auf Dauer sinnvoll weitergehen kann.“

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Serie "krisenchance"

Jede Krise ist eine Chance. Das gilt auch für die Corona-Krise und die Kirche. Dort wo das Gemeindeleben seit bald zwei Monaten pausiert und auch Gottesdienste in den Kirchen erst ganz zaghaft wieder aufgenommen werden können, hat sich viel Neues entwickelt: Menschen treffen sich zum digitalen Gebet oder feiern Gottesdienste zuhause, Seelsorger laden zum telefonischen Kaffeeklatsch, Pfadfinder ans digitale Lagerfeuer … - über diese und andere Initiativen berichten wir in den kommenden Wochen unter dem Stichwort #krisenchance. Vielleicht kann manche Idee, die aus der Not geboren wurde, auch nach Corona zu einer Tugend werden.

Weitere Folgen

- Digitale Gottesdienste holen Beter aus der Anonymität

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