Erzbischof Schick: „Kultfreiheit, aber keine Religionsfreiheit“

Bistum Essen

Deutsche Bischofskonferenz veröffentlicht Arbeitshilfe zur Situation der Christen auf der Arabischen Halbinsel

Die Deutsche Bischofskonferenz hat heute (1. Dezember 2016) in Berlin eine Arbeitshilfe vorgestellt, die die Situation der Christen auf der Arabischen Halbinsel beleuchtet. Die Veröffentlichung ist Teil der Initiative„Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen in unserer Zeit“.

Erzbischof Dr. Ludwig Schick, Vorsitzender der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, wies auf die unterschiedliche Lage der Christen in den verschiedenen Staaten der Arabischen Halbinsel hin. „Grundsätzlich muss zwischen den Golfstaaten und Saudi-Arabien unterschieden werden.“ Der Jemen sei aufgrund des Krieges noch einmal eigens zu betrachten. In den Golfstaaten könnten Christen ihren Glauben relativ frei leben: „Es gibt Kultfreiheit, aber keine Religionsfreiheit“, so Erzbischof Schick. Ein aktives Werben für das Christentum oder gar die Konversion von Muslimen seien allerdings streng verboten und würden strafrechtlich verfolgt. In Saudi-Arabien sind die Lebensbedingungen für Christen deutlich schlechter, betonte Erzbischof Schick. Dort dürfe nur der Islam, vorzugsweise in seiner rigoristischen wahhabitischen Auslegung, praktiziert werden. „Schon der Besitz christlicher Kultgegenstände ist verboten.“ Für die geschätzt 1,5 Millionen Christen in Saudi-Arabien gäbe es keine einzige Kirche, und die Gläubigen seien gezwungen, sich heimlich in Privathäusern und Hotels zu treffen.

Erzbischof Schick hatte die Region im Februar bereist und zahlreiche Gespräche mit den Christen vor Ort, Vertretern des Islam und Regierungsmitgliedern geführt: Die christliche Minderheit in den Golfstaaten, die aus allen Teilen der Welt stamme, habe ihre Nische in einem muslimisch und arabisch geprägten Umfeld gefunden. In den vergangenen Jahren sei eine lebendige Migrantenkirche mit eigenen Kirchengebäuden und katholischen Schulen entstanden. „Die Internationalität der Gemeinschaft, die Vitalität der Gottesdienste und das Selbstbewusstsein der Christen, denen ich begegnet bin, sind beeindruckend.“ Erzbischof Schick betonte: „Wie in kaum einer anderen Region zeigt sich die katholische Kirche auf der Arabischen Halbinsel als Weltkirche. Der gemeinsame Glaube überwindet alle Unterschiede von Herkunft, Nationalität und Ritus.“

Der Apostolische Vikar für das südliche Arabien (Vereinigte Arabische Emirate, Oman, Jemen), Bischof Paul Hinder OFMCap, berichtete über die Situation vor Ort: „Schätzungen zufolge dürfte die Anzahl der ausländischen Christen auf der Arabischen Halbinsel gegenwärtig bei mindestens drei Millionen liegen. Einheimische Christen gibt es praktisch keine.“ Er erklärte, dass die Wohnbevölkerung in den Golfstaaten zu einem großen Prozentsatz aus Ausländern bestehe. Die staatliche Haltung gegenüber den Christen schwanke von Land zu Land. „Länder wie zum Beispiel Bahrain, die Vereinigten Arabischen Emirate oder das Sultanat Oman sind recht tolerant.“ In den Vereinigten Arabischen Emiraten existierten acht katholische Pfarreien. 50.000 Gläubige nähmen in Dubai jedes Wochenende an den Messfeiern teil. „Wir sind auf der Arabischen Halbinsel eine Kirche aus Migranten für Migranten. Unsere Vitalität hängt vom außerordentlichen religiösen Engagement der Gläubigen ab“, betonte Bischof Hinder.

Der Direktor des Missionswissenschaftlichen Instituts Missio in Aachen, Prof. Dr. Harald Suermann, ging in seinem Statement auf die Situation der Christen in Saudi-Arabien ein. Er erklärte, dass Christen nach dem Koran eine geschützte Minderheit seien, die das Recht habe, ihren Glauben zu leben und eigene Gotteshäuser zu unterhalten. Dies werde in Saudi-Arabien jedoch eingeschränkt. „Liturgische Feiern sind dort verboten und können nur privat unter großer Gefahr vollzogen werden. Regelmäßig werden Gottesdienste von der saudischen Religionspolizei, der muttawa, durch Razzien und Verhaftungen unterbunden“, so Prof. Suermann. Für viele Christen bleibe nur die Möglichkeit, über Streaming-Angebote im Internet an Gottesdiensten teilzunehmen. Er wies darauf hin, dass innerhalb des saudischen Königshauses um die zukünftige Ausrichtung des Landes gerungen werde. Einerseits gäbe es Strömungen, die sich für gesellschaftliche Reformen einsetzten, andererseits Versuche, die aktuellen Verhältnisse zu stabilisieren. Ob es für die Christen und andere religiöse Minderheiten im Land in absehbarer Zeit zu Veränderungen komme, sei im Moment noch nicht abzusehen.

Hintergrund

Die Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz zur Situation der Christen auf der Arabischen Halbinsel enthält ausführliche Informationen zur Geschichte und Gegenwart des Christentums in der Region. Der besondere Fokus der Arbeitshilfe liegt auf der Religionsfreiheit. Stimmen aus der Ortskirche und Fotografien aus der Region veranschaulichen das Thema.

Die Initiative „Solidarität mit verfolgten und bedrängten Christen“ wurde von den deutschen Bischöfen 2003 ins Leben gerufen, um für die Lage bedrohter Glaubensgeschwister zu sensibilisieren. Mit Publikationen, liturgischen Handreichungen und öffentlichen Veranstaltungen wird auf die teilweise dramatischen Verhältnisse christlichen Lebens in verschiedenen Teilen der Welt aufmerksam gemacht. Zusätzlich pflegen die Bischöfe mit Solidaritätsreisen den Kontakt zu den entsprechenden Ortskirchen. In Deutschland sucht die Deutsche Bischofskonferenz immer wieder das Gespräch mit Politikern und anderen gesellschaftlichen Akteuren, um auf bedrohliche Entwicklungen hinzuweisen. Jährlicher Höhepunkt der Initiative ist der Gebetstag für verfolgte und bedrängte Christen am 26. Dezember (Stephanustag), der in allen deutschen (Erz-)Bistümern begangen wird.

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