Digitale Gottesdienste holen Beter aus der Anonymität

Bistum Essen

In der neuen Serie „krisenchance“ stellt das Bistum Essen aus der Corona-Not geborene Ideen vor, die durchaus zur Tugend werden können. Heute: Gottesdienste per Videokonferenz und andere digitale Techniken, zum Beispiel die regelmäßige Online-Komplet der Bochumer Pfarrei St. Franziskus.

In der Corona-Krise waren fast zwei Monate lang keine öffentlichen Gottesdienste möglich

Viele Haupt- und Ehrenamtliche experimentieren mit Gottesdiensten auf digitalen Wegen

Eine erste Erkenntnis: Viele Teilnehmer schätzen bei digitalen Gottesdiensten gerade die persönliche Nähe

„Bevor des Tages Licht vergeht, o Herr der Welt hör dies Gebet.“ Hinter dem Schreibtisch geht die Sonne unter – und aus dem Laptop singt Pastoralreferent Alexander Jaklitsch den jahrhundertealten Hymnus des Komplet-Gebets. Dass der Theologe und Familienvater einmal Vorbeter in einem Video-Format werden würde, war in seiner Ausbildung ebenso wenig vorgesehen wie in seiner Karriereplanung. Doch als durch die Corona-Krise Mitte März alle Gottesdienste abgesagt wurden, stand auch in seiner Bochumer Pfarrei St. Franziskus die Frage an, wie die Gläubigen denn nun gemeinsam beten können. „Da haben wir einfach mal angefangen“, sagt Jaklitsch. Und nach ein wenig Ausprobieren mit Technik und Gestaltung gibt es nun verlässlich zweimal wöchentlich ein halbstündiges Abendgebet am Computer: immer mittwochs und sonntags von 21.15 bis 21.45 Uhr.

Das Telefon klingelt: "...nehmen wir den Anruf Gottes ernst"

Zu Beginn lädt Jaklitsch alle, die sich auf der eigentlich für Online-Seminare eingerichteten Internet-Plattform „edudip“ in die Komplet eingewählt haben, ein, eine Kerze zu entzünden. Heute sind 21 Computer angeschlossen, manchmal machen aber auch 50 oder 60 Nutzer mit. „Eure Kerzen brennen jetzt wie ein Netz hier im Bochumer Süden, aber auch weit darüber hinaus“, sagt Jaklitsch, der auf dem Bildschirm als einziger neben seiner eigenen Kerze zu sehen ist. Er lädt ein, an Angehörige und Freunde zu denken, „nehmen wir all diese Menschen mit in unser Gebet …“ – dann klingelt ein Telefon. Doch Jaklitsch lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und setzt fort: „…und nehmen wir den Anruf Gottes ernst“. Angesichts dieses kleinen, typischen Videokonferenz-Patzers huscht jetzt wohl das ein oder andere Schmunzeln über die Gesichter der Teilnehmer. Doch sie bleiben im Dunkeln, während Jaklitsch Lieder vorsingt und Psalmen betet und die Texte vor dem Hintergrundbild warm leuchtender Kerzen als Präsentation über den Bildschirm liefert. Jeder kann selbst entscheiden, wie sehr er sich auf diese Feier einlässt, ob er sich berühren lässt, Jaklitschs Gedanken zum Evangelium nachhängt, vor dem Rechner mitsingt – oder lieber nebenher die Wäsche macht oder im Internet surft. Doch spätestens als Jaklitsch nach 20 Minuten zu den Fürbitten einlädt, kommt ein Gefühl von Gemeinschaft auf: Plötzlich läuft Textzeile für Textzeile über den Bildschirm, die Gottesdienstteilnehmer schreiben Bitten für Andreas, Martina, Jürgen, Hans oder „für alle Mütter, die ein Kind erwarten“. Hier wird nichts abgespult, sondern sehr persönlich, teilweise ergreifend formuliert. „Die Fürbitten sind immer ein unheimlich dichter Moment“, sagt Jaklitsch später. „Anders als in der Kirche liest nicht einer vor und alle hören zu, sondern jede und jeder kann sich beteiligen“. Wichtig sei, „dass man bei uns die Namen der Mitfeiernden lesen kann“.

„Endlich kann ich mal in Gesichter schauen, in der Kirche schaue ich nur auf Hinterköpfe“

Dass paradoxerweise gerade digitale Gottesdienste weniger anonym verlaufen als in einer Kirche, kennt auch der Essener Cityseelsorger Bernd Wolharn. „Endlich kann ich mal in Gesichter schauen, in der Kirche schaue ich nur auf Hinterköpfe“, hat eine Gottesdienstteilnehmerin ihm und dem Jesuitenpater Lutz Müller zurückgemeldet. Am Osterwochende hatten die Seelsorger mehrere Gottesdienste über das Videokonferenz-Programm „Zoom“ angeboten, weil eine Osternacht im Essener Grillo-Theater wie in den vergangenen Jahren nicht möglich war. Dank „Zoom“ konnten die Teilnehmer nicht nur zuschauen, sondern waren auch mit Ton und Bild beteiligt. Dies sei ausgesprochen gut angekommen, sagt Wolharn mit Blick auf eine Umfrage, die Müller gestartet und an der sich zahlreiche Teilnehmer der digitalen Osterfeiern beteiligt haben. Neben dem sehr persönlichen Charakter der Feiern – Wolharn und Müller hatten die Teilnehmer sogar eingeladen, sich einander vorzustellen – waren es auch hier die frei formulierten Fürbitten, die Gläubige wie Seelsorger besonders beeindruckt haben. „Wenn ich mit meinen Gefühlen und mit meiner Welt vorkomme, wird der Gottesdienst tatsächlich ein Teil meines Lebens“, sagt Wolharn. Er betont, dass diese Erfahrungen nicht auf digitale Gottesdienste beschränkt sein dürfen: „Daraus darf man auch Rückschlüsse auf die Gestaltung unserer analogen Gottesdienste ziehen.“

Segensfeier für werdende Eltern via Instagram

Auch wenn viele Gemeinden nun nach und nach wieder Gottesdienste anbieten geht das Experimentieren mit digitalen Gebeten weiter. Vielleicht gerade deshalb, weil viele Teilnehmer im digitalen Raum eine Nähe empfinden, die in den Kirchen derzeit nicht möglich ist. So gibt es in der Gelsenkirchener Pfarrei St. Urbanus unter dem Stichwort #vernetzt ebenfalls Gottesdienste als Videokonferenz, Pastoralreferent Jaklitsch und die evangelische Pfarrerin Juliane Gayk haben den – zumindest im Ruhrbistum – ersten Instagram-Segnungsgottesdienst für werdende Eltern gefeiert und die Katholische Junge Gemeinde (KJG) in Essen-Byfang hat am Sonntag mit gut 130 zum Großteil jungen und jugendlichen Teilnehmern via WhatsApp gebetet. Auch Wolharn weiß dank der Umfrage, „dass wir mit unseren Gottesdiensten eine jüngere Gemeinde erreichen, die wir sonst vor Ort nicht haben“. Dabei sei die digitale Form für Ältere nicht per se abschreckend, betont Jaklitsch und berichtet von einem regelmäßigen Komplet-Mitbeter jenseits der 80.

Jaklitsch wird seine digitale Komplet „erst einmal weiter anbieten“, sagt der Bochumer. Schließlich gebe es nach wie vor ein großes Interesse. Und Wolharn sieht gerade die vielen positiven Rückmeldungen auf seine Online-Gottesdienste als klaren Auftrag für seine Kirche: „Wir müssen digital weitermachen!“

Domvikar

Bernd Wolharn

An St. Quintin 3
45127 Essen

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Serie "krisenchance"

Jede Krise ist eine Chance. Das gilt auch für die Corona-Krise und die Kirche. Dort wo das Gemeindeleben seit bald zwei Monaten pausiert und auch Gottesdienste in den Kirchen erst ganz zaghaft wieder aufgenommen werden können, hat sich viel Neues entwickelt: Menschen treffen sich zum digitalen Gebet oder feiern Gottesdienste zuhause, Seelsorger laden zum telefonischen Kaffeeklatsch, Pfadfinder ans digitale Lagerfeuer … - über diese und andere Initiativen berichten wir in den kommenden Wochen unter dem Stichwort #krisenchance. Vielleicht kann manche Idee, die aus der Not geboren wurde, auch nach Corona zu einer Tugend werden.

Weitere Folgen:

- Offene Ohren in der Corona-Krise

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