Die Corona-Krise im Schulalltag: Schulseelsorger ziehen Bilanz

Die Corona-Krise hat den Schulalltag so verändert, wie es Schüler, Lehrer und Eltern wohl zuvor nie erlebt haben. Auch an den Schulen im Bistum Essen mussten plötzlich alle flexibel sein, mit ungewohnten Problemen umgehen. Als Krisenmanager mittendrin: Die Schulseelsorger.

Schulen waren plötzlich komplett geschlossen, der Unterricht abgesagt. Schüler, Lehrer und Eltern mussten sich komplett neu orientieren – in einer Situation, die wohl keiner zuvor so erlebt hat. Die Corona-Krise hat die Schulen im Bistum Essen vor einige Herausforderungen gestellt, die nicht zuletzt mit Hilfe der Schulseelsorger gestemmt werden konnten. Kurz vor den Sommerferien blicken sie nun zurück: Auf Monate voller neuer Probleme, Erkenntnisse und Zukunftschancen.

Mal eben auf dem Flur mit den Kollegen sprechen, auf kurzem Wege Dinge organisieren: Das fiel auch für Schulseelsorger Maximilian Strozyk ganz plötzlich weg. „Es war ganz anders als sonst, wir mussten uns erstmal auf die neue Situation einrichten“, erzählt Strozyk, der seit einem Jahr im Seelsorgerteam des Essener Schulzentrums am Stoppenberg im Einsatz ist. Gemeinsam sind sie dann schnell kreativ geworden, um den Kontakt zu Schülern, Eltern und Lehrern vor allem in dieser Krisenzeit zu erhalten. „Wir haben Gottesdienste online für alle gefeiert, anstatt wie gewohnt für einzelne Jahrgangsstufen, haben wöchentliche Videoimpulse verschickt.“

Die Zeit ist reif, auch mal die eigene Seele zu pflegen

Seit fast sechs Jahren ist Gregor Lauenburger Schulseelsorger am Essener Mariengymnasium in Werden. „Ich war sehr froh, weiter zur Schule gehen zu dürfen, auch um eine Tagestruktur zu wahren. Das war ja von Anfang an bei vielen Menschen ein spürbares Problem“, berichtet Lauenburger von den ersten Wochen der Corona-Krise. „Auch wenn ich weniger direkt in der Schule gearbeitet habe, hatte ich nicht weniger zu tun. Aber meine Aufgaben haben sich sehr gewandelt.“ Viele persönliche Gespräche führte er per Telefon oder per Mail, nicht wie gewohnt vor Ort. Auch seine Doppelrolle als Vater zweier Schulkinder am Mariengymnasium und Seelsorger habe es ihm nicht immer leicht gemacht. „Ich war noch näher dran an den Problemen, es war aber auch anspruchsvoll, nicht Partei zu ergreifen und mäßigend auf Eltern einzuwirken, die in dieser Krisensituation etwa zu viel Druck auf ihre Kinder ausüben.“ Erlebt habe er in dieser Zeit viele Extreme zwischen Lob und Kritik.

„Es waren nicht weniger Gespräche, dafür tiefergehende“, sagt Lauenburger. „Ich wurde auch in der Schule mehr von Leuten gebraucht, die sonst nicht so auf mich zukommen. Da sind wir auf Probleme gestoßen, die im sonstigen Schulalltag einfach untergehen.“ Die Arbeit in dieser Krisenzeit habe ihm aber auch nochmal deutlich gezeigt: Die Probleme der Anderen muss auch er irgendwann wieder loswerden. „Natürlich nehme auch ich viel in Gedanken mit nach Hause, muss das für mich verarbeiten“, sagt er. Dabei hätten ihm kurze Gespräche mit den Kollegen schon sehr geholfen. Trotzdem geht er sowieso regelmäßig zum Beispiel in Exerzitien. Die Corona-Zeit macht ihm klar: Die Zeit ist mal wieder reif, die eigene Seele zu pflegen.

„Die Krise bringt auch positive Ideen hervor“

Doch nicht nur die persönliche Seelsorge stand für Strozyk und Lauenburger in diesem besonderen Schulhalbjahr im Fokus, auch die Struktur des Schulalltags mussten sie ganz neu denken. Vor allem die Abschiedsfeiern für die Abiturienten oder Zehntklässler haben für beide Schulen kreative Ideen hervorgebracht, die sich für die Schulseelsorger als echte Chance für die Zukunft erwiesen haben. „Wir haben uns entschieden, die Abschiede nicht in der Stufe, sondern in einzelnen Klassen zu machen, in insgesamt sechs Feiern. Das war viel persönlicher, eine gute Erfahrung, die wir eventuell beibehalten wollen“, erzählt Strozyk. Auch am Mariengymnasium muss die gewohnte Eucharistiefeier für die Abiturienten ausfallen. Gemeinsam mit Weihbischof Wilhelm Zimmermann hat sich Schulseelsorger Lauenburger aber ein Konzept überlegt, dass er in Teilen auch für zukunftsfähig hält: Zum Beispiel persönliche Worte für Kleingruppen oder als Grußkarten, passend zum Abimotto der Schüler. „Die Krise bringt auch positive Ideen hervor“, zieht Lauenburger Bilanz.

Für Stefan Nieber war das Schuljahr mitten in der Corona-Krise das erste als Schulseelsorger am Duisburger Hildegardis-Gymnasium. „Die Anforderungen und Sorgen der Schüler, Lehrer und Eltern waren ganz unterschiedlich. Ich habe mich um private und schulische Sorgen gekümmert, manche haben aber auch einfach jemanden zum Quatschen gesucht, weil sie weniger soziale Kontakte hatten“, erzählt er. Auch das Gemeinschaftsgefühl der Schule wach zu halten, ist Nieber wichtig. Per Videokonferenz gab es etwa die wöchentliche „Tea Time mit Hildegard“, bei der sich alle austauschen konnten, über alle Klassenstufen hinweg. Impulse verschickte das Seelsorgeteam digital, kurze Videos, Lieder oder Werbespots per YouTube stellten aktuellen Entwicklungen und Fragen zur Krise in den Mittelpunkt.

„Da sind Spontaneität und Reaktionsvermögen gefragt“

Für die drei Schulseelsorger beginnen nach anstrengenden Wochen jetzt die Ferien - sechs Wochen, die zumindest örtlich erst einmal wieder wegführen vom Schulalltag in Krisenzeiten. „Ich freue mich auf die Auszeit, habe aber auch in den Ferien viel zu tun, muss mehr planen als sonst“, sagt Lauenburger. Ob und wie die Pläne im neuen Schuljahr umgesetzt werden können, weiß momentan wohl niemand. „Das ist ein Fahren auf Sicht“, sagt Strozyk. Stefan Nieber ist überzeugt: „Auch wenn in der Politik von Normalisierung die Rede ist, werden wir sehr wahrscheinlich noch weit weg davon sein. Da sind weiterhin Spontaneität und Reaktionsvermögen gefragt.“

Trotz aller Unsicherheit: Die Schulseelsorger im Bistum Essen sind zuversichtlich und freuen sich auf das neue Schuljahr. „Ich bin optimistisch, weiß aber, dass wir vorsichtig bleiben müssen, damit uns das Virus nicht noch einmal mit dieser Wucht erwischt“, sagt Gregor Lauenburger. Für ihn gilt nun vor allem: Flexibel und besonnen bleiben. Auch Stefan Nieber geht mit gemischten Gefühlen in die Ferien. „Ich bin erleichtert, dass das Schuljahr beendet ist, gleichzeitig herrscht aber große Ungewissheit, was nach den Ferien kommt und wie sich die Situation bis dahin entwickelt. Jetzt ist man ein wenig weiter weg von allen.“ Trotzdem will er auch in den Ferien den Kontakt zu Schülern, Eltern und Kollegen halten. „Ich gehe mit dem Gefühl der Hoffnung in die Ferien, dass sich danach alles etwas normalisiert, wir auch Gottesdienst wieder gemeinsam vor Ort feiern können. Stimmungen und Emotionen im Raum nimmt man schon ganz anders wahr“, ist Maximilian Strozyk überzeugt. „Und ich hoffe, dass es die doch recht anstrengende Einbahnstraßenregelung nicht mehr gibt und ich mich nicht mehr dauernd im Schulgebäude verlaufe“, ergänzt er und lacht.

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