Duisburger Abtei-Gymnasiasten malen mit Holocaust-Überlebender Sara Atzmon

Nach einem eindrucksvollen Vortrag der 84-jährigen Jüdin produzieren die Oberstufen-Schüler des Bischöflichen Gymnasiums aus ihren Eindrücken gemeinsam mit der Zeitzeugin großformartige Wandmotive.

Sie malen auf alten Schul-Wandkarten von Europa. Auf einer überdecken schwarze Kreuze fast den ganzen Kontinent, dazwischen ein paar Hakenkreuze, noch dunkler als der Rest – und rote Punkte. „Das sind die KZs“, sagt Daniel. Und die Kreuze? „Das ist das Deutsche Reich 1941“, – mitten im Krieg, im Moment der größten geografischen Ausdehnung dieses zerstörerischen Angriffs, in dessen Windschatten sich die Vernichtung der Juden und der Terror gegen viele weitere religiöse, ethnische oder politische Gruppen über Europa ausgebreitet hat. Die drei Teenager sind an diesem 9. November Teil eines besonderen Kunstprojekts am Bischöflichen Abtei-Gymnasium in Duisburg-Hamborn. Gemeinsam mit der Holocaust-Überlebenden Sara Atzmon malen die Jugendlichen 80 Jahre nach den Novemberpogromen über den Holocaust. So erhält das unfassbar große Leid von damals, von dem die 84-Jährige so eindrucksvoll berichtet, ein junges, frisches und ganz individuelle Gedenken.

Am Donnerstag, 8.November, hat die 1933 in Ungarn geborene und heute in Israel lebende Künstlerin zunächst mehr als 300 Schüler, Lehrer und Gäste mit ihrer Lebensgeschichte in den Bann gezogen. „Sie hat anderthalb Stunden geredet und es war mucksmäuschenstill“, zeigt sich Ehemann Uri Atzmon – Sohn einer aus Oberhausen stammenden Familie – von der aufmerksamen Atmosphäre beeindruckt. Hier und da flossen den Jugendlichen stille Tränen über die Wangen, so erschütternd waren sie von ist Atzmons Geschichte. Während sie selbst überlebte und schlimmste Unterdrückungen und Misshandlungen erfuhr, wurden Dutzende ihrer Angehörigen im Holocaust ermordet.

Nach dem Vortrag ging Atzmon mit Oberstufen-Schülern, die sich freiwillig gemeldet hatten, in den Kunstraum der Schule, um eigene Eindrücke aus der Holocaust-Geschichte der Seniorin in Bilder zu verwandeln. So malen die Schüler nicht nur die Kriegs-Landkarte, sondern auch den Zug von dem Atzmon erzählt hat. Der Zug, in dem sie als Elfjährige viele Tage gesessen hat, der sie beinahe nach Auschwitz gebracht hätte – um sie schließlich in Bergen-Belsen abzuladen. Oder die Leichenberge, die Atzmon in dem Konzentrationslager gesehen hat.

Die Schüler sind engagiert bei der Sache – und Atzmon, die zwar erst vor rund 30 Jahren mit dem Malen angefangen hat, aber ihre großformatigen Holocaust-Motive in aller Welt ausstellt, hat einen guten Draht zu ihnen. Hier gibt sie Tipps, trotz der düsteren Stimmung nicht gleich das ganze Bild zu schwärzen, dort regt sie die drei Maler der Kriegs-Landkarte an, ihr Bild noch zu ergänzen. Gemeinsam mit Fabian und Niklas malt Daniel einen großen Davidstern auf die Karte. „Bis zum Krieg waren die Juden überall in Europa Teil der Gesellschaft – und sie sollen es auch künftig sein“, erklärt Fabian. „Junge Leute verstehen Kraft und Größe“, erklärt Atzmon, „deshalb male ich groß! Und wenn die Schüler etwas malen, nehmen sie etwas mit“, begründet sie den Ansatz ihrer Kunst-Workshops.

Bei Kunst-Lehrerin Katharina Middendorf hat sie damit offene Türen eingerannt. Die Pädagogin koordiniert die kulturelle Bildung an der Bischöflichen Schule und steht immer wieder vor der Frage, wie sich Kunst mit den Inhalten aus Politik, Geschichte und anderen Fächern verbinden lässt. Anders als Schulbücher, Filme oder Präsentationen sei das Malen „ein emotionaler und intuitiver Zugang“. Die Schüler schafften etwas Bleibendes – für sich selbst und für die Umwelt – „und werden so selbst zu Botschaftern“.

Für Daniel war es gar keine Frage, sich für das Kunst-Projekt zu melden: „Das dürfte für mich so ungefähr die letzte Chance sein, eine Holocaust-Überlebende zu treffen.“ Auch für Kimberley ist es „sehr berührend und atemberaubend, einen wirklichen Menschen zu treffen, der das erlebt hat“. Sie sieht es als Aufgabe für sich „das weiterzutragen“, selbst wenn es irgendwann keine Augenzeugen mehr gibt. Und es gehe darum, Konsequenzen aus der Geschichte von damals zu ziehen, sich zum Beispiel aktiv gegen Rassismus, Antisemitismus und jede andere Form von Ungerechtigkeit einzusetzen.

Dass sie zu den letzten gehört, die die dramatischen Geschichten der Judenvernichtung aus eigener Anschauung erzählen kann, ist Sara Atzmon sehr bewusst. „Mach schnell, ich bin alt“, hat sie Katharina Middendorf geantwortet, als diese sie zu dem Schulworkshop im Rahmen des Programms „Das Abtei vergisst nicht“ eingeladen hat. Seit rund 20 Jahren reist Atzmon mit ihren Bildern in Schulen in aller Welt. Am Duisburger Abtei-Gymnasium scheint sich ihr Besuch auf jeden Fall gelohnt zu haben. Bei einem Festakt im Duisburger Lehmbruck-Museum wird das Projekt am Montagabend präsentiert. Und zugleich wird das Abtei-Gymnasium mobile Mahnmale in Form auf Holplatten montierter Betongewichte an verschiedene Kooperationspartner überreichen, um damit ebenfalls an den Holocaust zu erinnern und vor Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt zu warnen.

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