Impuls: Von Jesus sein Oma

Die Madonna im Bischofshaus. Foto: Achim Pohl | Bistum Essen

„Hilf Du, St. Anna...“ So soll Martin Luther im Gewitter bei Stotternheim gebetet haben. Lebenswende von kirchen- und weltgeschichtlicher Bedeutung. Da mag es schon erstaunen, dass die heilige Helferin, die Luther in seiner Todesangst beschwört, historisch praktisch nicht zu fassen ist. Biblische Bezeugung von Jesus sein Oma: Null. Erst das apokryphe Jakobusevangeliums erzählt die Geburts- und Kindheitsgeschichte Mariens und von ihren frommen Eltern Joachim und Anna. Die Kirche feiert die Großeltern Jesu am 26. Juli.

Die „Mutter Anna“ ist seit dem Mittelalter ein häufiges Thema der Bildkunst, voll immer neuer Ideen. Eine der schönsten: Die Mutter Anna als Lehrerin, die ihrer Tochter Maria das Lesen beibringt. Ich brauche nicht zu betonen, dass das historisch mehr als unwahrscheinlich ist. Wie alle orientalischen Frauen damals – und leider vielfach auch noch heute – werden Maria und ihre Mutter Analphabetinnen gewesen sein.
Als dieser Bildtyp vor rund 600 Jahren erfunden wurde, konnten die meisten Menschen weder lesen noch schreiben und das Bild gehört in den Kontext der damals langsam aufbrechenden Reform. Bildung für alle! Lesen lernen lohnt sich. Insbesondere – Maria und Anna - für Frauen und Mädchen!

Über die kulturhistorische Bedeutung hinaus erzählt das Bild aber auch theologisch Wichtiges. Die Geschichte vom Lehren und Lernen, die hier gezeigt wird, hängt nicht in der Luft. Sie hat eine ganz selbstverständliche Fortsetzung, die im späten Mittelalter auch in Bildern erzählt wird: Maria gibt das, was sie von ihrer Mutter gelernt hat, an ihr Kind weiter. Jetzt ist es Jesus, der lernt. Auf manchen Bildern sieht man den kleinen Jesus mit einer ABC-Tafel! Das ist beileibe keine Selbstverständlichkeit: Wir dürfen uns Maria und Jesus als Lernende vorstellen. Als Menschen, die sich entwickeln, die reifen und wachsen. Die nachdenken und fragen und nicht schon auf alles eine Antwort haben. Herbert Fendrich

Abteilungsleitung - Stellvertretender Dezernent

Dr. Herbert Fendrich

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