von Lisa Myland

Nach der Flut: Im Einsatz mit einem ehrenamtlichen Notfallseelsorger

Rolf Preiss-Kirtz kümmert sich ehrenamtlich um trauernde oder traumatisierte Menschen und ist rund um die Uhr als Notfallseelsorger erreichbar. Die Hochwasser-Katastrophe war für ihn ein besonders intensiver Einsatz, der ihn gefordert, aber auch gestärkt hat.

Gemeinsam mit den Menschen im rheinischen Erftstadt-Blessem stand Rolf Preiss-Kirtz vor dem, was das Hochwasser noch übrig gelassen hatte. Vor rund drei Wochen ging er mit ihnen oft zum ersten Mal zurück in ihre Häuser, nachdem das Gebiet rund um die weggespülte Kiesgrube zumindest teilweise wieder freigegeben worden war. Für den ehrenamtlichen Notfallseelsorger eine Ausnahmesituation: „Bei den Bewohnern lagen die Nerven blank. Und auch für mich war das eine unglaubliche Wucht an Bildern: Überall lagen Berge von Sperrmüll, das braune Wasser verbreitete einen üblen Geruch, weil ja auch zum Beispiel noch verdorbene Lebensmittel darin schwammen. Und mittendrin die Menschen, die schauen mussten, was von ihren Dingen noch zu retten ist.“

„Wir waren ein wichtiges Bindeglied zwischen den Menschen“

Mit fünf weiteren Helfern war der 59-Jährige in NRW unterwegs, um den Menschen in den ersten Tagen nach dem Hochwasser beizustehen, ihnen zu zeigen, dass es weiter geht in ihrem Leben. Jeden Morgen um 6 Uhr traf sich das Team, Rettungskräfte sprachen die Seelsorger gezielt an und schickten sie zu den Menschen, die deren Gespräche dringend brauchten. „Wir waren oft ein wichtiges Bindeglied zwischen den Menschen dort“, erzählt Preiss-Kirtz. Eine Woche lang war er ehrenamtlich im Einsatz, wurde dafür von seinem Job als Referent für Pfarreientwicklung im Bistum Essen freigestellt. Für die Notfallseelsorge engagiert er sich seit 2019 in einer Gruppe für Essen und Mülheim. 14 Tage im Jahr kann er eingesetzt werden, hatte in rund zwei Jahren schon 40 Einsätze. „Ich bin rund um die Uhr erreichbar, betreue Menschen in den verschiedensten Notlagen“, sagt er. „Ich bin dabei, wenn Todesnachrichten an Angehörige überbracht werden, betreue Familie und Freunde nach plötzlichen Todesfällen, bin für Ersthelfer und Rettungskräfte da.“

Die Hilfe in den Hochwassergebieten war für Preiss-Kirtz der erste große Einsatz. Viel Vorbereitungszeit blieb ihm nicht: „Wir wussten grob, was auf uns zukommt, aber waren dann doch von jetzt auf gleich in dieser Situation.“ Ein Zufall kommt Preiss-Kirtz zugute: Rund vier Wochen vor der Katastrophe hatte er noch eine Schulung für ähnliche Großlagen absolviert. „Da ging es mehr um Terroranschläge oder Amokläufe, aber der Kurs hat mir trotzdem sehr geholfen bei diesem besonderen Einsatz“, sagt er. Eine so umfassende Schadenslage habe es in Deutschland noch nicht gegeben, gerade dann sei die Notfallseelsorge vor Ort sehr wichtig.

Große Dankbarkeit und mehr Zusammenhalt

In Erftstadt-Blessem betreute er ganz unterschiedliche Menschen, von der 14-jährigen Jugendlichen, die durch das Hochwasser ihr Zimmer verloren hatte, bis zur alleinstehenden 85-Jährigen, die vor den Trümmern ihres Hauses stand. „Da haben wir dann gemeinsam geschaut, welche Sachen, an denen ihr Herz hängt, noch zu retten sind und sind bei ihr geblieben, als das Haus ausgeräumt wurde.“ Preiss-Kirtz ist noch immer beeindruckt von der alten Dame, die in diesen Stunden ganz pragmatisch aussortiert und von überstandenen Lebenskrisen erzählt hat. Bei anderen Menschen erlebte er zusätzliche Hiobsbotschaften hautnah mit: „Ein Mann bekam während der Aufräumarbeiten die Kündigung von seinem Arbeitgeber, der durch das Hochwasser nicht mehr in der Lage war, ihn länger zu beschäftigen.“ Besonders geprägt haben den Notfallseelsorger die Dankbarkeit der Betroffenen, aber auch der Zusammenhalt untereinander. „Die selbstlose Hilfe hat die Menschen dort zusammengeschweißt. Ein Mann hat mir erzählt, dass er seit 20 Jahren in Blessem wohnt, aber nie integriert war. Jetzt fühlt er sich endlich als Teil der Gemeinschaft.“

Weitere Seelsorger im Fluteinsatz

Neben Rolf Preiss-Kirtz hat das Bistum Essen weitere Seelsorger für Einsätze in Flutgebieten in anderen Bistümern freigestellt. So waren Diakone aus dem Ruhrbistum in den vergangenen Wochen unter anderem auch im Ahrtal im Einsatz.

Auch nach dem Einsatz vor Ort wird die Hochwasser-Katastrophe den Essener noch länger beschäftigen. Die ehrenamtliche Gruppe ist auch für die Seelsorge der Rettungskräfte in Essen und Mülheim zuständig, um zu helfen, dass solche belastende Eindrücke nicht traumatisch werden. Und auch er selbst muss immer wieder auf sich achten, die Bilder entsprechend verarbeiten. „Man muss lernen, vor Ort empathisch und voll für die trauernden und schockierten Menschen da zu sein, darf sich aber auch nicht runterziehen lassen und muss das Ganze dann auch vor Ort lassen“, weiß er. Es sei wichtig, seine eigenen Grenzen zu kennen, um selbst handlungsfähig zu bleiben. Der Einsatz in den Hochwasser-Gebieten habe an seinen Kräften gezehrt, ihn aber auch bestärkt. „Kurz nach dem Einsatz habe ich eine Woche eine Auszeit genommen, konnte alles in Ruhe verarbeiten und Abstand nehmen“, sagt er.

Für Rolf Preiss-Kirtz ist die Notfallseelsorge ein zutiefst christlicher Dienst, wie er sagt. „Wir stehen den Menschen bei, die von jetzt auf gleich etwas oder jemanden verloren haben. Das ist für mich der Grundauftrag der christlichen Nächstenliebe.“ 

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