Ein langer Atem für den kulturellen Strukturwandel

Bistum Essen

Zehn Jahre nach der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 hat Bischof Franz-Josef Overbeck in der Mülheimer Akademie „Die Wolfsburg“ mit Vertretern aus Politik, Kultur und Wirtschaft über die Entwicklung der Kulturszene im Ruhrgebiet diskutiert. Bei dem von „Wolfsburg“ und Initiativkreis Ruhr veranstalteten Abend standen auch die coronabedingten Auswirkungen auf die Kultur im Fokus.

Die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 hat die kulturelle Stärke des Ruhrgebiets sowohl in der Region als auch darüber hinaus ins Bewusstsein der Menschen gebracht und gezeigt, was kulturell im Revier steckt. Darüber war sich das Podium am Dienstagabend in der Katholischen Akademie, „Die Wolfsburg“, in Mülheim einig. Allerdings benötige man für einen nachhaltigen Strukturwandel einen langen Atem und dürfe nicht müde werden, Innovationen weiter voranzutreiben.

„Sexy genug für eine Kulturmetropole?“ war die Überschrift des Diskussionsabends, bei dem Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck mit dem ehe-maligen Vorsitzenden der Geschäftsführung Ruhr 2010, Oliver Scheytt, dem Parlamentarischen Staatssekretär im NRW-Kulturministerium, Klaus Kaiser (CDU), dem National-Bank-Vorstandschef und Initiativkreis Ruhr-Co-Moderator Thomas A. Lange, und mit Christian Eggert, dem Projektinitiator der Streetart-Show Urbanatix aus Bochum, über die Frage sprach, wie es zehn Jahre nach dem Mega-Event um die Kulturszene im Ruhrgebiet bestellt ist.

Scheytt: Kulturhauptstadt Ruhr 2010 hallt nach

Nach Ansicht von Kulturmanager Scheytt hat die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 im Ruhrgebiet zu einer veränderten Mentalität und Eigen- und Fremdwahrnehmung geführt. „Wir haben uns gewandelt“, sagte Scheytt in der von „Wolfsburg“-Dozent Matthias Keidel moderierten Diskussion. Die Metropole Ruhr habe ihre „Selbstwirksamkeit“ entdeckt. Als ein besonders nachhaltiges Beispiel dafür, was die Kultur-hauptstadt Ruhr 2010 bewirkt hat, führte Scheytt das Projekt „Jedem Kind ein Instrument“ an. Das ursprünglich in Bochum gestartete Projekt war anlässlich der Kulturhauptstadt Ruhr 2010 räumlich ausgeweitet worden. „Das Projekt hat die Musikschullandschaft bundesweit revolutioniert“, betonte der ehemalige Vorsitzende der Geschäftsführung Ruhr 2010.

Bischof: „Ohne Religion gibt es keine Kultur“

Bischof Overbeck attestierte sowohl der Kultur als auch der Religion lebensgestaltende Kräfte. „Ohne Religion gibt es keine Kultur. Das müssen viele Menschen wieder lernen“, sagte Overbeck. Ebenso wie das Ruhrgebiet als eine der größten Industrieregionen Europas sich weiter verändern müsse, müsse sich auch Kirche verändern. „Kirche hat immer wieder die Aufgabe, sich zu verheutigen“, sagte Overbeck. Dazu brauche es den unbedingten Willen zu Innovation und die Bereitschaft, „den Weg nach vorne zu gehen“.

Staatssekretär: Kulturlandschaft im Revier spielt in erster Liga

Kulturstaatssekretär Kaiser lobte die hohe Qualität der Kultur im Ruhrgebiet. „Die Kulturlandschaft des Ruhrgebiets spielt in der ersten Liga“, sagte Kaiser und verwies auf eine „einzigartig dichte Theaterlandschaft“. Das Ruhrgebiet habe die Chance, sein „enormes Potenzial“ weiter zu entwickeln. Dafür brauche es Umsicht und Ausdauer. „Wenn man eine Kulturregion entwickeln will, muss man mit einer Strategie darangehen“, sagte Kaiser. Die Förderung der Kultur solle ein Umfeld schaffen, in dem Kreativität entfaltet werden könne. Kultur müsse so-wohl in die Breite als auch in die Spitze gefördert werden.

Lange: Kultur muss jedem zugänglich sein

Thomas A. Lange, Vorsitzender des Vorstandes der National-Bank und Co-Moderator des Initiativkreises Ruhr, mahnte, den Zugang zu Kultur weit zu halten und nicht elitär zuzuschneiden. „Alle Kultur ist populär, denn sie kommt aus dem Volk heraus“, sagte Lange, der den Initiativkreis Ruhr seit 2016 gemeinsam mit RAG-Stiftungschef Bernd Tönjes führt. „Es gibt nur eine einheitliche Kultur in ihrer ganzen Vielfalt, eine Kultur für alle.“ Kultur und Bildung seien neben dem christlichen Menschheitsverständnis das, was die Gesellschaft zusammenhalte.

Lange warb zudem dafür, den Wandel des Ruhrgebiets als Prozess zu verstehen. Es brauche eine gewisse Zeit, bis sich Wahrnehmungen veränderten. Aber: „Wir müssen mit mehr Selbstbewusstsein voranschreiten“, sagte Lange.

Urbanatix-Chef Eggert: Aufbruchsstimmung im Revier

Urbanatix-Initiator Christian Eggert berichtete von einer „Aufbruchs-stimmung“ im Ruhrgebiet, das mehr und mehr in den Fokus von Kulturschaffenden rücke. Urbanatix in Bochum, eine Show von Streetartisten und Bewegungskünstlern, gilt als kulturelles Vorzeigeprojekt. Urbanatix sei für die Kulturhauptstadt Ruhr 2010 zunächst abgelehnt worden und habe dann die Abschlussveranstaltung gebildet, erzählte Eggert. „Ich würde mir wünschen, dass es viele solche Orte gibt, wo junge Menschen sich ausprobieren können“, sagte Eggert mit Blick auf das Urbanatix-Trainingszentrum Open Space. Dort können Künstler kosten-los gemeinsam trainieren und bekommen in der Begegnung Impulse für ihre künstlerische Entwicklung.

Wie wichtig ist Kultur? Kultur ist, da waren sich die Podiumsgäste einig, unverzichtbar für unser Leben. Die Corona-Pandemie habe der Kultur-szene deutlich zugesetzt, aber auch die Bedeutung von Kultur für die Gesellschaft gezeigt. Kaiser: „Deshalb bedarf sie auch öffentlicher Unterstützung.“ Lange: „Kunst und Kultur geben uns Raum für Interpretation, Reflexion und Inspiration. Das zeichnet eine durch Vielfalt und Zusammenhalt getragene Gesellschaft aus.“ Overbeck: „Religion und Kultur sind Teil unseres sozialen Lebens, dafür müssen wir als Kirche einstehen.“ Scheytt: „Kultur ist der Lebensweise der Menschen imma-nent.“ Eggert: „Künstler sind unfassbar wertvoll für unser Leben.“

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