Die Kirche muss auf den richtigen Frequenzen funken

Bistum Essen

Nach fast 40 Jahren im kirchlichen Dienst geht der Gemeindereferent Michael Meurer am Freitag als Leiter der Abteilung Gemeinschaft und Diakonie im Bistum Essen in den Ruhestand. Ein Interview über den Strukturwandel im Ruhrbistum.

Er ist studierter Elektroningenieur – und wechselte nach dem Zivildienst zur Kirche, um einer der ersten männlichen Gemeindereferenten im Ruhrbistum zu werden. Nach einiger Zeit in der Gemeindeseelsorge wurde er „Referent für Ausländerseelsorge“, als dieser Titel noch nicht anstößig klang und begleitete jahrzehntelang die Pfarrgemeinderäte an Rhein, Ruhr und Lenne. Am Freitag, 25. September, geht der Essener Michael Meurer als Leiter der Abteilung Gemeinschaft und Diakonie im Bistum Essen in den Ruhestand. Im Interview schaut er zurück auf fast 40 Jahre im kirchlichen Dienst und auf den von ihm mitgestalteten Strukturwandel im Bistum Essen.

Herr Meurer, zu Beginn eine Frage an den Elektroingenieur: Hat die Kirche nicht ein Kontakt-Problem wenn es um die Verbindung zu den Menschen geht?

Michael Meurer: Ich sag es mal mit den Radio- und Fernsehtechnikern: Die Kirche funkt auf Frequenzen, die heute kaum noch jemand empfangen kann. Anders ausgedrückt: Wir geben Antworten auf Fragen, die niemand gestellt hat. Wir müssen den Leuten nicht nach dem Mund reden. Aber wir müssen wissen, was sie interessiert und bewegt – und darauf müssen wir Antworten haben.

Und warum fehlt es an diesen Antworten?

Meurer: Als ich ab 1979 zum Gemeindereferenten ausgebildet wurde, war „Nah bei den Menschen sein!“ in der Seelsorge ein wichtiges Wort, das sich gerade unser erster Bischof Franz Hengsbach anfangs sehr zu Eigen gemacht hat. Heute klingt das etwas abgedroschen, ist aber nicht weniger richtig: Gerade da, wo wir unsere Pfarreien vergrößern, Kirchen schließen und mit weniger Personal auskommen müssen, müssen wir doch umso mehr hinhören, was die Menschen bewegt. Und das gilt nicht nur für unsere hauptberuflichen, sondern vielleicht sogar noch etwas mehr für unsere vielen ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Die sind schließlich immer noch etwas näher dran an den ganz normalen Leuten.

Apropos größere Pfarreien: Sie haben im Ruhrbistum erst die Hauruck-Reform der Nullerjahre hin zu den Großpfarreien mitgestaltet – und dann ab 2015 die Pfarreientwicklungsprozesse. Erleben Sie vor Ort noch Lust am Gestalten, oder eher Ermüdung?

Meurer: Wenn ich heute in unseren Pfarreien unterwegs bin, treffe ich oft die gleichen Leute, die schon 2005 dabei waren. Denen kann ich heute zumindest sagen, dass wir als Bistum eingelöst haben, was wir damals bei der ziemlich eilig umgesetzten Bildung der Großpfarreien versprochen haben: Mit dem 2013 eingeführten Zukunftsbild gibt es die inhaltliche Grundlage für alle Veränderungen – und mit den Pfarreientwicklungsprozessen gibt es heute die Mitbestimmungsmöglichkeiten, die 2005 viele gefordert haben. Für die Gremien in unseren Pfarreien ist das natürlich anstrengender, als nur einen fertigen Plan des Bistums umzusetzen – aber wir glauben, dass so die besseren Lösungen entstehen, weil doch die Leute vor Ort wissen, welche Strukturen nötig sind.

Viele Katholiken würden sich vielleicht sogar noch stärker in ihren Pfarreien engagieren, kommen aber vor lauter Gremienarbeit gar nicht dazu…

Meurer: Diese Klage höre ich in der Tat öfter. Deshalb haben wir die Beteiligungsmöglichkeiten immer wieder auf den Prüfstand gestellt. Das wird auch ein Thema der neuen Satzung für die Pfarrgemeinderäte sein – eines meiner letzten Projekte für das Bistum. Sie wird im nächsten Jahr in Kraft treten, bevor dann im Herbst wieder gewählt wird. Mein Ziel sind starke, direkt gewählte Pfarrgemeinderäte und flexible Gremien in den Gemeinden vor Ort, die sich selbst nach ihren Bedürfnissen organisieren.

Als sie nach Studium und Zivildienst zur Kirche gewechselt sind, sind sie als Gemeindereferent in einen damals typischen Frauenberuf eingestiegen. Das klingt nach einer spannenden Perspektive für die Gleichberechtigungs-Diskussionen in der Kirche.

Meurer: Diese Prägung hat mich auf jeden Fall sensibel gemacht für diese Fragen. Zumal ich nach meiner Ausbildung eine Form von Ablehnung erfahren habe, wie sie auch Frauen in unserer Kirche immer wieder erleben: Bischof Hengsbach hatte es damals erst abgelehnt, mich in einer öffentlichen Feier für die Seelsorge in seinem Bistum zu beauftragen. Ich habe dann aber eine unheimlich starke Solidarität der Priester aus den Pfarreien des damaligen Dekanates erfahren, die Hengsbach schließlich umgestimmt hat. Ich bin froh, dass Frauen in unserem Bistum heute Gemeinden leiten und beerdigen dürfen – auch wenn ich hoffe, dass ich auch in meinem Ruhestand noch viele weitere Schritte im Sinne einer echten Gleichberechtigung erleben werde.

Sie haben sich um die muttersprachlichen Gemeinden gekümmert, als diese Aufgabe noch „Referent für Ausländerseelsorge“ hieß. Heute sind die Muttersprachler die am stärksten wachsende Gruppe im Bistum Essen – ist das ein Risiko oder eine Chance?

Meurer: Als ich die Stelle 1995 übernahm, gab es einen internen Aktenvermerk nach dem mein Job nach zwei Jahren erledigt sein sollte. Dann wären wohl alle Ausländer integriert, hat man damals vielleicht gehofft ... Nun, ich bin froh, dass wir bis heute ein Referat für die muttersprachlichen Gemeinden in unserem Bistum haben. Dabei sind die Herausforderungen eigentlich die gleichen wie damals: Wir, die wir an Rhein, Ruhr oder Lenne aufgewachsen sind, müssen verstehen, dass wir nicht die deutsche katholische Kirche sind, sondern als katholische Kirche in Deutschland Teil der Weltkirche. Und wer einmal einen afrikanischen oder chaldäischen Gottesdienst besucht hat, versteht auch als Deutscher, wie wichtig Menschen aus anderen Ländern für ihren Glauben auch die ihnen vertraute Gottesdienstkultur ist. Und wenn mich neulich ein aus Kamerun stammender Diakon interviewt, weil er aus seiner Perspektive eine Forschungsarbeit über Willkommenskultur in der Kirche schreibt und wissen möchte, wie das bei uns läuft, dann glaube ich, dass wir in Sachen Integration auf dem richtigen Weg sind. Was mich übrigens immer wieder beeindruckt, wenn ich an die vielen Diskussionen über Kirchenschließungen denke: Welche Wege die Mitglieder muttersprachlicher Gemeinden auf sich nehmen, um sonntags miteinander Gottesdienst zu feiern!

Und jetzt im Ruhestand? Gehen Sie endlich auf Welttournee mit ihrer Skiffle-Band – oder stürzen Sie sich ins kirchliche Ehrenamt auf der Essener Ruhrhalbinsel?

Meurer: (lacht) Für die Welttournee sind „Die Popel“ nach mehr als 45 Jahren Bandgeschichte nun wirklich zu alt, aber darauf, bald mehr Musik machen zu können, freue ich mich wirklich. Außerdem bleibe ich ja der „Laufband“ des Bistums erhalten, mit der wir zuletzt im Corona-Lockdown hier und da ein wenig Freude verbreiten konnten. Ehrenamtlich werde ich sicher auch weiter in unserer Pfarrei St. Josef unterwegs sein. Doch dass ich mich bei all dem nicht übernehme, dafür wird meine Frau schon sorgen – immerhin winkt uns bald die Großelternrolle: Unser Sohn und unsere Schwiegertochter erwarten Zwillinge. 

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