Zwischen Fußballstadien und Liebesschlössern

Generalvikar Pfeffer und Theologie-Professor Lutterbach machten sich in der Akademie „Die Wolfsburg“ auf die Suche nach ursprünglich christlichen Symbolen und Ritualen, die den Menschen auch heute noch etwas von Gott erzählen.

"Warum gelingt es uns nicht, die Menschen auch in der Kirche so zu berührenr"

Wenn der bekennende Schalke-Fan Klaus Pfeffer ein Fußballspiel besucht, ist der Generalvikar des Ruhrbistums von seiner eigentlichen Profession gar nicht so weit entfernt: „Vieles von dem, was dort geschieht, ähnelt religiösen Inszenierungen“, sagte Pfeffer am Mittwochabend in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim. Und oft stelle er dabei fest: „Die inszenieren das viel besser als wir. Da frage ich mich manchmal schon, warum es uns nicht gelingt, die Menschen auch in der Kirche so zu berühren“.

Unter der Überschrift „Liebesschlösser, Tierfriedhöfe und Jakobsweg“ diskutierte Pfeffer in der „Wolfsburg“ mit dem Essener Christentumshistoriker Prof. Hubertus Lutterbach über die neue Bedeutungen alter christlicher Symbole und die Frage, wie die Kirche über diese Zeichen wieder ihre Botschaft platzieren kann.

„Jeder Mensch kommt an Punkte, wo er Halt braucht“

Dass sich gerade kirchenferne Menschen religiöser Symbole bedienen, um im Leben – aber auch angesichts des Todes – Halt zu finden, hat Lutterbach in seinem Buch „Vom Jakobsweg zum Tierfriedhof“ aufgezeigt. Ein Fazit: Menschen suchen zwar nach Gott, tun dies aber kaum mehr in der Kirche. Pfeffer bestätigte diese Beobachtung: „Jeder Mensch kommt an Punkte, wo er Halt braucht. Die Frage ist, ob wir als Kirche noch die richtigen Antworten bieten“. Quasi-religiöse Elemente gebe es an vielen Orten – wie eben im Fußballstadion.

Auch bei Menschen, die nur wenig mit der Kirche zu tun haben, blieben christliche Traditionen und Symbole lebendig, würden jedoch häufig in ihrer ursprünglichen Bedeutung beschnitten, erläuterte Lutterbach. So seien die Vorhängeschlösser von Liebespaaren an vielen Brücken von der Mystik des Mittelalters inspiriert. Der Historiker erläuterte, dass sich die Gläubigen damals vorstellten, das Christus in ihr Herz einzieht und sie dieses mit einem Schloss versehen und den Schlüssel wegwerfen, um diesen Schatz nicht zu verlieren. Dieses ursprüngliche Bild der Vereinigung mit Christus werde nun auf den Partner übertragen, der ebenfalls für immer im Herzen getragen werden solle, so Lutterbach. So wie bei den Liebesschlössern trete auch bei modernen Jakobspilgern der mittelalterliche Transzendenzbezug in den Hintergrund: Ging es ursprünglich darum, beim Pilgern Gott zu begegnen, stehe nun eher die Begegnung der Menschen mit sich selbst im Vordergrund. Christliche Traditionen würden auf diese Weise neu interpretiert, behielten aber auch für kirchenferne Menschen ihre lebensstabilisierende Kraft, so der Theologe.

„Helfen, die eigenen spirituellen Ressourcen zu erschließen“

Lutterbach empfahl der Kirche, den Menschen zu helfen, die eigenen spirituellen Ressourcen zu erschließen und für das individuelle Leben „verwertbar“ zu machen. „Die Menschen schauen sehr genau, ob sie etwas anspricht und ob sie für sich etwas mitnehmen können.“ Dies sei nur möglich, wenn sie die Sprache der Kirche verstehen. Ein positives Beispiel sei hier der Benediktinermönch und Autor Anselm Grün. Von vielen Theologen kaum ernst genommen gelinge es ihm, einem Millionenpublikum die spirituellen Traditionen und Errungenschaften der Kirche zu erschließen.

Pfeffer pflichtete bei: „Die Theologie muss auf den Boden kommen, um die Menschen zu erreichen.“ Dann könne die Kirche weiterhin Relevanz in der Gesellschaft haben. Dabei komme es künftig vor allem auf authentische Christinnen und Christen an, die durch ihr Leben die Botschaft Jesu glaubwürdig und selbstbewusst vorlebten, ohne andere dabei zu vereinnahmen.

Christliche Erinnerungskultur als Hilfe nach Unglücksfällen

Wichtig sei es, Menschen Räume des Glaubens zu eröffnen, in denen sie bei Bedarf mit christlichen Inhalten in Kontakt treten können, waren sich der Generalvikar und der Wissenschaftler einig. Lutterbach verwies hier auf die Angebote der Kirchen nach großen Unglücksfällen wie der Loveparade-Katastrophe 2010 oder dem Absturz der Germanwings-Maschine 2015. Hier sei der große Schatz der christlichen Erinnerungskultur vielen Menschen eine Hilfe gewesen sei. (lk/tr)

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