von Thomas Rünker

„Wir müssen noch intensiver reden, ringen und auch streiten“

Vor Beginn der bundesweiten Fachtagung über die Gesprächsprozesse in der deutschen katholischen Kirche spricht der Generalvikar des Bistums Essen, Klaus Pfeffer, über seine Erfahrungen mit den Dialoginitiativen im Ruhrbistum und darüber hinaus.

"Wir haben den Deckel von einem brodelnden Kochtopf genommen"

Die seit rund fünf Jahren laufenden Gesprächsprozesse in der deutschen katholischen Kirche stehen am Donnerstag und Freitag im Zentrum einer Fachtagung in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim. Auf Einladung der Deutschen Bischofskonferenz, des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und des Bistums Essen sprechen Experten aus allen Bereichen der katholischen Kirche über die Ergebnisse dieser Dialoginitiativen. Am Donnerstagabend fragt zudem eine öffentliche Podiumsdiskussion „Haben die Gesprächsprozesse die Katholische Kirche in Deutschland vorangebracht?“. Vorab spricht Klaus Pfeffer, Generalvikar des Bistums Essen, im Interview über die Erfahrungen mit dem Dialogprozess im Ruhrbistum, das daraus entstandene Zukunftsbild und über die Bedeutung der Gesprächsprozesse für die katholische Kirche bundesweit.

Herr Generalvikar Pfeffer, nach den Erschütterungen durch den im Jahr 2010 bekannt gewordenen Missbrauchsskandal hat es in vielen Bistümern – aber auch bundesweit – intensive Gesprächsprozesse gegeben. Was haben diese Gespräche gebracht?

Für unser Ruhrbistum glaube ich, dass wir mit unserem Dialogprozess den Deckel von einem brodelnden Kochtopf genommen haben. Es gab und gibt unter der Oberfläche unserer Kirche viel Unzufriedenheit und Frustration, zuweilen brodelt es gewaltig. Viele erleben seit Jahrzehnten einen Abwärtstrend: Immer mehr Menschen verabschieden sich von Kirche und Christentum. Selbst in traditionell katholischen Familien gelingt es Eltern nicht mehr, ihren Kindern Christentum und Kirche nahe zu bringen. Das macht ratlos und traurig; und es stellt vieles in Frage, was wir in unserer Kirche für selbstverständlich halten. Genau darüber müssen wir reden – in aller Offenheit.

Und nach dem Missbrauchsskandal ist einiges von dieser Unruhe an die Oberfläche gekommen?

Nach dem Missbrauchsskandal hatten wir eine Stimmungslage, die eine schonungslose Auseinandersetzung mit dem Zustand unserer Kirche notwendig machte. Das ist der erste Schritt, um Veränderungen in Gang zu setzen. Es geht darum, zu verstehen, wie sich der Wandel in unserer Gesellschaft auf unsere Kirche ausgewirkt hat. Die Menschen heutiger Generationen gehen anders mit Religion und Glaube um, als die Generationen vor uns. Deshalb muss eine Kirche von morgen auch anders aussehen, um möglichst viele Menschen mit dem Glauben an Jesus Christus in Berührung zu bringen. In unserem Dialogprozess ist so das Zukunftsbild entstanden, das in wenigen Worten auf den Punkt bringt, wie eine künftige Kirche aussehen sollte. Inzwischen versuchen viele in unserem Bistum, aus diesem Zukunftsbild konkrete Entwicklungsschritte für ihre Gemeinde, Pfarrei oder Gruppe abzuleiten.

Welche Schwerpunkt-Themen waren aus Ihrer Sicht für die Gespräche besonders wichtig?

In vielen Diskussionen habe ich erlebt, dass es irgendwann sehr persönlich wurde – nämlich dann, wenn die Frage nach dem Glauben an Gott unmittelbar auftauchte. Da zeigte sich, dass hinter allen Kirchendebatten ein existentielles Thema verborgen ist: Wie finde ich zu Gott und wie erfahre ich ihn? Und wie komme ich zu einem Glauben, der mich durch das nicht immer einfache Leben trägt?

Warum ist das wichtig?

Weil die Kirche kein Selbstzweck ist. Ihre institutionelle Gestalt ist darum gar nicht so entscheidend. Kirche „braucht“ es nur, damit Menschen, mit Gott in Berührung kommen können und so zu einer Glaubensgemeinschaft werden. Deshalb steht das Wort „berührt“ an erster Stelle in unserem Zukunftsbild: Die Erfahrung des Glaubens an den Gott, den Jesus von Nazareth verkündigt hat, ist das A und O für unsere Kirche. Die Menschen wenden sich von uns ab, weil sie bei uns zu wenig oder gar nichts mehr von Gott erfahren. Wer Spiritualität sucht, geht oft woanders hin.

Was stand über den persönlichen Glauben hinaus im Fokus des Dialogprozesses?

Eines war schnell klar: Wir wollen uns als Kirche nicht aus dieser Gesellschaft zurückziehen und zu einer kleinen, elitären Gruppe schrumpfen, die sich selbst genug ist. Wir wollen eine Kirche sein, die gesellschaftlich auch in Zukunft von Bedeutung ist und möglichst viele Menschen erreicht. Deshalb stehen wir im Ruhrbistum für eine offene und vielfältige Kirche, in der Platz ist für die ganze Breite unserer Gesellschaft – auch für die Zweifelnden und Suchenden.

Trotzdem wird die katholische Kirche in Deutschland kleiner

Wir sind immer noch eine verhältnismäßig große Kirche – aber keine Volkskirche mehr wie in der Vergangenheit. Diese Vergangenheit war von viel Geld geprägt und hat unsere Kirche vor allem zu einer Kirche der Hauptberuflichen werden lassen. Die Kirche der Zukunft wird eine Kirche sein, die vom Engagement aller ihrer Mitglieder lebt – theologisch gesprochen: vom Engagement der getauften und gefirmten Christen, die aus Überzeugung heraus ihre Glaubensgemeinschaft tragen.

Und wie lassen sich diese Gesprächsergebnisse nun in Taten, in konkrete Veränderungen umsetzen?

Die Gespräche gehen weiter. In vielen Pfarreien und Gemeinden sind der Dialogprozess und unser Zukunftsbild ja noch kaum angekommen. Gleichzeitig kommt es natürlich auch darauf an, dass wir handeln. Ich sage ausdrücklich „wir“: Jede und jeder in unserer Kirche ist aufgefordert, sich auf die Veränderungen unserer Zeit ernsthaft einzulassen. Unser Zukunftsbild enthält viele konkrete Impulse, die überall umsetzbar sind, wenn die Katholiken es wirklich wollen.

Woran hakt es in der Umsetzung dieser Veränderungen?

Leider gibt es auf allen Ebenen eine gewisse Lethargie. Da ist es einfacher, über „die Umstände“, „die Gesellschaft“, „die Hauptberuflichen“, „das Bistum“ oder „die Bischöfe“ zu lamentieren, anstatt einfach neue Wege auszuprobieren und die eigene Verantwortung wahrzunehmen.

Was tun Sie dagegen?

Mit 20 konkreten Projekten versuchen wir derzeit, beispielhaft zu zeigen, was vielleicht gehen könnte. Und in den Prozessen zur Weiterentwicklung unserer Pfarreien ist das Zukunftsbild mit seinen Impulsen die entscheidende Orientierung bei allen Überlegungen, wie sich Kirche vor Ort in den kommenden Jahren gestaltet.

So sieht es im Ruhrbistum aus – aber was haben die Gesprächsprozesse in anderen Bistümern oder auf der Bundesebene gebracht?

Das kann ich nicht einschätzen. Unsere Bistümer sind sehr verschieden; entsprechend unterschiedlich gestalten sich auch die Gesprächsprozesse. Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir über unsere Bistumsgrenzen hinaus intensiver ins Gespräch kämen und begreifen würden, dass wir als katholische Kirche in Deutschland letztlich gemeinsam in einem Boot sitzen. Von daher war das, was wir bisher erlebt haben, nur ein Anfang. Wir müssen angesichts der immensen Herausforderungen, vor denen wir als Kirche stehen, noch intensiver reden, ringen und auch streiten.

Weitere Informationen zum Dialogprozesses im Bistum Essen finden Sie auf der Internetseite zum Zukunftsbild.

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