Schmerz und Trauer sitzen noch tief

Es tut immer noch weh. Schmerz und Trauer sitzen tief. In einer würdigen und von Emotionen geprägten Feier gedachten rund 7000 Menschen in der MSV-Arena in Duisburg der Opfer der Loveparade-Katastrophe, die vor einem Jahr 21 junge Menschen in den Tod riss.


Würdige Gedenkfeier für die Opfer der Loveparade-Katastrophe in Duisburg

Es ist im wahrsten Sinne des Wortes totenstill in der MSV-Arena in Duisburg. Nur das Klopfen der Regentropfen auf dem Stadiondach ist zu hören. Es ist kalt und nass. Die Beklommenheit der rund 7000 Menschen, die an der Gedenkfeier zur Loveparade-Tragödie teilnehmen, ist zum Greifen spürbar. Das Martinshorn eines vorbeifahrenden Polizeiwagens zerreißt kurz vor Beginn der Feier die Stille. Da sind sie wieder, die schrecklichen Bilder vom 24. Juli 2010 - schon wieder oder immer noch. Da läuft der Film wie in einer Endlosschleife ab: 21 Tote, Hunderte Verletzte, trauernde und verzweifelte Angehörige und Freunde, Rettungssanitäter, Notärzte, Polizisten, Feuerwehrleute und Notfallseelsorger, die bis zur Erschöpfung helfen, wo sie helfen können.


Das Leben ist zu kostbar, um es zu vergeuden

„Aus einem fröhlichen Fest brachen Chaos, Panik und Schrecken hervor, aus der Freude entstand Trauer, aus der Gemeinschaft die Einsamkeit des Todes“, sagt er Essener Weihbischof em. Franz Grave in seiner Ansprache. Die Katastrophe der Loveparade, die die Liebe zum Motto gewählt habe, sei zu einem „Symbol des Schreckens geworden“. Doch die Gedenkfeier sei ein Zeichen des Miteinanders, „vielleicht ein helfendes Symbol des Trostes“. Der Weihbischof vermeidet ganz bewusst Erklärungsversuche, enthält sich jeglicher politischen Wertung. „Erklärungsversuche versagen. Jede Frage nach dem Warum verhallt und kann den Seelenschmerz nicht lindern“, sagt er und nimmt die Menschen in der Arena mit auf einen Weg des Gebetes. Er erinnert an die Vergänglichkeit des Lebens, aber auch an das „Licht“, das in Gott aufscheint. „Du willst nicht den Tod, sondern Du bist das Leben“, betet Grave. Und er bittet um den Mut, das menschliche Leben zu achten und zu schützen. „Dieses Leben ist zu kostbar, um es zu vergeuden und achtlos damit umzugehen“, mahnt der Weihbischof.

Von „brennenden Narben“ spricht Petra Bosse-Huber, Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Tausende trügen noch den Schock und die Trauer in ihren Herzen und müssten einen Weg finden, mit dieser Trauer umzugehen. „Sie alle sollen wissen, dass sie nicht allein sind“, versichert Bosse-Huber. Darin schließt sie auch die vielen Rettungskräfte und Helfer ein, denen sie im Namen der Angehörigen dankt. „Der Gang durch das finstere Tal ist noch nicht vorbei“, sagt sie. Die Katastrophe habe eine ganze Stadt erschüttert. Doch Fürsorge, Liebe und Anteilnahme helfe, „und darin begegnet uns Gott“, ein Gott, der Trauer und Entsetzen „verwandeln“ könne.


Wut, Enttäuschung und grenzenlose Traurigkeit

Doch die Trauer sitzt noch tief. Es schmerzt, wenn Nadia Zanacchi, die Mutter der verstorbenen Giulia, davon erzählt, wie sehr sie ihre 21-jährige Tochter vermisst. Es schmerzt, wenn sie die 7000 Menschen teilhaben lässt an dem Augenblick, an dem sie ihre Tochter das letzte Mal lebend gesehen hat. Die Italienerin spart nicht mit Kritik, spricht von Wut, Enttäuschung und einer schier grenzenlosen Traurigkeit. Das Gelände der Loveparade sei nicht für diesen Event geeignet gewesen, sei ein „dunkler, enger, baufälliger und gefährlicher Ort“. Aber sie dankt auch im Namen aller Angehörigen für das Mitgefühl, das helfe, „Tag für Tag weiterzumachen“.  Doch alle Angehörigen würden bis heute auf eine „ehrliche Geste des Respekts für unsere Kinder“ aus den Reihen der Verantwortlichen warten.

Es ist still in der Arena. Zu den Klängen der Duisburger Philharmoniker werden die 21 Namen der Opfer verlesen. Für jedes von ihnen legen Rettungssanitäter eine Sonnenblume auf den grünen Rasen vor der Bühne. In die Stille bricht der Rotorlärm eines Helikopters,  gerade jetzt, ... und die schrecklichen Bilder der Tragödie kommen wieder.


Angst, die Hand der Freundin zu verlieren

Unter die Haut gehen die Worte von Ella Seifer. Sie überlebte die Katastrophe schwerverletzt. Sie spricht von der Angst, die Hand ihrer Freundin zu verlieren, von der Angst, allein zu sein, keine Luft mehr zu bekommen. Sie spricht von der „Schuld, die Hand der Freundin nicht mehr gehalten zu haben“. Und Tränen ersticken ihre Stimme, ein Weinkrampf schüttelt sie. Notfallseelsorger Uwe Rieske hält ihre Hand, legt seinen Arm um ihre Schulter. Auch Rettungssanitäter Daniel Otto kämpft gegen die Tränen an, als er von seinem Einsatz an der Rampe in Duisburg erzählt. Die Bilder und Erlebnisse, die sich in seinen Kopf und in sein Herz eingebrannt hätten, werde er nie vergessen. Es sei ein erbarmungsloser Wettlauf gegen die Zeit gewesen. „Wir haben unser Möglichstes getan“, stammelt der junge Mann. Tränen rinnen über sein Gesicht. In seinem Schmerz nimmt er noch einmal alle Kraft zusammen, um denen zu danken, die den Rettungskräften geholfen haben.

Es tut noch weh, bei den Angehörigen, Verletzten, Freunden, bei den Rettungskräften und Seelsorgern, und auch bei den vielen Menschen im Stadion. Es geht unter die Haut, als der Junge Chor Beckhausen und Richetta Manager, begleitet von der Duisburger All Star Band und den Philharmonikern, das Lied „Wie ich dich sah“ singen. Songs wie „Tears in heaven“ (Eric Clapton) oder „With a little help from my friends“ (The Beatles) erklingen. Es scheint fast, als seien sie für diese Gedenkfeier getextet und komponiert worden. Einfühlsam, auf den Augenblick abgestimmt und doch so eindringlich werden die Lieder interpretiert.  Angehörige und Freunde halten sich fest, manche weinen, als der Graf, der Sänger der Band Unheilig, nur von einem Klavier begleitet, das Lied „Geboren um zu leben“ singt.


Der Himmel weint

In den Fürbitten wird für die Opfer, Verletzten, Traumatisierten, für die Angehörigen und Freunde, für die Helfer, aber auch für die, die Verantwortung übernehmen müssen, gebetet. Auch Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen, spricht eine Fürbitte: „Für alle, deren Wunden an Leib und Seele weiter schmerzen. Herr, erbarme dich.“

Alle in der Arena erheben sich von den Sitzen, reichen einander die Hände und singen gemeinsam mit dem Jungen Chor Beckhausen und der Solistin ein von Duisburger Jugendlichen geschriebenes Lied: „So lasst uns denn das Lied zu Ende singen, zusammen und allein, von Tag zu Tag den Widerspruch vollbringen. Wir haben Angst und müssen mutig sein." 

Der Regen will nicht aufhören. Der Himmel weint. Über die ganze Stadt legt sich das Glockengeläut der Kirchen. (do)


Ansprache von Weihbischof em. Franz Grave

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