„Politik handelt von Interessen, Religion von Wahrheiten“

Religion ist nach Ansicht von Bundestagspräsident Professor Dr. Norbert Lammert eine unverzichtbare Quelle für Werte und Überzeugungen in der Gesellschaft. Auf dem Jahresempfang in der "Wolfsburg" in Mülheim sprach er über das Verhältnis von Religion und Politik sowie von Staat und Kirche.

Bundestagspräsident Dr. Norbert Lammert sprach auf dem Jahresempfang in der „Wolfsburg“

Das, was in einer Gesellschaft an Werten, Orientierungen und möglichen Verbindlichkeiten besteht oder wächst, die über individuelle Interessen hinausgehen, speist sich nach Ansicht von Bundestagspräsident Professor Dr. Norbert Lammert im Wesentlichen aus religiösen Überzeugungen. „Die Religion ist nicht die einzige, aber wohl unverzichtbare Quelle von Werten in einer Gesellschaft“, betonte er auf dem Jahresempfang des Bistums Essen und der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim. Vor den über 400 Gästen aus Politik, Wirtschaft, Kultur, Wissenschaft, Kirche und Gesellschaft stellte Lammert das Verhältnis von Politik und Religion sowie Staat und Kirche in den Mittelpunkt seines Vortrages.

Die große Zeit der Religionen sei nicht vorbei, die gerade im westlichen Abendland fortschreitende Säkularisierung kein globaler Trend. „Im Rest der Welt können wir gerade eine massive Revitalisierung und Reaktivierung religiöser Orientierungen feststellen, aber auch die Institutionalisierung von Religion zu politischen Zwecken“, so Lammert. Gerade in Zeiten rasanter Veränderungen wachse das Bedürfnis der Menschen an verlässlichen Orientierungen, an Überzeugungen, an denen man sich festhalten könne, und auch an Bindungen. „Für die meisten Menschen ist die Religion eine ganz zentrale Orientierung“, betonte der Bundestagspräsident. Wenn Werte und Orientierungen auch und gerade für moderne Gesellschaften unverzichtbar seien, dann müsse das auch für die Politik gelten.


Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein

„Politik ohne ein festes Fundament von Überzeugungen, aus denen heraus sich ein Gestaltungsanspruch herleiten lässt, ohne verbindliche Orientierung, ist die Selbstinszenierung von Macht. Politisches Handeln dürfe sich nicht allein auf Zweckmäßigkeitsfragen reduzieren, auf „virtuoses Abarbeiten von Fallkonstellationen“. Was die Aufgabe eines Politikers betrifft, zitierte Lammert aus der Rede Papst Benedikts XVI. im Deutschen Bundestag im September vergangenen Jahres: „Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen.“

Politik – so Lammert -  sei etwas anderes als Religion. Beide stünden nicht erst heute in einem Spannungsverhältnis. „ Dieses ist nicht auflösbar, oder nur um den Preis der wechselseitigen Banalisierung“, unterstrich der Bundestagspräsident. Politik sei ebenso wenig banal wie Religion. Deswegen sei immer wieder die „Besinnung auf das Gemeinsame und auf das jeweils Besondere“ erforderlich. Der prinzipielle Unterschied bestehe darin, dass Politik von Interessen handle, Religionen von Wahrheiten. „Wahrheiten sind nicht abstimmungsfähig und Interessen nicht wahrheitsfähig“, so Lammert. Er warnte davor, religiöse Überzeugungen zu politisieren.

Dass christliche Werte eine „ganz besondere Quelle unserer Gesellschaft“ seien, veranschaulichte Lammert am „Kruzifix-Urteil“ des Bundesverfassungsgerichtes. Dieses unterstreicht: „Auch ein Staat, der die Glaubensfreiheit umfassend gewährleistet und sich damit selber zu religiös-weltanschaulicher Neutralität verpflichtet, kann die kulturell vermittelten und historisch verwurzelten Wertüberzeugungen und Einstellungen nicht abstreifen, auf denen der gesellschaftliche Zusammenhalt beruht… Der christliche Glaube und die christlichen Kirchen sind dabei, wie immer man ihr Erbe heute beurteilen mag, von überragender Prägekraft gewesen. Die darauf zurückgehenden Denktraditionen, Sinnerfahrungen und Verhaltensmuster können dem Staat nicht gleichgültig sein.“


Nicht ins Spirituelle zurückziehen

Der Bundestagspräsident rief dazu auf, das Fundament von Überzeugungen und Werten zu pflegen. Das bedeute für die Kirche, sich nicht ins Spirituelle zurückzuziehen sondern ihre Botschaft in die Gesellschaft einzubringen. Das gehe nicht immer ohne Spannungen. „Da muss es dann auch mal knirschen oder knirschen dürfen“, meinte Lammert. Die wirklich großen Fragen in der Welt nach Leben und Tod, Gut und Böse, Freiheit und Verantwortung, Frieden und Völkerverständigung seien im Kern religiöse Fragen. Sie seien aber weder von den Kirchen noch von der Politik allein zu beantworten, sondern brauchten den Dialog. Als Beispiele nannte Lammert den Streit um die Schwangerenkonfliktberatung  und die Diskussion um die Nutzung der modernen Gentechnologie. Hier stünden ethische Überzeugungen der Notwendigkeit einer gesetzlichen Regelung gegenüber. Politische Entscheidungsträger hätten eine „eigene Verantwortung“. Auch wenn das Spannungsverhältnis manchmal „strapaziös“ sei, solle man solche Auseinandersetzungen nicht scheuen. Das gelte auch kirchenintern, zum Beispiel beim Thema „Kirchenschließungen“. Lammert: „Wenn das Problem existiert, ist der Streit nötig.“ 

Was das gerade begonnene Jahr betreffe, wollte Lammert keine Versprechungen machen. „Auf das, was kommt, können wir nur begrenzt vorbereitet sein“, meinte er. Er könne nicht versprechen, dass es „erfolgreicher, besser und weniger turbulent“ werde.  Angesichts aller Herausforderungen und Veränderungen in Kirche und Gesellschaft gab er den Gästen jedoch eine „Handlungsanweisung“ aus dem Petrusbrief mit auf den Weg: „Seid immer bereit, Rede und Antwort zu stehen, wenn jemand fragt, warum ihr so von Hoffnung erfüllt seid. Antwortet taktvoll und bescheiden und mit dem gebotenen Respekt – in dem Bewusstsein, dass ihr ein reines Gewissen habt.“


Lebendige Kirche unter völlig veränderten Bedingungen

Zuvor hatte Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck in seinem Grußwort eine offene Kommunikationskultur angemahnt. „Kirche ist öffentlich, und dies nach innen wie nach außen“, sagte er. Als eine „Kirche im Volk“ übernehme sie Verantwortung an den Knotenpunkten von Religion, Gesellschaft und Politik. Darüber hinaus habe der „unselige Missbrauchsskandal“ deutlich gemacht, „wie sehr das, was wir als Kirche tun und lassen, gesellschaftlich, das heißt Teil der Gesellschaft ist“. Overbeck stellt den von ihm initiierten Dialogprozess vor, der in den kommenden sechs Monaten unter anderem mit sechs großen Bistumsforen unter dem Titel „Zukunft auf katholisch“ gestaltet werde. Ziel sei es, „Wege zu finden, wie wir in Zukunft lebendige Kirche unter völlig veränderten Bedingungen sein können“, so Overbeck. Er stellte außerdem die bistumsweite Familienkampagne 2012 vor, die unter dem Motto „Bindung macht stark.“ in zahlreichen Veranstaltungen, Aktionen und Projekten das Thema „Familie“ in all seinen Facetten aufgreift.

An die Eröffnung des Zweiten vatikanischen Konzils vor 50 Jahren erinnerte Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck in seiner Begrüßung. „Das Konzil hat nachdrücklich gezeigt, dass geschichtlicher Wandel nicht negativ ist“, betonte er. Der Glaube habe Zukunft in gesellschaftlichen Wandlungsprozessen. „Diese Erkenntnis verlangt von Christen, die sie umgebende Realität, die gesellschaftliche Wirklichkeit, aufmerksam wahrzunehmen“, so Schlagheck. (do)


Bundestagspräsident Prof. Dr. Norbert Lammert zum Musiktitel „Fly me to the moon“, den die Band „Small Stars“ beim Jahresempfang spielte: „Ich dachte, wir wollten nicht auf den Mond, sondern in den Himmel.“

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