von Thomas Rünker

Mit freiwilligen Kooperationen das Ruhrgebiet stärken

In der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim diskutierten Bischof Franz-Josef Overbeck, Bundestagspräsident Norbert Lammert und der Co-Moderator des Initiativkreises Ruhr, Thomas A. Lange, über die Chancen des Reviers

Keine Schwarzmalerei

Das Ruhrgebiet könnte deutlich mehr aus sich machen. In dieser Einschätzung waren sich am Freitagabend die drei Diskussionspartner auf dem Podium der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim einig. Dabei hielten sich Bischof Franz-Josef Overbeck, Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) und Thomas A. Lange, Co-Moderator des Initiativkreises Ruhr (IR), gar nicht mit den Studien auf, die jüngst einmal mehr die angebliche „Schlusslicht“-Position vieler Revier-Städte in mancher Wirtschafts-Rangliste bestätigt haben. Bei der gemeinsamen Veranstaltung von Akademie und IR wehrten sich die drei Ruhrgebiets-Persönlichkeiten gegen Schwarzmalerei und warben für einen differenzierten und realistischen Blick auf das Ruhrgebiet, der die von den Revier-Bewohnern regelmäßig bestätigte „hohe Lebensqualität“ (Lammert) ebenso berücksichtigt wie die „großen sozialen Lasten“ in den Städten (Overbeck) und den „Handlungsbedarf, den wir doch ohnehin alle kennen“, wie Lange es mit Blick auf die schlechten Ranglisten-Ergebnisse formulierte.

Lammert wirbt für „Bündelung der Potenziale“

Es müsse noch stärker um eine Bündelung der Potenziale des Ruhrgebiets gehen, um sie im internationalen Wettbewerb von Standorten und Regionen „gemeinsam in die Waagschale zu werfen“, betonte Lammert. Er warb für eine „politische Struktur“, die dem Gewicht der Region Rechnung trage. Der Politiker gab sich aber zugleich skeptisch, dass sich an der Zersplitterung des Reviers in dutzende Städte und drei Regierungsbezirke in absehbarer Zeit etwas ändern werde. „Ohne einen Mentalitätswechsel und ohne die Bereitschaft, Macht abzugeben, wird es nicht funktionieren“, ergänzte Bischof Overbeck. Er sieht indes auch Bund und Land in der Pflicht, ihrerseits Impulse für eine bessere Zusammenarbeit im Ruhrgebiet zu setzen.

Die jüngst geänderte Struktur des Regionalverbandes Ruhr (RVR) hält Lammert für einen „Schritt in die richtige Richtung, aber der Schritt war zu kurz und das Tempo ist zu langsam“. Nach wie vor fehle es dem Verband an politischer Schlagkraft: „Der Etat des RVR ist in etwa so hoch wie der Kulturetat der Stadt Essen“, so der Bundestagspräsident.

„Slogans helfen nicht, fehlende Eigenschaften zu kompensieren“

Ersten bekannten Ergebnissen einer Zukunftsstudie zufolge, deren Veröffentlichung die RAG-Stiftung für Juni angekündigt hat, wird das Ruhrgebiet in der Wahrnehmung nach wie vor mit Kohle und Stahl in Verbindung gebracht, obwohl nur noch ein Bruchteil der gesamten Wertschöpfungen in der Montanindustrie stattfindet. Aber auch ein neuer Slogan oder gar ein Leitbild für das Ruhrgebiet würden die Region nicht erkennbar voranbringen, war sich das von Akademie-Direktor Michael Schlagheck moderierte Podium einig. Overbeck warnte vor „inhaltsleerer Effekthascherei“, und Lammert fragte, „nach welchem Leitbild denn Hamburg, Köln oder Berlin entwickelt“ worden seien. „Slogans sind nützlich, wenn sie einen bekannten Sachverhalt unterstreichen – aber sie helfen nicht, fehlende Eigenschaften zu kompensieren“, so Lammert.

Positive Bilanz – dank veränderter Kultur- und Hochschul-Szene

Dass aber – trotz der Beschreibung geradezu legendärer Ruhrgebiets-Probleme, wie den weit verzweigten Nahverkehrs-Unternehmen – die Bilanz der Diskussion in der „Wolfsburg“ positiver aussah als bei ähnlichen Veranstaltungen vor 15 oder 20 Jahren, lag vor allem an den Entwicklungen im Kultur- und Hochschul-Bereich. Lammert erwähnte beispielhaft das Klavier-Festival Ruhr, „das zeigt, was eine Region leisten kann, wenn sie mit einem intelligenten Konzept das Potenzial der einzelnen Spielstätten aufgreift“. Auch die Universitätsallianz Ruhr mache international Eindruck, etwa mit einem eigenen Büro in New York für Kontakte zu Unis in den USA. Lange ergänzte, dass sich die drei Revier-Unis nun mit einem gemeinsamen Projekt für die nächste Exzellenzinitiative der Bundesregierung bewerben würden. Es sei erfreulich, dass die Unis „nach Misserfolgen nun versuchen, durch Bündelung der Kräfte Erfolge einzufahren“. Lange nannte zudem die „Allianz der Ruhrmuseen“ oder die Ausstellung China8als weitere Beispiele für freiwillige Kooperationen, die ganz im Sinne einer „Bündelung der Potenziale“ im Ruhrgebiet seien. Die gemeinsame Einladung der Berliner Philharmoniker durch die Häuser in Dortmund und Essen für zwei Konzerte im kommenden Februar sei ein weiteres Beispiel. Zwar seien viele Kooperationen – gerade im Kulturbereich – auch der Knappheit des Geldes geschuldet, so Lange. Dennoch sei er davon überzeugt, dass dem Ruhrgebiet gerade im Bereich der freiwilligen Bündelung von Ideen, Kräften und Potenzialen „noch viel gelingt“.

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