von Thomas Rünker

Mit Erfolgsgeschichten gegen „die großen Vereinfacher“

Bischof Overbeck und CDU-NRW-Chef Laschet diskutierten in der Mülheimer „Wolfsburg“ darüber, was die deutsche Gesellschaft zusammenhält. Immer wieder ging es dabei auch um das zerrissene Großbritannien nach dem Brexit.

Populismus und Radikalisierungen entgegentreten

In einer immer komplexer werdenden Welt braucht es nach Ansicht von Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck „Menschen, die positive Erfolgs-Geschichten erzählen“, um Populismus und Radikalisierungen entgegen zu treten. Egal, ob es um die Europäische Union und den Brexit, das umstrittene Freihandelsabkommen TTIP oder die AFD gehe, „wir haben zu wenig positive Geschichtenerzähler“, sagte Overbeck am Montagabend in Mülheim. Es fehle „an normalen Leuten, die für eine Grundidee stehen“ – nicht nur in Großbritannien, wo „den großen Vereinfachern“ zu wenige europäische Erfolgsgeschichten entgegengesetzt worden seien. „Das gilt auch in Deutschland und in der Kirche“, hob Overbeck hervor.

Auch wenn die Podiumsdiskussion mit Overbeck und CDU-NRW-Chef Armin Laschet in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ den Zusammenhalt in der deutschen Gesellschaft zum Thema hatte – vier Tage nach dem Ja der Briten zum EU-Ausstieg kam Moderator Dr. Michael Schlagheck am Thema Brexit nicht vorbei. Zunächst mochte dies manchem der rund 150 Zuhörer in der Veranstaltungsreihe „Deutschland weiterdenken“ wie ein Exkurs vorkommen. Doch im Laufe des Abends wurden weitere Parallelen zwischen Deutschland und Großbritannien deutlich, wenn es um die Frage des gesellschaftlichen Zusammenhalts geht. So gelte hier wie dort, dass die Menschen angesichts der „Folgen der Globalisierung und ihrer Suche nach Individualisierung“ für vermeintlich einfache Lösungen ansprechbar seien, so Overbeck. Und dass die BDKJ-Vorsitzende im Ruhrbistum, Stephanie Schulze, das Forum für die Forderung nach einem niedrigeren Wahlalter nutzte, ließ Laschet als CDU-Fraktionschef im Landtag zwar nicht von seiner Ablehnung dieser Idee abrücken – aber doch unter Verweis auf die Brexit-Ergebnisse für einen „Ausgleich zwischen den Generationen“ plädieren. „Wir dürfen die junge Stimme nicht unterbuttern“, betonte er angesichts der auch hierzulande alternden Gesellschaft.

Das oft zitierte "christliche Abendland"

Das derzeit oft zitierte „christliche Abendland“ taugt weder für den Politiker noch für den Bischof als Beschreibung eines Wertekanons, der die deutsche Gesellschaft verbindet. „Das ist ein Bild, das in der Geschichte immer dann gebraucht wurde, wenn es um Angst ging“, so Laschet. Um es als rein nationales Leitbild zu entkräften, erinnerte er an den Aachener Dom, in dem Jahrhunderte lang Kaiser aus verschiedensten Ländern gekrönt wurden. „Das Verbindende war ihr christlicher Glaube.“ Dass bei den Dresdner Pegida-Demonstrationen ein Kreuz in schwarz-rot-gold herumgetragen werde, sei „fast schon Gotteslästerung. Das Kreuz kann nicht von einer Nation für sich beansprucht werden“.

Für Overbeck muss die Idee des christlichen Abendlandes „neu gedacht werden“ – allerdings weniger mit Blick auf das Abendland als auf die Christen: „Die christlichen Werte sind historisch gewachsen. Ob sie auch in Gegenwart und Zukunft gelten, liegt an uns“, so der Bischof. Er wünsche sich hier „mehr Selbstbewusstsein“ von den Christen. Gerade in der aktuellen Situation hätten sie die Aufgabe, „integrierend zu wirken“.

Das Grundgesetz als "etwas nüchterne" Basis

Neben dem Grundgesetz als „etwas nüchterner“ Basis für den Zusammenhalt in Deutschland sei es gut, „dass auch die Religionen ihre Werte in die Gesellschaft vermitteln“, hob Laschet hervor. Hier sieht der Politiker indes nicht nur Impulse aus dem Christentum: Zu wissen, dass es zentrale Glaubens-Grundsätze wie die Vorstellung eines einzigen Gottes, der persönlichen Verantwortung vor Gott und das gegenseitige Einstehen füreinander auch im Islam und im Judentum gebe, „kann den Zusammenhalt in der Gesellschaft stärken“.

Hoffnung auf fairen Wahlkampf

Mit Blick auf den aufziehenden Landtagswahlkampf setzt Laschet auf einen Schulterschluss der NRW-Parteien gegen die AFD. Es sei „eine Frage an die politische Kultur: Wie können wir trotz aller Unterschiede fair miteinander umgehen?“ Overbeck bekräftigte seine Absage an generelle Boykotte der umstrittenen Partei: „Ich halte es grundsätzlich für richtig, eine öffentliche Diskussion nicht zu scheuen.“

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