LERNEND: Lukas 2,41-52: Der zwölfjährige Jesus im Tempel

Gespräch in der Synagoge: Max Liebermann, Der zwölfjährige Jesus im Tempel (1879)

Gespräch in der Synagoge

Im vorigen Herbst war ich zum ersten Mal im Heiligen Land. Reichlich spät mit meinen 55 Jahren. Aber nicht zu spät. Meine Frau und ich schwärmen immer noch in höchsten Tönen: Atemberaubende Landschaftseindrücke, bewegende, immer noch lebendige Zeugnisse der Geschichte. Beeindruckende Begegnungen. Mit Männern und Frauen all der Religionen und Konfessionen, die dort so schwer zu einander finden. Aber – da sind wir beide uns einig: am faszinierendsten war das Gespräch mit dem Rabbi.

Am späten Nachmittag hatte unsere Reisegruppe sich in einer „konservativen“ Synagoge in Jerusalem eingefunden. Ein moderner, einladender Versammlungsraum. Und ein „alter“ Rabbi. Mitte 70 schätz’ ich mal. Gebürtiger Schweizer. Er stellte sich und seine Synagoge kurz vor. Und kam dann zur Hauptsache. Schriftgespräch. Thema: Gen 22, die „Bindung Issaks“. Schon als der Rabbi den uns vertrauten Text in seiner eigentümlichen Übersetzung vortrug, gingen mir Augen, Ohren und Herz auf. Und dann waren wir dran. Der Rabbi hörte „nur“ zu. Aber was heißt hier nur! Es war eine Freude, ihm beim Zuhören zuzusehen. Soviel Zuwendung, gespannte Aufmerksamkeit und Neugierde, die ihm wirklich im Gesicht geschrieben stand. Und dazu eine beispielhafte Geduld! Viele kamen zu Wort, alles konnte gesagt werden. Und erst dann begann der Rabbi mit „seiner“ Auslegung. Einerseits im Dialog mit der langen Auslegungsgeschichte seines Volkes. Aber immer wieder auch mit deutlichem Bezug auf unsere Denkwege und unsere Fragen. Der Mann hatte wirklich zugehört. Am Ende fühlten sich alle beschenkt. Und mir fiel das Bild von Max Liebermann ein.

Auch eine Synagogenszene. Der deutsche Maler jüdischer Herkunft (1847-1935) greift ein christliches Thema auf: Der 12-jährige Jesus unter den Schriftgelehrten. Nach dem biblischen Bericht (Lk 2,41-52) ein Ereignis im Tempel. Aber Liebermann verarbeitet im Ambiente Eindrücke, die er in Synagogen in Amsterdam und Venedig gesammelt (und skizziert) hat. Als das Bild 1879 zum ersten Mal in München ausgestellt wird, gibt es einen Riesenskandal. Erregte Debatten, bis in den bayerischen Landtag. Und das „Christliche Kunstblatt für Kirche, Schule und Haus“ zetert: „Daß ein Jude gewagt hat, seinen christlichen Mitbürgern solche Verhöhnung ihres Heilands ins Gesicht zu schleudern…!“ 33 Jahre später macht die Hamburger Kunsthalle 60000 Mark locker – damals eine horrende Summe – und erwirbt das Werk. Jetzt ist die Begeisterung groß. Alfred Lichtwark, der berühmte Direktor der Kunsthalle, schreibt an Liebermann: „Wir haben unsere Ausstellung eröffnet ... Im Mittelpunkt steht für Alle ihr Jesus. Es ist ein wahres Andachtsbild ... Heute knirschen keine Zähne mehr und keine Verwünschung wird laut. Ich habe meine großen Freudentage durch das Bild ...“

Die Freude kann ich nachempfinden. Einerseits aus Erleichterung: weil die peinliche antisemitische Polemik selbsternannter Hüter des wahren Christentums und der wahren christlichen Kunst sich offensichtlich erledigt hatte. Aber ich habe einfach auch Freude an diesem ungewöhnlichen Schriftgespräch, das da stattfindet. Jesus wird nicht – wie in der christlichen Bildtradition oft - als der überlegene Lehrer gezeigt. Kein Heiligenschein spricht von göttlicher Würde. Es ist atemberaubend zu sehen, dass die Männer einem Menschen-Kind zuhören, nachdenklich werden. Das Kind argumentiert, versucht in eindringlichen Gesten zu überzeugen. Es gewinnt immer mehr Aufmerksamkeit. Der Mann links an der Kniebank schaut überrascht von seinem Buch – der „Schrift“ - auf und beugt sich über die Lehne, um besser hören zu können.

Am stärksten finde ich die beiden Alten, die sich – so gar nicht würdevoll - hingehockt haben, auf eine Treppenstufe vielleicht, um wirklich „auf Augenhöhe“ mit dem Kind sprechen zu können. Der uns frontal zugewandte Grauhaarige hat sich ein wenig zurückgelehnt, wirkt eher skeptisch und reserviert, aber nicht ablehnend. Der andere Bärtige mit dem Gebetsschal hat das Buch sinken lassen, das Kinn nachdenklich in die Rechte gestützt und schaut intensiv – ganz leicht von unten nach oben – in die Augen des Kindes.

Ein intensives und vorbildliches Gespräch zwischen Alt und Jung. Und – als Gespräch zwischen dem „Christus-Kind“ und den jüdischen Gelehrten – kann ich hier auch „Judentum und Christentum“ im Dialog sehen. Fast in idealer Weise. Ohne Überlegenheitsgesten.

Herbert Fendrich 

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