Integration durch tätige Nächstenliebe

Bischof Franz-Josef Overbeck diskutierte in Essen mit dem rheinischen Präses Manfred Rekowski, dem Vorstandsvorsitzenden des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, und dem Leiter des Zentrums für Türkeistudien, Professor Haci-Halil Uslucan, über die Integrationskraft der Religionen.

Podiumsdiskussion unter der Überschrift "Integration durch Religion?"

Wenn es um ein gutes Miteinander von Christen und Muslimen geht, führt für Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck an tätiger Nächstenliebe kein Weg vorbei. „Karitatives Handeln überwindet die Grenzen in unseren Köpfen und ist somit die stärkste religiöse Integrationsressource“, sagte er am Dienstag bei der Podiumsdiskussion „Integration durch Religion?“. Zu dieser Veranstaltung hatte die Bonner Akademie für Forschung und Lehre praktischer Politik zusammen mit der Essener Brost-Stiftung ins Essener Schloss Hugenpoet eingeladen. Als Beispiel für diese Haltung verwies Overbeck auf die biblische Erzählung vom Barmherzigen Samariter, der einem von Räubern schwer verletzten Juden hilft, obwohl Samariter und Juden – wenngleich religiös verwandt – eigentlich verfeindet waren. „Die Geschichte hat eine doppelte Botschaft“, schlägt Overbeck die Brücke zur Gegenwart: „Sowohl der unbekannte Fremde ist mein Nächster als auch der Samariter, der sich trotz seiner Religions- und Volkszugehörigkeit als Wohltäter – nämlich eben als mein Nächster – erweist.“ Zuvor hatte Overbeck mit deutlichen Worten für eine differenzierte Diskussion über Muslime und den Islam geworben: „Für uns ist es völlig selbstverständlich, zum Beispiel zwischen Katholiken und Protestanten oder zwischen reaktionären und libertären Lagern innerhalb einer Konfession zu differenzieren.“ Ähnlich komplex sei die Lage im Islam zwischen Schiiten, Sunniten, Aleviten, zwischen verschiedenen Strömungen und nationalen Ausprägungen. Das Bild einer Religion lasse sich „nicht mit wenigen Pinselstrichen“ zeichnen, so Overbeck.

Zu dieser Analyse gab es auf dem von WAZ-Chefredakteur Andreas Tyrock moderierten Podium keinen Widerspruch. Hinter die grundsätzliche Integrationskraft der Religionen setzte Professor Haci-Halil Uslucan, Leiter des Essener Zentrums für Türkeistudien und Migrationsforschung, indes ein deutliches Fragezeichen. „Ich fürchte wir Überstrapazieren hier die Religionen“, so Uslucan. „Die stärkste Integrationskraft hat immer noch der Arbeitsmarkt.“ Arbeit, Wohnung und Bildung seien die Basis für eine gelungene soziale Integration, „da spielt die Religion eine große Rolle, aber die kann man nicht verordnen“, betonte der Wissenschaftler. Er zitierte aus dem Religionsmonitor der Bertelsmann-Stiftung, nachdem religiöse Muslime am ehesten anderen religiösen Menschen – auch Christen – vertrauen. Die Grenze verlaufe „nicht zwischen religiösen Muslimen und religiösen Christen, sondern zwischen religiösen Menschen und nicht-religiösen.“

Aiman A. Mazyek, der Vorstandsvorsitzende des Zentralrats der Muslime hob die vielen christlich-muslimischen Kontakte gerade auf kommunaler Ebene hervor. „Da passiert viel mehr als nur Friede-Freude-Eierkuchen, da engagieren sich die Partner vor Ort ganz handfest für das Gemeinwesen.“ Auch auf der Spitzeneben habe sich in den vergangenen Jahren „das ein oder andere ergeben“, sagte Mazyek und verwies auf gute Kontakte zu den christlichen Kirchen. Der interreligiöse Dialog sei wichtig für den Zusammenhalt der ganzen Gesellschaft.

„Wir wissen es zu schätzen, dass die Muslime die religiöse Dimension in unserer Gesellschaft wieder neu auf die Tagesordnung bringen“, hob der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, hervor. Wie Overbeck erwähnte er verschiedene Beispiele, wo sich die Kirchen gerade im Bereich der Flüchtlingshilfe sehr konkret in der Arbeit mit verschiedenen religiösen Gruppen engagieren. „Im Moment diskutieren wir in unserer Kirche intensiv, wie wir diese praktischen Projekte des interreligiösen Miteinanders ausweiten können“, so Rekowski. (tr)

Der Einführungs-Vortrag von Bischof Overbeck im Wortlaut (pdf)

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