Gemeindegründung: Schauen, was im Kühlschrank ist

An vielen Orten enstehen neben den bestehenden Pfarreien und Gemeinden neue Gemeindeformen: Jugend-, Haus- und Trauerkirchen, Kommunitäten und Bewegungen. Ihr Selbstverständnis ist es, offen zu sein für suchende Menschen, für ihre Ängste und Sehnsüchte.


Alternative Gemeindeformen wurden in der „Wolfsburg“ diskutiert

Was hat der Inhalt eines Kühlschranks mit der Gründung einer Gemeinde zu tun? Gar nichts – das meinten wohl zunächst die rund 100 Besucherinnen und Besucher der Tagung „Nahe Kirche. Gemeindegründungen jenseits der Pfarrei - Crossing Over“ in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim. Doch Pastoralreferent Florian Sobetzko, Referent für Innovationsprozesse und Personalentwicklung im Bistum Aachen und Gründer der Hauskirche „kafarnaum“, ist, was die Bedeutung des Kühlschrankinhaltes betrifft, ganz anderer Ansicht.


Mittelorientiert und offen für Ziele

In seinem Vortrag machte er deutlich, was für die Gründung einer neuen Gemeinde – damit ist nicht die traditionelle klassische Gemeinde gemeint - notwendig ist. Anders als bei einem Business- oder Managementplan, der ein festes Ziel habe, den Ressourceneinsatz auf dieses Ziel ausrichte, das Risiko absichern wolle und auf Dauer und Gewinn angelegt sei, folgten Gemeindegründer einem ganz anderem Ansatz. „Diese ‚Ekklesiopreneure‘ arbeiten umgekehrt, sind mittelorientiert, offen für verschiedene Ziele und nicht am maximalen Ertrag interessiert“, so Sobetzko. Sie arbeiteten nach dem Prinzip „leistbarer Verlust“. So gebe es auch kein Risiko. Gemeindegründer schauten in den Kühlschrank um festzustellen, was drin ist. Was habe ich? Was kann ich jetzt tun? Mit wem kann ich reden? Wer macht mit? – das seien die entscheidenden Fragen.

Was der Pastoralreferent 2007 im „Kühlschrank“ fand, war ein kleiner alter Büroraum in der Aachener Innenstadt. Hier sollte das Jugendkirchenprojekt „kafarnaum“ entstehen: ein kleiner Ort voller Atmosphäre, beheizbar, wohnlich, nicht ständig für anderes blockiert. „Es sollte ein Ort werden, an dem man sich auch mit kleinen Runden nicht verloren und verlassen fühlt, ein Raum, den man füllen kann – mit Menschen, mit Musik, Stille, Meditation, Gespräch, Begegnung, mit Gotteserfahrung“, so Sobetzko. Es sollte ein Ort sein, an dem Jugendliche mit dem Religiösen in Kontakt kommen können. Seit dem Wechsel in größere Räume im Jahr 2008 hat sich „kafarnaum“ zu einer bundesweit beachteten Hauskirche von Jugendlichen und jungen Erwachsenen entwickelt. Auch wenn teils mit Argwohn beobachtet, versteht sich die Hauskirche als eine neue Gemeinde in der Pfarrei Franziska von Aachen. Dort wurden schon Firmung und Christmette gefeiert, gehören Taizégebet und Hausmesse zum festen Angebot.  

Auch „Zeitfenster“ ist seit 2010 eine neue Gemeinde in der Pfarre Franziska von Aachen. Sie richtet sich an moderne Erwachsene mit und ohne Kinder in der Aachener City. Unter dem Namen „Diesseits“ ist außerdem ein Trauerangebot für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene entstanden. 2012 wurde in einem Kellerraum in Erkelenz die ökumenische Jugendkirche „buntergrund“ gegründet.


Innerlich brennen

Wichtig ist für Sobetzko, Visionen zu sehen, von Ideen gefangen zu sein und innerlich zu brennen. Wenn es darum gehe, jemanden für Visionen und Wagnisse zu begeistern, erst recht für kirchlich-religiöse, gehört nach Ansicht des Pastoralreferenten „viel Gespür für Sehnsüchte und Ängste der Menschen“ dazu. Es gehöre dazu, das Gründen zu erleben und auch das Scheitern, „auch einmal neue Fehler zu machen, und nicht nur die alten“. Bei allem sei eines wichtig: „Nicht wir gründen Kirche, sondern Gott durch und mit und in Menschen“, betonte Sobetzko.


Sehnsucht nach Gott, Gebet und Gemeinschaft

Seine Erfahrungen sind nahezu deckungsgleich mit denen von Christina Brudereck, Theologin, Autorin und Mitbegründerin der Evangelischen Kommunität „Kirubai“ in Essen. „Wir hatten 1998 keinen Plan, wollten keine Gemeinde gründen, aber wir hatten einen Traum, eine Sehnsucht nach Gott, nach Gemeinschaft, Gebet und Gerechtigkeit“, schilderte Brudereck die Anfänge. Bunt gemischt seien die Menschen des Anfangs im Wohnzimmer der Wohngemeinschaft gewesen, allesamt Suchende.

Der Streifzug der Theologin durch das Auf und Ab der letzten 18 Jahre von „Kirubai“ geriet zu einem rhetorischen „Feuerwerk“, authentisch, gewinnend, ohne jede Eitelkeit. „Egal, wo du herkommst und wie es dir geht und egal, was du sonst in deinem Leben tust, ob Du auf der Suche nach Gott bist und viele Fragen mitbringst oder ob du deinen alten Glauben neu erleben möchtest – herzlich willkommen!“, so die Einladung dieser christlichen ökumenischen Bewegung, die sich als Bewegung innerhalb der Kirche versteht. Sonntagabends wurde eine Hausandacht gefeiert, zu der auch Freunde und Gäste kommen konnten. Und plötzlich saßen 35 Leute im Wohnzimmer: Privatheit jenseits kirchlicher Verfasstheit. Weil sie aber keine „Hauskirche“ sein wollten, gründeten die WG-Mitglieder gemeinsam mit anderen den "CVJM e/motion", der Mitglied in der Evangelischen Jugend in Essen ist.

Mehrmals war ein Umzug fällig. „Überall galt und gilt die Devise: Jeder und Jede ist willkommen“, betonte Brudereck. Die Kirche solle nie gnadenlos sein, denn „wir können auf niemanden verzichten, wir brauchen sie alle“. Es stelle sich doch die Frage, „wie wir mit den Menschen  leben, die die Ideale nicht erfüllen, wie Biografien zu Glaubensgeschichten werden“, so die Theologin. Die Menschen seien nicht so schlecht. Sie hätten Sehnsüchte und seien Suchende. Brudereck sieht in dieser Bewegung keine Konkurrenz zu Kirche. „Wir nehmen keiner Gemeinde Leute weg, denn die waren in keiner Gemeinde“, unterstrich sie. Die Menschen, die sich der Bewegung anschließen würden, nähmen die „erneute Chance zum Glauben“ wahr.

Angetan zeigte sich Generalvikar Klaus Pfeffer von alternativen Gemeindeformen: „Da  brennen Menschen und machen einfach etwas.“ Doch solche Initiativen würden oft noch belächelt und mit Argwohn beobachtet. „Deshalb brauchen wir eine Diskussion über die Bereitschaft, etwas völlig Neues zuzulassen“, betonte Pfeffer. (do)

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