Freuet Euch im Herrn!             

Am 19. November feiert die Katholische Kirche das Fest der heiligen Elisabeth - ein besonderes Fest auch für die in Essen beheimateten Barmherzigen Schwestern von der hl. Elisabeth. Vor nahezu 75 Jahren bezogen sie ihr neues Mutterhaus in Essen-Schuir. Ein Grund, in der Chronik des Ordens zu blättern...



75 Jahre Mutterhaus der Elisabeth-Schwestern in Schuir

Seine Eminenz war sichtlich entzückt. Ein letztes Mal erhob sich der hochwürdigste Herr von seinem mit einem Baldachin geschmückten Thron, schritt zum Altar, erteilte den Segen und hielt – so ist in der Chronik nachzulesen – „in vollem bischöflichen Ornat und im Schwung der Begeisterung“ eine fulminante Rede: „Freuet Euch im Herrn. Freuet Euch!“, rief der hohe Herr aus Köln  der andächtig in ihren Bänken sitzenden Festgemeinde zu. „Wer diesen monumentalen Bau von innen und außen betrachtet, muss seinen Meister loben“, sprach er. Die „architektonische Schönheit“  und „zweckdienliche Sachlichkeit“ des Kloster-Neubaus im Essener Stadtteil Schuir hatten es ihm ebenso angetan, wie die von ihm an diesem sonnigen Frühsommertag geweihte Kirche. „Wer die Räume, die zum Gottesdienst bestimmt sind, betrachtet in ihrer ruhigen Einfachheit und vornehmen Geschlossenheit, in der wundervollen Verteilung von Licht und Schatten, der wird ohne weiteres einsehen und feststellen, dass hier Glaube und Liebe zum künstlerischen Können hinzugekommen ist“, freute er sich.

Keine Frage: Der Kölner Erzbischof, Kardinal Franz Joseph Schulte, fand das Werk äußerst gelungen. Er selbst hatte es sich deshalb nicht nehmen lassen, den Altar der neuen Klosterkirche zu weihen. Damit fand an diesem Vormittag des 13. Juni 1936 – vor nunmehr fast 75 Jahren - der Bau des neuen Mutterhauses der Barmherzigen Schwestern von der heiligen Elisabeth zu Essen seinen schönen und würdigen Abschluss – und der knapp einhundert Jahre zuvor in Essen gegründete  Orden seine endgültige Heimat.
 
Pläne für die Errichtung des Neubaus waren in der stetig wachsenden Ordensgemeinschaft schon viele Jahre vorher gereift. Erst 1913 hatten die Barmherzigen Schwestern das neue Elisabeth-Krankenhaus an der Ruhrallee eröffnen können und gleichzeitig auch ihr Mutterhaus von der Lindenallee nach Huttrop verlegt. Doch mit dem medizinischen Fortschritt wuchs zugleich der Platzbedarf in der Klinik. Die Generaloberinnen des Ordens, Mutter Scholastika (1893-1912) und Mutter Angela (1913-1922), entschlossen sich deshalb bald, ein vom Krankenhaus getrenntes Mutterhaus zu bauen. Zu diesem Zweck kauften sie ein zwölf Morgen (30.000 qm) großes Grundstück in der Nähe der Moltkestraße, nicht weit von ihrem Krankenhaus entfernt. Doch der Tod Mutter Scholastikas, der Erste Weltkrieg und schließlich die gefährlichen Nachkriegsjahre verhinderten die Inangriffnahme des geplanten Neubaus. Mit der Zeit hatte sich aber auch das Stadtbild im Südviertel mehr und mehr  verändert. Neue Straßen wurden angelegt, eine Häuserzeile nach der anderen entstand. Die Schwestern waren sich schnell einig, dass das Grundstück im Siepen nicht mehr der geeignete Platz für den Bau des neuen Mutterhauses sein würde und beschlossen, sich nach einem anderen Bauplatz umzusehen. 
 
Doch die Suche gestaltete sich schwieriger als von den Schwestern gedacht. Schließlich, „nach vielen vergeblichen Fahrten“, wie die Chronik berichtet, fand der Orden ein  passendes Grundstück in der Gemarkung Schuir und erwarb vom Eigentümer, dem Gutsbesitzer Feldmann, dreißig Morgen (75.000 qm) einschließlich sechs  Morgen (15.000 qm) Wald und vom angrenzenden Nachbargelände, das der Firma Krupp gehörte, noch weitere siebenundzwanzig Morgen (67.500 qm) Wald und Wiesen.
 
Um das Baugelände erschließen zu können, war es zunächst notwendig, den Schuirweg mit der  Meisenburgstraße zu verbinden. Mit der Anlage dieses Weges wurde gleich nach Abschluss der Kaufverhandlungen, im Sommer 1932, begonnen. Bis zum Herbst entstand – in  Abstimmung mit der Stadtverwaltung – ein 275 Meter langer und sechs Meter breiter Fahrweg, der an beiden Seiten mit jungen Akazien bepflanzt wurde.
 
Mit der Ausarbeitung der Pläne für das neue Mutterhaus beauftragten die Schwestern den erst 28-jährigen Düsseldorfer Architekten Heinz Thoma, der ein Jahr zuvor schon seinen ersten großen internationalen Wettbewerb zum Bau eines Krankenhauses in Zagreb gewonnen hatte. Doch sollten noch zwei weitere Jahre des Planens, Rechnens und Überlegens vergehen, bis endlich am 8. Juni 1934 der erste Spatenstich erfolgte und anschließend mit den notwendigen Ausschachtungsarbeiten begonnen werden konnte.         
 
Nur wenige Monate später, am 19. November, dem Fest der heiligen Elisabeth, war der von den Schwestern seit langem ersehnte Tag der Grundsteinlegung gekommen. Die Zeremonie nahm der Kölner Weihbischof Dr. Joseph Hammels vor. Nach dem feierlichen Hochamt in der Kapelle des Elisabeth-Krankenhauses fuhren die Schwestern mit den Festgästen in drei Omnibussen zur Baustelle nach Schuir, „wo die dort beschäftigten Arbeiter schon Aufstellung genommen hatten“, so  die Chronik. „Der Bauplatz stand im Schmuck von Fahnen und grünen Kränzen“, heißt es weiter. „Auf dem Fundamente der Abschlussmauer des Chores der Kirche ruhte der bekränzte, aus dem Steinbruch in der Nähe gebrochene, gewaltige Grundstein, mit einem Gewicht von 35 Zentnern.“ Die Inschrift an seiner Außenseite lautet: „IPSE LAPIS ANGULARIS“ („Christus selbst ist der Grundstein“).  
 
Nachdem die anwesenden Geistlichen, der Architekt, die Nachbarn, die Generaloberin sowie die übrigen Schwestern der Ordensleitung die Urkunde für den Grundstein unterschrieben hatten,  ergriff Weihbischof Hammels  das Wort um – wie berichtet wird - „in begeisternden Worten die hohe Aufgabe des zu errichtenden Gebäudes“ darzustellen:  „Heilsbegierige Seelen sollen hier belehrt, erzogen und geschult werden in einer gesunden Askese nach den Grundsätzen Jesu Christi“, so der Weihbischof. „ Hier lernen sie die Gebote der Gottes- und Nächstenliebe in die Tat umsetzen nach dem heldenmütigen Vorbild ihrer Patronin Elisabeth, in treuer Erfüllung der heiligen Gelübde, der Armut, Keuschheit und des Gehorsams.“ Nicht ohne zuvor die Glückwünsche und den Segen des Kölner Kardinals Franz Joseph Schulte überbracht zu haben, schritt der Weihbischof dann zur Tat. Nachdem die Urkunde in eine Vertiefung des Grundsteins eingelassen worden war, schlug er dreimal mit dem Hammer auf den Stein und sprach dabei: „Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Dann stimmte er selbst das „Großer Gott, wir loben Dich“ an.  „Die Klänge des Liedes“, so hält es die Chronik fest, „ waren der Widerhall der Begeisterung, die in allen Herzen entfacht war.“  

Mit dem Bau ging es nun schnell voran. Schon nach wenigen Wochen, noch vor dem Weihnachtfest 1934, konnte das Richtfest für den ersten Bauabschnitt, den Noviziatsflügel, gefeiert werden.  Ein Jahr später, am 22. September 1935, wurden die beiden Bronzeglocken der Mutterhauskirche mit den Namen „Vigilate“ und „Orate“ geweiht. Sie sind dem heiligen Franziskus und der heiligen Elisabeth gewidmet und lassen seitdem ihr Geläut durch die weite Ruhr-Landschaft erklingen.
 
Im Frühjahr 1936 konnte schließlich der Neubau des Mutterhauses vollendet werden. Wie viele Sorgen, Mühen und Unannehmlichkeiten mit dem Bau verbunden waren, darüber hat die Generaloberin, Mutter Margarete, sich nur wenigen Mitschwestern anvertraut. Manchmal habe sie, so wird berichtet, „einen regelrechten Kampf führen und sich tapfer durchsetzen müssen, um ihr Ordensideal, die heilige Armut, nicht zu gefährden“. Dass das neue Mutterhaus „so einfach und schlicht, so ohne äußeren Prunk und Aufwand erbaut worden ist“, sei vor allem ihrem energischen Willen zuzuschreiben, heißt es in der Chronik weiter.
 
Am 2. April 1936 konnten die Schwestern endlich ihr neues Mutterhaus beziehen. Der Umzug markiert zugleich einen neuen Abschnitt in der Geschichte der Elisabeth-Schwestern. Seit der Ordensgründung 1843 waren das Mutterhaus der Gemeinschaft und das von den Schwestern geleitete Krankenhaus zu einer Kommunität verschmolzen.  So war es nur zu verständlich, dass sich in die Freude über den gelungenen Neubau und den Umzug auch ein wenig Wehmut und Trauer über die nun vollzogene Trennung mischten. Bereits am Morgen hatten sich die Novizinnen mit einem Lieferwagen des Elisabeth-Krankenhauses auf den Weg in ihr neues Domizil gemacht. Am Nachmittag folgten in zwei Autos die Generaloberin, weitere Schwestern sowie der Hausgeistliche, Pastor Nachtsheim, mit dem Allerheiligsten. „Die ganze zurückgebliebene Schwesternschar stand mit gefalteten Händen betend, weinend und winkend am Tor, bis die Wagen ihren Blicken entschwanden“, wird berichtet.

Kaum hatten die beiden Fahrzeuge den Schuirweg erreicht, „ließen die Glocken der Mutterhauskirche einen jubelnden Willkommensgruß erschallen“. Am Portal wurden sie bereits von dem kleinen Hauskonvent mit den zwanzig Novizinnen erwartet, die in ihren Händen brennende Kerzen hielten. Auch die Nachbarfamilien Feldmann und Hagenhoff sowie die noch im Haus beschäftigten Handwerker waren zur Begrüßung gekommen. Die Chronik berichtet: „Die erste Prozession mit dem Eucharistischen Herrn setzte sich in Bewegung durch das Noviziat, die Vorhalle und Beichtkapelle zur Krypta, wo der Altar im Lichterglanz und Blumenschmuck prangte. Am Abend war die heilige Stunde und am folgenden Morgen, dem Herz-Jesu-Freitag, das erste feierliche Hochamt zu Ehren des Heiligsten Herzen Jesu. Wohl fünfzig Schwestern aus dem Elisabeth-Krankenhaus und den anderen nahen Filialen nahmen daran teil. Es war ein schöner, sonniger Frühlingsmorgen. Die Stimmen der kleinen Sänger in Wald und Feld und der Ruf des Kuckucks drangen durch die geöffneten Fenster und vermischten sich mit dem Chor der Schwestern zu einem wunderbaren Lobpreis des Eucharistischen Heilands, der eine neue kleine Wohnung unter den Menschen aufgeschlagen hatte.“

Im Jahr 2011 kann das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern von der heiligen Elisabeth auf sein 75-jähriges Bestehen und auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Vor allem in den  Anfangsjahren wurde das Haus immer wieder „fremdgenutzt“. Während des Zweiten Weltkrieges diente es nacheinander als Ausweichkrankenhaus des Elisabeth-Krankenhauses, Reservelazarett, Behelfsunterkunft der Fliegereinheiten des Mülheimer Flughafens sowie als Unterkunft der französischen und russischen Kriegsgefangenen. Nach dem Krieg beherbergte es für kurze Zeit zweihundert Amerikaner und war anschließend eine internationale Zufluchtsstätte für alle vorüberziehenden Menschen, die ausgebombt, vertrieben oder einfach versprengt worden waren. Seit Ende der 1950-er Jahre, als auch alle durch den Krieg entstandenen Schäden behoben waren, erfüllt es wieder ganz seinem ursprünglichen Zweck als Mutterhaus für die Barmherzigen Schwestern von der heiligen Elisabeth.

Ulrich Lota

Literatur: Genossenschaft der Barmherzigen Schwestern von der hl. Elisabeth zu Essen. Von Gottes Güte und der Menschen Treue. Zusammengestellt von den Schwestern der Genossenschaft. Siegburg 1957.

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