Ein Seliger, der Papst, die Queen - und ein Essener

„Der Papstbesuch in England ist schon für sich ein historisches Ereignis“, ist sich Dr. Wilhelm Tolksdorf sicher. Doch ausschlaggebend für Tolksdorfs Reise auf die Insel ist noch etwas anderes - sein besonderes Verhältnis zu Kardinal Newman, der am Sonntag seliggesprochen wird.

„Der Papstbesuch in England ist schon für sich ein historisch zu nennendes Ereignis“, ist sich Dr. Wilhelm Tolksdorf  sicher, „er wird ja auch seit Monaten von den Briten durchaus kontrovers diskutiert.“ Wenn also mit Benedikt XVI. zum ersten Mal ein katholisches Kirchenoberhaupt den Briten einen Staatsbesuch abstattet, fährt auch der scheidende Seelsorgeamtsleiter des Bistums Essen auf die Insel. Nicht, weil er mal in Rom beim Kardinal Ratzinger studiert hat, und nicht, weil er mal die Queen live sehen möchte: Tolksdorf geht auf Pilgerreise - zur Seligsprechung von Kardinal John Henry Newman (1801-1890), am Sonntag in Birmingham. Der englische Geistliche hat beispielhaft die Bewahrung des Glaubens und die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Neuzeit verbunden und gilt als wesentlicher Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils. Seine theologische Karriere begonnen hatte Newman aber in der anglikanischen Kirche, von wo er nach längerem Ringen zum katholischen Glauben konvertierte. Das macht die Seligsprechung zu einer zweischneidigen Sache, glaubt Tolksdorf: „Wird man es als Provokation sehen oder ist diese hohe Ehre für einen Konvertiten eine Stärkung im Miteinander von anglikanischer und katholischer Kirche? Das ist für mich die Frage.“ Eine Frage, der Tolksdorf sich auf einem hohen Niveau nähert – er hat über den englischen Ausnahmetheologen promoviert und ist Vizepräsident der „Internationalen deutschen John-Henry-Newman-Gesellschaft.“

Trotz herausragender Bedeutung für die Entwicklung der Kirche in den letzten hundertfünfzig Jahren ist Kardinal Newman in Deutschland weitgehend unbekannt. „In England ist er eine herausragende Gestalt, weil er das Englische des 19. Jahrhunderts zu ungeahnter Blüte bringt“, verweist Tolksdorf auch auf das literarische Schaffen des Kirchenmannes. „Vor allem aber steht er für eine Nation des intellektuellen Aufbruchs und der geistigen Weiterentwicklung.“ Dabei führte Newmans eigene geistige Entwicklung auch zu der einen Entscheidung, die ihn bei der Mehrheit seiner Zeitgenossen eher unpopulär gemacht hat. Der aus wohlhabendem Hause stammende Bürgersohn begann zunächst eine Karriere in der anglikanischen Kirche, wo er es bis zum Pfarrer und Universitätsprediger im noblen Oxford brachte. Weitere Studien bewirkten dann aber 1845 Newmans Übertritt zur katholischen Kirche, „auf der Suche nach Wahrheit und schließlich aus religiöser Überzeugung“, wie Tolksdorf betont. Für Newmans Landsleute war das eine unerhörte Sache. Seit dem Mittelalter genoß die englische Kirche überdurchschnittlich große Freiheiten von Rom, die offizielle Trennung 1531 durch den sehr heiratsfreudigen Heinrich VIII. Tudor war neben einem aktuellen Eheauflösungsproblem auch der politischen Lage geschuldet. Im 19. Jahrhundert sah sich die Empire-Nation Großbritannien dann als führende protestantische Nation der Welt: Den Abfall von der Landeskirche, noch dazu in Richtung Papst, sah man als Verrat.

Auch aus dem Vatikan begegnete man dem Konvertiten lange Zeit mit Misstrauen. Jahrzehntelanges verdienstvolles Schaffen vor allem als Seelsorger sowie seine unbestreitbare intellektuelle Brillianz ließen ihn aber auch in der katholischen Kirche aufsteigen, 1879 erfolgte die Ernennung zum Kardinal. Bei seinem Tode war Newman sowohl in der katholischen als auch in der anglikanischen Kirche akzeptiert. „Ich bin vor allem sehr gespannt, wie die Leute auf der Straße auf die Seligsprechung reagieren“, sagt Wilhelm Tolksdorf im Hinblick auf seinen Besuch in Birmingham. Als offiziellen Höhepunkt seines Besuchs wird der Papst hier in Cofton Park die Seligsprechung vornehmen. Für einige Briten, die im Papst nach wie vor die oberste Reizfigur einer autoritären und zuletzt durch den Missbrauchsskandal ins Zwielicht geratenen Kirche sehen, mag das wie die Vereinnahmung eines verdienten Landsmannes wirken. Für Tolksdorf setzt der Papst jedoch eher ein Zeichen, indem er die Seligsprechung selber vornimmt: Kirchenrechtlich ist das nicht nötig. „Der Papst ist ausgesprochener Newman-Fan“, betont der Essener, „ er sucht Menschen, die auf beispielhafte Weise Herz und Verstand zusammenbringen, die authentisch sind – was natürlich die Bedeutung des Gewissens einschließt.“ Auch den Besuch bei der Queen wertet Tolksdorf als Betonung von Gemeinsamkeiten – Elisabeth II. ist nicht nur Staatsoberhaupt, sondern auch Kirchenoberhaupt der „Church of England“. Beide Kirchen haben die Weltsicht Newmans erheblich geformt. Diese Weltsicht mündet in einer Eigenschaft, die der Essener Seelsorgeamtsleiter als höchst aktuell empfindet: „Newman kann in einer Kultur verschiedener Völker und verschiedener Religionen, wie wir sie heute erleben, jemand sein, der uns dazu einlädt, Wahrheit verbindlich zu leben, aber mehr, Wahrheit zunächst einmal verbindlich zu suchen.“  (vvh)

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