„Die Welt ist nicht mehr nur schwarz und weiß“

Bischof Overbeck und ZdK-Präsident Sternberg sehen die Kirche nach dem Papstschreiben „Amoris Laetitia“ und der römischen Familiensynode auf einem heilsamen Weg der Selbstkritik. Podiumsdiskussion in der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“.

Wenn es um Ehe und Familie geht, ziehen diese beiden am selben Strang: Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck und Prof. Thomas Sternberg, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), nahmen am Mittwochabend in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim das päpstliche Lehrschreiben „Amoris Laetitia“ über die Liebe in der Familie unter die Lupe. Von der stellvertretenden Akademiedirektorin Dr. Judith Wolf daraufhin befragt, welche Zeilen des Papstschreibens sie für besonders relevant halten, hatten beide im Vorfeld die Nummer 37 des Abschlussdokuments der römischen Bischofssynode ausgesucht, wo es aus der Feder des Papstes heißt: „Wir haben Schwierigkeiten, die Ehe vorrangig als einen dynamischen Weg der Entwicklung und Verwirklichung darzustellen und nicht so sehr als eine Last, die das ganze Leben lang zu tragen ist.“ Und weiter: „Wir sind berufen, die Gewissen zu bilden, nicht aber dazu, den Anspruch zu erheben, sie zu ersetzen.“

„Heilsame Selbstkritik“, wie sie in diesen Worten des Papstes zum Ausdruck kommt, hält Bischof Overbeck für ein entscheidendes Merkmal einer kirchlichen Erneuerung auch im Bistum Essen. Es gehe nicht nur darum, die Vokabeln auszutauschen und die Dinge etwas peppiger zu sagen, sondern um einen wichtigen Schritt, die Lehre der Kirche weiterzuentwickeln: „Was heißt ‚katholisch‘? Was lässt sich für alle verbindlich formulieren? Worin besteht die Einheit? Was hält die Institution Kirche zusammen?“ Das Leben in seiner Komplexität spiele heute eine größere theologische Rolle als jemals zuvor. Entsprechend müsse die Seelsorge Lebensprozesse begleiten, anstatt Vorgaben zu machen.

Sternberg, dem als fünffachem Vater auch an einer guten kirchlichen Ehevorbereitung für seine erwachsenen Kinder gelegen ist, stellt fest, dass vielen Heranwachsenden heute ein Ansprechpartner fehle in einer Welt, in der Sexualität nicht immer human dargestellt werde: „Die Kirche war aber nie ganz raus aus dem Thema“, sagte Sternberg, „seit Jahrzehnten ist sie eine Hauptakteurin in der Ehe-, Lebens- und Familienberatung, die staatlicherseits kaum angeboten wird.“ Das entspreche exakt der Ermutigung des Papstes: Achtet darauf, was das Wichtigste ist – sich dem einzelnen Menschen zuzuwenden.

Auch an diesem Punkt waren Overbeck und Sternberg sich einig: Die Bedeutung der Sexualmoral, die viele Menschen als Dreh- und Angelpunkt des Katholischen wahrnähmen, schwinde angesichts wichtigerer moralischer Fragen zum Beispiel der Ordnungs- und Friedenspolitik.

In seinem neuen Amt als ZdK-Präsident und damit als oberster Vertreter der katholischen Laien in Deutschland seit November 2015 erlebt Sternberg, dass katholische Männer und Frauen immer wieder angefragt werden – zuletzt zum Thema Palliativmedizin und Sterbehilfe –, sofern sie ihren Einsatz als Dienst an der Gesellschaft verständen. „Wenn wir in der Sache überzeugend auftreten, werden auch die Grenzen zwischen Priestern, Ordensleuten und Laien unerheblich.“

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