Der letzte Satz vor der Stille         

Eine kleine Handreichung gibt für solche Fälle praktische Ratschläge: Man sollte nicht allein gehen, sich mindestens eine halbe Stunde Zeit nehmen. Man sollte es nie telefonisch machen. Das "nie" ist in dem Blättchen fett gedruckt. Der Titel des kleinen Faltblatts lautet "Sie haben eine Todesnachricht zu überbringen".

Eine kleine Handreichung gibt für solche Fälle praktische Ratschläge: Man sollte nicht allein gehen, sich mindestens eine halbe Stunde Zeit nehmen – „es kann aber auch deutlich länger dauern“. Die richtige Adresse ist entscheidend und ein unbewusstes Lächeln unbedingt zu vermeiden. Man sollte es nie telefonisch machen. Das "nie" ist in dem Blättchen fett gedruckt. Und wenn man doch mal zum Hörer greift aus Zeitnot? "Das Telefongespräch mag er noch überstehen, aber wenn er danach zusammenklappt und ohne Hilfe ist, dann haben Sie die Folgen Ihres Anrufs zu verantworten." Der Titel des kleinen achtseitigen Faltblatts lautet "Sie haben eine Todesnachricht zu überbringen".

Ein Mensch stirbt - an einem Herzinfarkt während der Arbeit, bei einem Verkehrsunfall unterwegs oder an Verzweiflung allein. Die Opfer von Unfall und Selbsttötung ordnet die Statistik den "nichtnatürlichen Todesursachen" zu. Jedes Jahr an die 30.000-mal, so oft kommt der Tod hierzulande folglich auf eine Weise, die vom Leben nicht zu erwarten gewesen wäre. Mit einem Herzinfarkt hingegen darf man rechnen. An ihm sterben - auf natürlichem Wege - etwa doppelt so viele. Der Dieb in der Nacht, er kommt oft. Soweit die Statistik. Betroffenheit bemisst sich freilich nicht nach Zahlen, sondern nach Namen.

Das Leben in zwei Teilen

Irgendwo stirbt Martin oder Christina. Und irgendwo anders wartet seine Frau, warten ihre Eltern. Zwischen beiden mögen viele Kilometer liegen oder auch nur ein paar Meter. Später werden sich die Wartenden vielleicht fragen, ob sie zu dem Zeitpunkt, an dem es geschah, etwas gespürt, ob sie irgendeine Ahnung gehabt haben. Vorher - das heißt zu Lebzeiten - gab es möglicherweise einmal das Gedankenspiel, wenn es später als erwartet wurde und Unsicherheit aufkam. Was wäre, wenn es nun klingelt und ein Polizist steht mit dunkler Miene vor der Tür? Es würde freilich nicht wie im Krimi ablaufen, so lächerlich beiläufig. Doch es blieb bei einem Gedankenspiel und das Geräusch des Schlüssels im Schloss zerstreute damals die Sorge. Vorher und Nachher - mit diesen beiden separaten Teilen ihres einst zusammenhängenden Lebens wird der Bote der Todesnachricht die Angehörigen schließlich auch stehen lassen. Doch noch wissen sie nichts davon. Noch sind sie mit dem Üblichen beschäftigt. Das Übliche und Allgemeinste in seiner Eigenschaft so nebensächlich wie allesbeherrschend zu sein, es bildet das Hintergrundrauschen. Es ist alles beim Alten. Die Zäsur, die ihnen bevorsteht, ist noch auf dem Weg zu ihnen.

Ein Notizblock als Geländer

Ein Unfall auf einer Landstraße. Zwei junge Frauen sind mit dem Auto von der Fahrbahn abgekommen und gegen einen Baum geprallt. Die 18-jährige Fahrerin wird mit dem Rettungshubschrauber zur Klinik geflogen. Sie ist schwer verletzt, doch sie wird überleben. Der Hubschrauber für die 17-jährige Beifahrerin braucht gar nicht erst zu landen. Er fliegt leer zurück. Sie hat es nicht geschafft. Die Ersthelfer am Unfallort suchen nach ihren Papieren. Wer war sie? Mit dieser Frage fängt es an. Ein Name wird zur Nachricht. Er löst sich von dem Mädchen, geht seine geregelten Wege, wird vermerkt, telefonisch weitergegeben, erfasst, schließlich aktenkundig. Ulrich Slatosch notiert sich den Namen auf seinen kleinen Notizblock. Er ist sehr gewissenhaft, verteidigt die paar Quadratzentimeter Wissen in seiner Hand gegen jede Hektik und das Drängen der Polizisten, doch endlich los zu fahren. Er weiß warum. Die Informationen sind Teil seines Geländers. Der Notfallseelsorger braucht den Halt dieses Geländers, um für jene da zu sein, denen bald der Boden unter den Füßen weggerissen werden wird. Solche Situationen lassen kein Spielraum für Schulterzucken. Auf seiner papiernen Gedächtnisstütze trägt er daher alles zusammen, was sich zu dem Geschehen in Erfahrung bringen lässt und wonach die Angehörigen in solchen Fällen in aller Regel fragen. Was ist passiert? Wo ist unser Kind jetzt? Können wir es sehen? "Diese Fragen kommen", sagt der 50-Jährige. Er spricht aus Erfahrung.

Ein Moment vor dem sich jeder fürchtet

Slatosch arbeitet seit über zehn Jahren in der Notfallseelsorge, bildet selbst Seelsorger aus. Todesnachrichten zu überbringen, ist Teil seines Berufs. Genauer: Er ist dabei, wenn ein Polizist den Eltern etwa mitteilen muss: "Christina ist leider bei einem Verkehrsunfall gestorben". Auf keinen Fall wird Slatosch sich darauf einlassen, selbst diesen fatalen Satz gegenüber den Angehörigen auszusprechen. Es ist wie ehedem. Die Sache mit dem Boten und seiner Botschaft. Untrennbar miteinander verbunden sind sie. Den Überbringer schlechter Nachrichten umgibt das Dunkel ihres Inhalts. Es wäre schwer, den Hinterbliebenen aus diesem Schatten heraus Trost zu spenden, weiß Slatosch. Er besteht daher auf einer klaren Rollenaufteilung. Man denkt unwillkürlich an das filmische Rollenspiel von good Cop und bad Cop. Nur ist das hier weder Verhör noch Film. Der Polizist tut einem leid. Allerdings kann er nach dem Überbringen der Nachricht bald wieder gehen. Der Notfallseelsorger hingegen nimmt sich Zeit. Er ist da und trägt Sorge für einen Augenblick, vor dem sich jeder fürchtet, der liebt. Es ist eine freundliche Bestimmtheit, mit der Slatosch auf seinen Grundsätzen beharrt. Er spricht schnell und pointiert. Aller Ernst des Seelsorgers bleibt dabei stets offen für ein mögliches Lächeln. Zusammen mit der berufsbedingten Sachlichkeit sorgt dieses Lächeln bisweilen für ein eigentümliches Auseinanderfallen von Gespräch und Inhalt. Der Familienvater Slatosch erzählt von dem plötzlichen Kindstod, zu dem er letzte Woche gerufen wurde, von dem Suizid an den Bahngleisen, von dem Arbeiter, der von der Maschine erfasst wurde, von dem, was übrig bleibt zum Abschiednehmen.

Der letzte Blick

Das Abschiednehmen - es ist enorm wichtig. Die Art, wie Angehörige den Übergang von der gewohnten Gegenwart in das künftige, das lebenslange Ausbleiben des Verstorbenen gestalten, entscheidet mit darüber, wie gut oder schlecht sie den Verlust verarbeiten können. Es geht für sie darum, den Tod zu begreifen. Wie soll man sich etwas vergegenwärtigen, dessen Hauptmerkmal gerade die Abwesenheit ist? Wie soll man etwas Wahrhaben können - noch dazu, wenn es so weitreichende Konsequenzen hat - wenn einem jede Anschauung fehlt? Um den Betroffenen bei dieser Trauerarbeit zu helfen, setzt sich Slatosch dafür ein, dass sie den Toten noch einmal zu sehen bekommen. "Wenn Polizisten raten 'Behalten sie ihn in Erinnerung, wie er war' schreite ich schon ein", sagt er und verleiht seiner Stimme etwas Entschiedenes. Der Rat des Polizisten hat freilich seinen Grund in der Entstellung des Opfers. Doch Slatosch insistiert auf dem letzten Blick, auch wenn der Tote „deformiert“ sei, wie er sagt. Für solche Fälle gebe es Thanatopraktiker, die den Verstorbenen wieder herzurichten vermögen. "Ich würde nicht den billigsten nehmen", empfiehlt er. Da ist sie wieder, die berufsmäßige Nüchternheit dessen, der die Trauer mit organisieren muss.

Der Kaffeetest des Hiobsboten

Der letzte Blick ist für Slatosch vor allem deswegen von einer so großen Bedeutung, da ohne diesen allzu rasch der Wunsch gegenüber der Wirklichkeit die Oberhand gewinnt. Dann bleibt da dieses stete innere Flüstern von der Möglichkeit, dass es ja vielleicht gar nicht der geliebte Mensch war, der zu Tode gekommen ist. Er wird schon noch nach Hause kommen - irgendwann. Sie ist bestimmt noch da draußen - irgendwo. Selbst wenn Menschen den Tod ihres Angehörigen unmittelbar miterlebt haben, fällt es ihnen mitunter schwer, dass zu akzeptieren. Sie sind unfähig, die weiteren Schritte einzuleiten, etwa sich um einen Bestatter zu kümmern. Manchmal ignorieren Menschen das Geschehene, jeder augenscheinlichen Tatsächlichkeit zum Trotz, bis ein alarmierender Gestank schließlich die Nachbarn auf den Plan ruft. Man erinnert sich, dergleichen schon einmal gelesen zu haben. Eine kurze Meldung unter „Lokales", ein seufzendes Kopfschütteln bei der Lektüre. "Die bleiben einfach in Trauerphase eins stecken", kommentiert der Notfallseelsorger trocken. Slatosch versucht Rettungsassistenten in der Ausbildung für diese mögliche Verdrängung zu sensibilisieren. Er selbst lässt keinen Hinterbliebenen zurück, bei dem er sich nicht sicher ist, dass dieser der Situation gewachsen ist oder Bekannte hat, die sich um ihn kümmern. Um sich Gewissheit über den Zustand des Angehörigen zu verschaffen, macht er schon mal seinen "Kaffeetest". Wenn sich die Hinterbliebenen beim Kaffeemachen in der eigenen Küche kaum zurechtfinden, nicht mehr wissen, dass es Filter, Tüten und Pulver braucht, dann ist das ein Zeichen für den nötigen Beistand über den Moment hinaus.

Doch wenn der Tod sich selbst verleugnen lässt, wenn man ihn miterlebt hat, wieviel schwerer ist es da für jene, denen allein das Hörensagen bleibt, um zu verstehen, was passiert ist. Die Fantasie nährt dabei nicht nur die verzweifelte Hoffnung. Sie vermag es auf der anderen Seite ebenso, sich das Unglück mit stetig wachsender Brutalität auszumalen. Und zwar in einer Weise, welche die tatsächliche Dramatik oft noch übertrifft. Bei einem Verlust ohne Abschied werden Gegenstände, die einen Bezug zum Verstorbenen besitzen, zudem leicht zu Devotionalien. Eltern lassen das Zimmer ihres Kindes über Jahre unverändert. Die Verlobte fährt zum Unfallort, sammelt Fahrzeugteile vom Pkw ihres verunglückten Freundes und bewahrt sie auf.

Die Erinnerungen fahren mit

Wie geht Slatosch mit diesen Erfahrungen um? Wie nahe geht dem Hiobsboten seine Botschaft? Slatosch antwortet abgeklärt: "Wenn ich mich emotional zu sehr reinhänge kann ich nicht helfen. Ich muss die Struktur schaffen und darf nicht der Verwirrte sein. Die Menschen erwarten von mir, dass ich ihnen sage, wie es weitergeht." Er sagt dies nachdrücklich, mit seiner ganzen Person. Sein Oberkörper bewegt sich dabei leicht nach vorne, folgt den Sätzen, setzt den Punkt. Was zu tun ist, wenn nichts mehr zu machen ist, die Vermittlung einer Struktur, das Geländer, er hat es verinnerlicht. "Im Einsatz habe ich eine bestimmte Funktion, da stehen die Emotion hinten an, aber sie sind da. Wenn ich die Funktion erfüllt habe, dürfen die Emotionen kommen." Und sie kommen. Manchmal sehr viel später und unvermittelt, aber sie kommen. Vor allem dann, wenn man im Schicksal des Anderen sich selbst erkennt. So war das auch bei dem auf der Landstraße tödlich verunglückten Mädchen. "Vor Ort haben wir das gut bewältigt, aber als ich nach dem Einsatz nach Hause fuhr, merkte ich, dass da etwas übereinander passte". Die Tote hatte das gleiche Alter wie seine eigene Tochter. Sie hatte einen Bruder im Alter seines Sohnes. "Was wäre, wenn es deine Tochter gewesen wäre und da wären Zwei gekommen, um es dir zu erzählen", ging es ihm durch den Kopf. Ein Jahr später sitzt er gemeinsam mit seiner Tochter im Auto. Sie fährt, hat vor Kurzem ihren Führerschein gemacht. Es lässt ihn nicht ruhig auf dem Beifahrersitz. Sie kann ihm nicht sicher genug fahren. Als sie ihn wegen seiner Unruhe zu Rede stellt wird ihm klar, dass die Erinnerung an jenen Unfall vor einem Jahr mitfährt und ihn aufwühlt.

"32 war nicht das Alter, in dem ich einen Herzinfarkt auf dem Schirm hatte"

"Der Abgleich zwischen dem, was zu überbringen ist und dem eigenen Leben ist wichtig", sagt Claudia Kiehn. Sie nennt es psychische Eigensicherung, das was zum Schutz der eigenen Seele unerlässlich ist. Kiehn war über zehn Jahre Landespolizeipfarrerin der Evangelischen Kirche im Rheinland. Sie spricht sehr ruhig, wählt ihre Worte mit Bedacht. "Beim Überbringen von Todesnachrichten muss man aufpassen, dass der eigene Schutzschild nicht zerstört wird", warnt Kiehn. Sie rät jungen Polizisten in der Ausbildung ebenso wie auf ihre körperliche Gesundheit auch auf ihre seelische Unversehrtheit zu achten. Kiehn hat selbst schon Nachrichten vom Tod eines Angehörigen übermitteln müssen - einmal einer engen Kollegin. Sie weiß, wie es ist, wenn das Geschehen nicht bei sich bleibt, sondern wenn es plötzlich persönlich wird. Das Opfer war ein junger Mann, der vor der Tür des Wohnkomplexes in dem er lebte einem Herzinfarkt erlag. Oben in der Wohnung wartete seine Frau auf ihn, das gemeinsame Kind im Arm. Als die Polizeiseelsorgerin zusammen mit einem Kollegen die Nachricht überbrachte, stellte sie fest, dass der Verstorbene fast am selben Tag wie sie Geburtstag hatte. "32 war nicht das Alter, in dem ich einen Herzinfarkt auf dem Schirm hatte", umschreibt sie ihre damalige Fassungslosigkeit. Sie war geschockt. "Bei dem Termin war ich dann ein Totalausfall", gesteht sie freimütig. Wenn man sie fragt, ob sie solche Erlebnisse ängstlicher gemacht haben überlegt sie kurz und verneint. Nicht der Tod habe für sie an Gewicht gewonnen, sondern das Leben entgegnet Kiehn nachdenklich. Sie ist dankbarer geworden für ihre Zeit, sagt sie. Wenn mal wieder eine Nachricht zu überbringen war, möchte sie anschließend häufig einfach das Leben feiern. Sie lädt dann ihre Familie zum Essen ein.

Die Situation aushalten können, darin sehen beide, Kiehn und Slatosch, die entscheidende Herausforderung beim Überbringen der letzten Nachricht. Man muss hilflos zuschauen, wie für einen anderen Menschen die Welt zusammenbricht. Der Tod nimmt keine Rücksicht, ebenso wenig, wie das Leben. Da ist die Tatsächlichkeit des Verlustes und da ist das Rauschen der nahe gelegenen Autobahn.

Ein Zug an der gedachten Zigarette zur Beruhigung

"Wir haben es lieber, Probleme zu lösen. Doch in einem solchen Fall, gibt es nichts zu lösen", beschreibt Kiehn die emotionale Ausnahmesituation. Wohl jeder hat schon einmal die Erfahrung gemacht, hat betreten vor dem Bekannten gestanden und nicht so recht gewusst, wie man die eigene Anteilnahme angemessen ausdrücken soll. Kann man so etwas überhaupt? Sein Beileid aussprechen? Plötzlich stellt man fest, dass Sprache enge Grenzen hat und Gesten nicht hinüberreichen zur Lebenswirklichkeit des Trauernden. Man nehme diese Betretenheit, setze sie ins Quadrat und bekommt eine Ahnung von der Aufgabe, vor die Menschen gestellt sind, welche die Trauer auslösen müssen. In extremen Momenten hilft Slatosch sein Gottvertrauen - sein Gottvertrauen und der Zug an der gedachten Zigarette. Er holt tief Luft und zählt dann langsam bis dreiundzwanzig.

Wie reagieren Menschen, die vom Tod eines Angehörigen erfahren haben? Manche zerlegen anschließend ihr Wohnzimmer, rennen mit dem Kopf gegen die Wand oder verlieren das Bewußtsein. Andere bleiben reglos sitzen. Sie weinen nicht, scheinen nicht betroffen, so dass Slatosch sich unsicher ist, ob sie die Nachricht richtig verstanden haben. Und auch das kommt vor: verhohlene Freude. Alles ist möglich.

"Es ist uns schlichtweg nicht in den Sinn gekommen, dass einer von uns beiden sterben könnte"

"Ich saß da wie betäubt. Dachte, da erzählt mir jemand etwas, das übersteigt meinen Horizont". Es war ein Sonntag, acht Uhr morgens, an dem es bei Jutta Unruh an der Tür klingelte. Ihr Lebenspartner war vor zwei Stunden an einem Herzinfarkt gestorben. Das Gesicht der Notfallseelsorgerin, wie sie unten im Flur an der Haustür stand, die Treppe hochkam - "das hab ich abgespeichert für ewig", sagt sie nachdenklich. Die darauf folgenden Stunden sieht sie hingegen nur noch in Bruchstücken. Sie selbst hat an jenem Tag keine Träne geweint, soviel weiß sie noch. Der Schmerz erreichte sie erst am nächsten Morgen. Dann aber mit ganzer Wucht. "Ich bin um 5 Uhr hochgefahren. Plötzlich war alles da, dann ging gar nichts mehr", erinnert sie sich heute, fünf Jahre später. Die Mitfünzigerin ist Religionspädagogin und selbst in der Notfallseelsorge aktiv. Schon oft hatte sie in Seminaren über vergleichbare Krisensituationen geredet. Nun war sie auf einmal selber betroffen. Manche Paare nehmen ihre Zukunft vorweg und haben den letzten Willen miteinander bereits bis zur Gästeliste, Trauermusik oder Blumenschmuck ausbuchstabiert. Jutta Unruh und ihr Lebenspartner beschäftigten sich ebenfalls intensiv mit dem Tod - allerdings meist aus der sicheren Entfernung einer von berufswegen sachlichen Abgeklärtheit. Vielleicht traf sie gerade deshalb der Herzinfarkt ihres Partners vollkommen unerwartet. "Es ist uns schlichtweg nicht in den Sinn gekommen, dass einer von uns beiden sterben könnte", sagt sie und wirkt, als schüttele sie innerlich immer noch den Kopf über diese frühere Unbedachtheit. Mit dem Tod ihres Partners schwand auch das Vertrauen in die Beständigkeit des Lebens. "Wenn jemand weggeht, gehe ich nicht mehr selbstverständlich davon aus, dass er auch zurückkommt. Zu sagen 'ich komme um fünf' und dann erst um zehn da sein, da bin ich nicht geeignet für", beschreibt sie die Veränderung. Unruh schaut sehr bewusst auf die eigene Geschichte, versieht viele ihrer Sätze mit einem Kommentar. Die gemachten Erfahrungen fließen natürlich auch in ihre seelsorgerische Arbeit mit ein. Sie hat erlebt, worüber sie redet. Sie weiß, wie einem geschieht, wenn das eigene Leben stillsteht und die Welt sich weiterdreht. Wenn Bekannte bereits nach einer Woche Trauer Sätze fallen lassen wie ‚nun sei es aber auch langsam gut‘ oder ‚sie müsse lernen loszulassen‘. Loslassen – bei dem Wort wird sie streitbar. „Lassen Sie mal etwas los, das fällt runter“, sagt sie wütend. „Ich bin sehr kritisch geworden, was Worte anbelangt. ‚Loslassen‘ ist nach wie vor ein Reizwort für mich“. Für sie hat dieser Begriff etwas von Preisgabe. Dagegen hält Unruh gerade den Kampf gegen das Vergessen für etwas sehr Wichtiges. Es geht nicht darum, etwas abzuschließen, sondern der Erinnerung an den Anderen einen angemessenen Platz zu geben. Es gibt so etwas, wie ein bleibendes Atmen des Anderen im eigenen Leben. Mal füllt er einen stärker aus, mal weniger, aber man muss ihn nicht loslassen.

Er „läutet“ an einer ihm unbekannten Geschichte

Wenn ein Notfallseelsorger sich auf den Weg zu Hinterbliebenen macht, weiß er nie, was ihn erwartet. Er „läutet“ an einer ihm unbekannten Geschichte. Die Tür öffnet sich, und was der folgende Moment von ihm verlangt, ist jedes mal aufs Neue das Paradox einer vorbereiteten Improvisation. Die Tür öffnet sich und ein Freund der Familie fragt, worum es denn gehe. Die Tür öffnet sich und eine Horde Kinder, die offensichtlich gerade einen Geburtstag feiern, schauen einen mit großen Augen an. Manchmal ist die Überraschung beim Boten aber auch größer als beim Empfänger. Die Tür öffnet sich und noch ehe Ulrich Slatosch etwas sagen, kann ruft der ältere Herr vor ihm in den Hausflur hinein: „Oh Mutter, der Todesengel steht vor der Tür!“. „Todesengel“ – als er diese Bezeichnung hörte, sei ihm damals ein Schock in die Glieder gefahren, so Slatosch heute mit einem Schmunzeln. Was war passiert? Der Notfallseelsorger hatte einen Vortrag über die Aufgaben seines Berufsstandes gehalten. Die Lokalzeitung brachte einen Bericht – mit Foto. Eben diese Seite lag aufgeschlagen auf dem Frühstückstisch der betroffenen Familie. Wie stand es doch gleich noch in der kleinen Handreichung: „Sie müssen auf alles gefasst sein“. Philippe Patra

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