Ausgedruckt am:  19.05.13

Eine Kurzgeschichte des Bistums Essen

Zwischen Verwaltungstürmen von Energieunternehmen und Behörden geht der Dom in der Essener Innenstadt fast unter; rein architektonisch gesehen. Aber das „altehrwürdige Münster am Hellweg“ ragt in mancher Beziehung doch weit heraus. Es ist die Keimzelle der Ruhrmetropole mit einer über 1000 Jahre alten Geschichte, ein Zeugnis romanischer und gotischer Baukunst, ein sakraler Bau mit einmaligen Kunstschätzen und seit 1958 Kathedrale des Bischofs von Essen.

Auf die Mitte des 9. Jahrhunderts geht die Geschichte des Essener Domes und damit auch der Stadt zurück. Damals entstand hier, unmittelbar an der Grenze von Franken und Sachsen, ein hochadeliges Damenstift. Als Gründer galt bis in die jüngste Zeit Altfrid aus dem sächsischen Geschlecht der Ludolfinger, Berater Ludwigs des Deutschen und später Bischof von Hildesheim. Inzwischen ist sich die Forschung weitgehend einig, dass sicher auch weitere Mitglieder aus dem Hause der Liudolfinger an der Gründung beteiligt waren.

Seine Blütezeit erlebte das Essener Damenstift um das Jahr 1000 unter den Äbtissinnen Mathilde (971-1011) und Theophanu (1039-1058). Beide kamen aus dem ottonischen Kaiserhaus; Mathilde war Enkelin Ottos des Großen, Theophanu Enkelin Ottos II. und der Kaiserin Theophanu. Dom und Domschatzkammer in Essen beherbergen zahlreiche bedeutende Kunstwerke aus dieser Zeit, darunter die Goldene Madonna, den Siebenarmigen Leuchter, das Schwert Ottos des Großen und die Kinderkrone Ottos III. Aufgelöst wurde das Damenstift im Zuge der Säkularisation 1803.

Gut 100 Jahre später entstanden erste Pläne, ein Bistum an der Ruhr einzurichten, „damit die Kirche den arbeitenden Menschen in dem ständig wachsenden Ballungsraum näher komme und tiefer verwurzelt werde“, wie es damals hieß. Verhandlungen mit der preußischen Regierung scheiterten jedoch aufgrund politischer und wirtschaftlicher Hindernisse, und es kam 1929 nur zur Gründung der Bistümer Aachen und Berlin. Die Pläne zur Gründung des Bistums Essen wurden erst 1951 wieder aufgegriffen. Die Verhandlungen zwischen dem Vatikan und dem Land Nordrhein-Westfalen führten am 19. Dezember 1956 zu einem Vertrag über die Errichtung des Bistums Essen, für das die Bistümer Köln, Münster und Paderborn einen Teil ihrer Gebiete abtreten sollten. Damit umfasste das neue Bistum den zentralen Teil des Ruhrgebietes – ohne jedoch die Städte Dortmund und Recklinghausen, die bei ihren Mutterbistümern Paderborn bzw. Münster blieben, doch reichte es andererseits mit dem Kreis Altena-Lüdenscheid weit ins westliche Sauerland hinein. Zum Zeitpunkt der Gründung lebten hier 3,1 Millionen Menschen, wovon über 1,4 Millionen, also nicht ganz die Hälfte, katholisch waren. Das neue Bistum, im Volksmund bald „Ruhrbistum“ genannt, zählte 209 Pfarreien, zusammengefasst in 29 Dekanaten, sowie weitere 58 Filialgemeinden.

Kathedralkirche des neuen Bistums wurde die ehemalige Essener Stiftskirche, das alte Münster am Hellweg. Zum ersten Bischof ernannte Papst Pius XII. am 18. November 1957 den Paderborner Weihbischof Franz Hengsbach. Mit dessen feierlicher Inthronisation am 1. Januar 1958 war das Bistum Essen errichtet. Für seinen Bischofsring wählte Hengsbach ein Stück Steinkohle, um auch auf diese Weise die Verbindung zur Bevölkerung seiner Diözese zum Ausdruck zu bringen.

Hengsbach wurde im Laufe der Jahre nicht nur zur Integrationsfigur seines Bistums, sondern für das gesamte Ruhrgebiet. Mit großer Energie und Zuversicht baute er die Diözese auf und vermittelte den Menschen in der Zeit der großen Strukturkrisen der Region Zuversicht und Hoffnung. Er war „vor Ort“, als mit den Zechenstilllegungen erste dunkle Wolken über das Ruhrgebiet aufzogen und auch, als die große Stahlkrise im Revier begann. Er war es auch, der den Initiativkreis Ruhrgebiet gründete, um Maßnahmen zur Überwindung der Strukturkrise im Revier zu ergreifen. Dieser Kreis, dem Spitzenvertreter aus Wirtschaft und Industrie angehören, hat mit dazu beigetagen, den wirtschaftlichen Aufschwung im Revier „anzuschieben“. Verbunden mit seinem Namen bleibt auch die Bischöfliche Aktion Adveniat, das Hilfswerk der deutschen Katholiken für Lateinamerika, dessen Mitbegründer er 1961 war und das seitdem seinen Sitz in Essen hat. 1988 würdigte Papst Johannes Paul II. das Wirken des ersten Ruhrbischofs mit der Aufnahme in das Kardinalskollegium. Am 24. Juni 1991 starb Franz Hengsbach und wurde in der Westkrypta des Essener Doms beigesetzt.

Zu seinem Nachfolger wählte das Essener Domkapitel den damaligen Kölner Weihbischof Dr. Hubert Luthe. Mit ihm vollzog sich auf dem Bischofssitz in der Ruhrstadt nicht nur ein Generations-, sondern zugleich ein Stilwechsel. Der zweite Bischof von Essen, der am 2. Februar 1992 in sein Amt eingeführt wurde, hielt Hengsbachs Andenken in Ehren, war aber „eher ein Team-Arbeiter als ein Maestro mit dem Hirtenstab“. Seine Sorge galt vor allem der „Strukturkrise“ innerhalb der Kirche – und des Ruhrbistums selbst. Ihm war klar, dass aufgrund drastisch gesunkener Kirchensteuereinnahmen Dienste eingeschränkt, Einrichtungen geschlossen und Stellen abgebaut werden müssen. Und er wusste auch, dass in einem Bistum, das seit seiner Gründung ein Viertel seiner Gläubigen verloren hat, nicht die gleichen pastoralen Strukturen bewahrt weren können wie vor vier Jahrzehnten. Luthe stellte sich dieser Veranwortung mit großem Engagement.

Viele weitere Ereignisse, Entwicklungen und Initiativen bleiben mit dem Namen des zweiten Ruhrbischofs verbunden: der Partnerschaftsvertrag mit dem Erzbistum Kattowitz (Polen), die Gründung des Hilfsfonds der Priester im Bistum Essen, die Errichtung der Jugendstiftung und die Seligsprechung von Nikolaus Groß am 7. Oktober 2001, um nur einige herausragende Beispiele aufzuzählen. Zweifellos hat Hubert Luthe in den zehn Jahren seines bischöflichen Wirkens dem Bistum Essen seinen Stempel aufgedrückt – und ist seinem Ruf stets treu geblieben: ein Seelsorger mit großer persönlicher Glaubwürdigkeit zu sein. Offen, verbindlich und herzlich.

Am 6. Juli 2003 wurde Dr. Felix Genn als dritter Bischof von Essen in sein Amt eingeführt. Schnell hatte er sich mit dem besonderen Charakter dieses Ruhrbistums vertraut gemacht und die spezifischen Herausforderungen in einer großstädtischen Industrieregion erkannt und angenommen.

Er wusste, dass viele Umbrüche und Veränderungen das Ruhrgebiet zu einem Seismographen für gesellschaftliche und wirtschaftliche, ja auch kirchliche Veränderungen haben werden lassen. Für Bischof Genn war das Eintreten für den Erhalt von Arbeitsplätzen bei Opel oder Nokia in Bochum wie auch andernorts selbstverständlich. Er wusste aber auch, dass der Strukturwandel vor dem Ruhrbistum nicht Halt macht und damit auch eine Diskussion um kirchliche Arbeitsplätze unausweichlich ist. Dennoch hatte er nicht erwartet, dass er – kaum 18 Monate im Amt – selbst einen fundamentalen Strukturwandel einleiten musste. „Doch angesichts der zurückgehenden Zahl von Katholiken und aktiven Priestern im Bistum Essen sowie drastisch gesunkener Kirchensteuereinnahmen sind wir zum Handeln gezwungen“, begründete er im Januar 2005 seine Entscheidung, 259 Gemeinden zu 43 Pfarreien zusammenzulegen, 96 Kirchengebäude aufzugeben, Personal abzubauen und Dienstleistungen im Generalvikariat zu zentralisieren.

Ziel dieses umfassenden Maßnahmenkataloges sei es, die Seelsorge in den Gemeinden des Ruhrbistums und den Dienst am Nächsten auch unter veränderten gesellschaftlichen, demographischen und finanziellen Rahmenbedingungen zu sichern und zu stärken, machte Genn deutlich. „Wir müssen diese große pastorale Herausforderung annehmen und den Umbruch der Kirche gestalten. Die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden hat eine Sendung zu erfüllen - auch mit weniger Mitteln.“ Dabei stellt er klar, dass es ihm bei der Neuaufstellung des Ruhrbistums nicht um ein bloßes Spar- und schon gar nicht um die Konstituierung eines diözesanen Auslaufmodells geht. Genn: „Wir wollen die Kirche von Essen mit Gottes Hilfe und den uns zur Verfügung stehenden Mitteln lebendig gestalten.“

Am 19. Dezember 2008 ernannte Papst Benedikt XVI. Dr. Felix Genn zum Bischof von Münster. Am 29. Marz 2009 wurde er im Dom zu Münster als 75. Nachfolger des heiligen Ludgerus in sein Amt eingeführt.

Genns Nachfolger wurde Dr. Franz-Josef Overbeck, den Papst Benedikt XVI. am 28. Oktober 2009 zum 4. Bischof von Essen ernannte. Der neue Bischof wurde am 4. Adventssonntag, 20. Dezember, im Essener Dom in sein Amt eingeführt.

 

 

 

Inhalt:Geschichte & Zahlen

Stichwort: Bistum

Ein von einem Bischof geleiteter territorial umschriebener Seelsorgs- und Verwaltungsbezirk. Die Errichtung, Änderung oder Aufhebung eines Bistums erfolgt durch den Heiligen Stuhl. Mehrere Bistümer sind einem Erzbistum (Erzdiözese) zugeordnet und bilden zusammen eine Kirchenprovinz, an deren Spitze ein Erzbischof steht. Nach der Neuordnung der Bistumsgrenzen (1995) gibt es in Deutschland 7 Erzbistümer (Bamberg, Berlin, Freiburg, Hamburg, Köln, München-Freising sowie Paderborn) und 20 Bistümer (Aachen, Augsburg, Dresden-Meißen, Eichstätt, Erfurt, Essen, Fulda, Görlitz, Hildesheim, Limburg, Magdeburg, Mainz, Münster, Osnabrück, Passau, Regensburg, Rottenburg-Stuttgart, Speyer, Trier und Würzburg).

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