Werden bedeutende Frauen der Bibel in der katholischen Leseordnung systematisch übergangen?
Symbolfoto: Friedbert Simon | Pfarrbriefservice.de - Bearbeitung: Nicole Cronauge | Bistum Essen
Wenn die Theologin Annette Jantzen aus ihrem jüngsten Bibelbuch liest, geht es dem ebenfalls studierten Theologen, langjährigen Priester und mit der Bibel vertrauten Generalvikar Klaus Pfeffer kaum anders als vielen anderen Christinnen und Christen: Er staunt. Jantzen hat ausgewertet, welche Texte der Bibel im zwei- bis dreijährigen Leserhythmus der katholischen Kirche regelmäßig in den Gottesdiensten vorgetragen werden – und welche nicht. Dabei hat sie entdeckt, dass es vor allem Frauen und Frauenerzählungen sind, die weggekürzt wurden, weshalb sie ihr Buch mit „Die ignorierten Frauen der Bibel - Was im Gottesdienst nicht gelesen wird“ überschrieben hat.
„Ich finde es wirklich beeindruckend, was da herausgestrichen worden ist – so wundervolle Glaubenszeugnisse“, sagte Pfeffer am Donnerstagabend bei einer Podiumsdiskussion mit Jantzen in Köln. Wobei Pfeffer bei der Veranstaltung „frank & frei“ des Kölner Stadtanzeigers mit Moderator Joachim Frank in der Karl-Rahner-Akademie betonte, dass die Leseordnung an sich in der Kirchengeschichte durchaus ein Fortschritt gewesen sei. Viele Jahrhunderte lang habe die Kirche den Menschen die Bibellektüre kaum zugetraut. „Erst im Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) hat sich die Einsicht durchgesetzt, dass das Wort Gottes zentral für unseren Glauben ist – und damit ein wesentlicher Bestandteil für unsere Gottesdienste wurde“, erläuterte Pfeffer. Die Leseordnung sollte einen wiederkehrenden Überblick über die gesamte Bibel bieten. Mitte der 1960er Jahre erhielt eine vatikanische Kommission den Auftrag, eine entsprechende Zusammenfassung der Bibel zu erstellen - gewissermaßen ein „Best of“. Diese gilt seit Anfang der 1970er Jahre.
Leseordnung umfasst etwa ein Drittel der gesamten Bibel
Jantzens zentrale Kritik daran: Beim Kürzen der rund 36.000 Bibelverse auf etwa 12.000 Verse, die den katholischen Gläubigen nun im Rhythmus der Leseordnung vorgetragen werden, hat die ausschließlich männlich besetzte Kommission tendenziell vor allem bei den Protagonistinnen der Bibelgeschichten gestrichen. „Das Buch ist ein Augenöffner“, sagte Pfeffer zu Jantzens Arbeit, „gekürzt wurde vor allem bei den Frauen, während die männlichen Heldengestalten umso glänzender dargestellt werden, weil ihre durchaus vorhandene Schattenseiten meist ausgeblendet werden“.
Dabei sei die Bibel insgesamt kaum ein Männerbuch, betonte Jantzen. In den Jahrtausende alten Texten gebe es „erstaunlich viele Frauentraditionen“. Aber die kämen in den Texten, die in Gottesdiensten gelesen oder Teil der sogenannten Stundengebete – zum Beispiel für Priester und Ordensleute – sind, kaum vor. So wie die Geschichte der Sklavin Hagar aus dem Alten Testament, dem ältesten Teil der Bibel. Zwar wurde zuletzt am 26. Juni des vergangenen Jahres in einer Lesung vorgetragen, dass Hagar eine Sklavin von Abrahams Frau Sarah war, die Abraham einen Sohn gebären soll, weil Sarah selbst nicht schwanger wurde. Ausgerechnet die Verse 13 und 14 im 16. Kapitel des Buchs Genesis wurden dabei aber ausgelassen. Damit fehlte die Passage, in der Hagar in all ihrer Verzweiflung einen Namen Gottes ausruft: „El-Roi - Gott schaut auf mich.“
„Diese Stelle hat mich sehr stark berührt“, sagte Generalvikar Pfeffer. „,Du bist der Gott, der mich sieht‘ – das sagt diese Frau, die sich in einer ausweglosen Situation befindet und sich von allen Menschen verlassen fühlt. Das ist doch ein großartiges Gottesbild, das hier vermittelt wird: Was auch immer in deinem Leben geschieht, wie einsam und verlassen du dich fühlst: Gott sieht dich und ist bei dir!“
Pfeffer: „Gott sieht uns, er sieht jede und jeden von uns.“
Pfeffer schwankt, ob den Fachleuten, die vor 60 Jahren die Leseordnung zusammengestellt haben, „die Sensibilität fehlte, so eine zentrale Stelle für unser Gottesverständnis zu sehen“. Oder ob die beiden Verse bewusst gestrichen wurden, „weil es nicht in das überkommene Bild von Gott passt, das die kirchliche Tradition prägt“. Denn das Glaubensbekenntnis von Hagar bezeuge einen Gott, der bedingungslos liebt - und der zu jedem Menschen steht, was auch immer in seinem Leben geschieht. „Das stellt verbreitete Vorstellungen eines Gottes in Frage, der Menschen beurteilt, straft oder sich gar von ihnen abwendet“, so Pfeffer. „Gott sieht uns, er sieht jede und jeden von uns. Er ist auch dann da, wenn andere uns verurteilen und sich von uns abwenden.“
Jantzen: „Man hat sich genommen, was man passend fand. Das ist Manipulation.“
Mal sind es zwei entscheidende Verse, mal ganze Absätze, die für die Leseordnung gestrichen wurden - wie in der poetischen Beschreibung einer Frau im Buch der Sprüche, Kapitel 31 (10-31): Im biblischen Volltext wird diese Frau sehr facettenreich dargestellt, voller Ideen, kaufmännisch erfolgreich, tatkräftig, weise, gütig und mildtätig. In der stark gekürzten Fassung der Leseordnung bleibt das Bild einer züchtigen Hausfrau. Für Jantzen gibt es an dieser Stelle keinen Zweifel: Man habe sich vom Text genommen, „was man passend fand. Das ist Manipulation. Da werden die Leute getäuscht.“
Zudem sei das Tückische bei den Kürzungen der Leseordnung, dass diese selbst sehr bibelkundigen Menschen kaum auffallen, sagt Jantzen. Gerade dann, wenn die Geschichten nur vorgetragen würden, fielen selbst logische Brüche kaum auf.
Die Aachener Theologin Annette Jantzen
Annette Jantzen, Jahrgang 1978, ist Theologin, Autorin und Frauenseelsorgerin im Bistum Aachen. Promoviert hat sie über Priester im Ersten Weltkrieg. In ihrem Blog www.gotteswort-weiblich.de liefert sie für jeden Sonntag weibliche Perspektiven, Theologie und Gebet. „Ich zeige darin, dass die Rede von Gott nicht unrettbar männlich ist.“, schreibt Jantzen. Ihr aktuelles Buch „Die ignorierten Frauen der Bibel“ ist unter der ISBN: 978-3-451-02546-4 im Herder-Verlag erschienen.
Tipp: Im Zweifel den längeren Bibeltext vortragen
Nun sei jedoch nicht die Alternative, gar nicht mehr in die Bibel zu schauen und im Gottesdienst nicht mehr zuzuhören, sind sich Jantzen und Pfeffer einig – ganz im Gegenteil: Jantzens Buch sei „wirklich inspirierend, eine Einladung, sich mit der Bibel auseinanderzusetzen.“, so Pfeffer. Für Gottesdienste fragt er, ob es – wie von der Leseordnung vorgesehen – wirklich immer zwingend zwei oder gar drei Bibeltexte sein müssten oder man manchmal nicht lieber nur den stärksten Text auswählen sollte. Jantzen fand „weniger ist mehr“ auch eine gute Strategie, ermunterte aber vor allem die Lektorinnen und Lektoren im Gottesdienst, sich die Texte vor der Messe anzuschauen – und im Zweifel den längeren Bibeltext vorzutragen: „Wer sollte denn da etwas dagegen haben?“, fragte sie. Auch der Vergleich verschiedener Bibel-Übersetzungen könne helfen, einen besseren Zugang zu einem Text zu erhalten. „Die Einheitsübersetzung ist an vielen Stellen gut, hat aber auch ihre Schwächen“, motivierte sie zu einer intensiveren Beschäftigung mit den Lesungstexten.