von Nicola van Bonn und Thomas Rünker

‎„Wellcome-Engel“: Ehrenamtliche Leih-Großeltern entlasten junge Familien

Wenn ein Baby den Alltag auf den Kopf stellt, schenken ehrenamtliche ‎‎„Wellcome-‎Engel“ jungen Familien Zeit zum Durchatmen. In Oberhausen, ‎Duisburg, Essen und ‎Bochum unterstützen Leih-Großeltern Mütter und Väter in ‎den ersten Monaten nach ‎der Geburt. Koordiniert wird ihr Engagement von Mitarbeitenden der Caritas, der ‎Katholischen Erwachsenen- und Familienbildung und weiteren christlichen Trägern.‎

Tilda* klappert mit dem Geschirr ihrer Spielküche und meldet sich mit lauten ‎Zwischenrufen zu Wort. Gabriele Hömig-Kaspar, ihre Leih-Oma, lässt sich davon ‎nicht aus dem Konzept bringen. Sie betreut Tilda ein- bis zweimal in der Woche für ‎einige Stunden und entlastet so die Eltern in ihrem anstrengenden Alltag mit ‎Kleinkind. „Ich finde es schön, wenn ich anderen von meiner Zeit etwas schenken ‎kann“, sagt die 67-jährige Rentnerin, die selbst dreifache Oma ist. Auf das Ehrenamt ‎als Leih-Oma ist sie über eine Annonce aufmerksam geworden. „Ich habe Kinder ‎sehr gern und finde es toll, ihre Entwicklung zu beobachten und zu begleiten.“‎

Mutter: „Ich wäre so glücklich, wenn ich einfach mal in ‎Ruhe duschen könnte!“

Für Tildas Eltern ist Hömig-Kaspar wie ein Engel, der ihnen Freiräume und Zeit zum ‎Durchatmen verschafft. „Wellcome-Engel“ werden die 15 Leih-Omas genannt, die ‎im Oberhausener „Wellcome“-Projekt junge Familien nach der Geburt ihres ersten ‎Kindes für etwa ein Jahr betreuen. „Ich wäre so glücklich, wenn ich einfach mal in ‎Ruhe duschen könnte!“, habe ihr Tildas Mutter bei der ersten Begegnung gesagt, ‎erinnert sich Hömig-Kaspar. Sie sei dann kurzerhand noch eine Stunde mit Tilda ‎spazieren gegangen und Tildas Mutter habe sich den Wunsch nach einer ‎ausgiebigen Dusche erfüllt. „Das werde ich nie vergessen“, sagt Hömig-Kaspar. Ihr ‎zeigt dieser Satz bis heute, wie entlastend für junge Eltern schon wenige Stunden ‎Unterstützung sein können.

Vater: „Das ist sehr wertvolle Zeit für uns“

‎„Das ist sehr wertvolle Zeit für uns“, bestätigt Tildas Vater Felix (41). Der Ingenieur ‎ist immer mal wieder für mehrere Tage oder Wochen im Ausland auf Montage. Vor ‎allem dann sei die Familie auf Unterstützung angewiesen, denn Tildas leibliche ‎Großeltern leben etwa 600 Kilometer entfernt. Leih-Oma Gabriele ist aus dem Alltag ‎nicht mehr wegzudenken. Auch wenn Tilda bereits im Januar ein Jahr alt geworden ‎ist, kommt Hömig-Kaspar immer noch regelmäßig, um etwas mit ihr zu ‎unternehmen. „Meistens gehen wir an die frische Luft, spazieren oder auf den ‎Spielplatz. Neulich waren wir bei mir zu Hause, weil wir Meerschweinchen ‎bekommen haben. Da hat Tilda dann auch meine Enkelkinder kennengelernt“, ‎erzählt Hömig-Kaspar. ‎

Vier „Wellcome“-Standorte im Bistum Essen

Junge Eltern, die Unterstützung suchen, und Ehrenamtliche, die sich als ‎‎„Wellcome-Engel“ engagieren möchten, können sich direkt an die Standorte in Oberhausen, Duisburg, Essen und Bochum wenden. Weitere Informationen gibt es ‎unter www.wellcome-online.de.

Dass sich Tilda bei ihrer Leih-Oma wohlfühlt, ist für ihre Eltern eine große ‎Erleichterung. Gleich beim Kennenlernen haben sie gemerkt, dass die Chemie ‎zwischen ihnen stimmt. Falls es zwischen einer Familie und der Leih-Oma mal ‎nicht so optimal läuft, ist Diane Nottebohm ansprechbar. Die Koordinatorin von der ‎Caritas Oberhausen und ihre Kollegin Ille Lauterfeld vom Evangelischen Familien- ‎und Erwachsenenbildungswerk vermitteln bei Konflikten und bereiten die ‎‎„Wellcome-Engel“ auf ihren Einsatz vor. Ein Erste-Hilfe-Kurs ist ebenso Pflicht wie ‎ein Präventionskurs des Bistums Essen, der die Ehrenamtlichen für das Thema ‎‎„Gewalt und Missbrauch“ sensibilisiert.

Unterstützungsangebot steht allen Familien offen

WhatsApp-Kanal des Bistums Essen

Nottebohm betont, dass das Wellcome-Projekt allen Familien offensteht: „Wir wollen ‎Familien helfen, ihren Alltag zu bewältigen. Dafür braucht man keine besonderen ‎Herausforderungen – das Leben mit Kind ist ja schon eine Herausforderung an ‎sich.“ Dennoch gebe es in Oberhausen viele von Armut belastete Familien und ‎auch solche, die bereits vom Jugendamt durch die Familienhilfe oder eine ‎Hebamme unterstützt werden. Nottebohm: „Deswegen ist es gut, dass wir hier an ‎die Caritas angedockt sind, an die Schwangerenberatung und die ‎Erziehungsberatung.“ So arbeiten die unterschiedlichen Dienste und Hilfen ‎vernetzt und aufeinander abgestimmt. Denn das Wellcome-Projekt soll präventiv ‎wirken, „damit die ganz großen Belastungen erst gar nicht entstehen“.‎

Für die Familien ist das Angebot kostenlos, weil es von der Bundesstiftung „Frühe ‎Hilfen“ finanziert wird. Auch wenn die „Wellcome-Engel“ ehrenamtlich arbeiten, so ‎entstehen doch Kosten für die Koordination, Fortbildung und Auslagen der ‎Ehrenamtlichen. Und aus Sicht von Tildas Papa Felix ist Leih-Oma Gabriele ‎sowieso unbezahlbar: „Ich kann Dinge planen oder einfach liegen lassen, bis sie ‎kommt. Das gibt mir ein viel besseres Gefühl.“‎ 

(‎*Name geändert‎)

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