von Thomas Rünker

"Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?"

In seiner Osterpredigt verortet Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck die Kirche nicht mehr im Zentrum, sondern eher am Rand der Gesellschaft. Gerade da lasse sich der auferstandene Jesus aber oft besonders gut finden.

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck sieht die katholische Kirche immer mehr am Rand der Gesellschaft. „Wir, die Gemeinschaft der Glaubenden, wir die Kirche, rücken zunehmend aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Die Kirchen als Gebäude werden immer mehr zu Monumenten vergangener Größe und Herrlichkeit“ sagte er in seiner Predigt in der Osternachtfeier am Samstag, 16. April 2022, im Essener Dom. Trotzdem beanspruche die Kirche weiterhin Orte und Platz in der Gesellschaft, „der uns oft gar nicht mehr zukommt“, fügte er selbstkritisch hinzu. Papst Franziskus erinnere daran, „dass wir Jesus an den Peripherien finden und darum die Kirche an die Ränder gehen muss“. Dabei hätte unter anderem der Missbrauchsskandal die Kirche selbst an die Ränder dieser Welt geschoben, so Overbeck. So fänden sich die Gläubigen vermehrt „an unerwarteten Orten.” Die Kirche müsse neu lernen, auch an diesen Orten Jesus zu finden. Die Christen seien nun „nicht mehr die machtvolle Kirche, sondern eine eher kleiner und klein werdende Gemeinschaft.“

Eine solche Existenz am Rand zu akzeptieren sei „sehr schmerzhaft, aber zugleich auch sehr befreiend“, betonte Overbeck. Die Christen befänden sich „mit dieser Situation am Rand bei Jesus in bester Gesellschaft.“ Er führe sie „in die Schule der Demut, in einer ganz normalen Wirklichkeit zu leben, sich nicht produzieren zu müssen, nicht im Mittelpunkt zu stehen, sondern frei zu sein”. Und Overbeck ergänzte: „Wo wir Flüchtlingen helfen, wo wir ein Wort sprechen für die Rechte der Menschen, die sich um des Guten und des Friedens willen verteidigen müssen, da stehen wir oft am Rand.“

Zentrales rückt wieder ins Blickfeld: Die Botschaft Jesu

Für die Gegenwart sieht Overbeck die Chance „in und nach den grundstürzenden Erfahrungen des Missbrauchsskandals, der Corona-Krise und des Ukraine-Krieges neu zu lernen, wer wir als Gemeinschaft der Gläubigen sind, die Jesus neu suchen dürfen“. Damit rücke Zentrales wieder ins Blickfeld, so der Bischof: „nämlich die Botschaft Jesu. Da entsteht eine neue geistliche Mitte – nicht beim Besuch an den Gräbern des Bekannten, sondern beim Gehen an die Ränder zum Neuen.“

Vor diesem Hintergrund warb der Ruhrbischof dafür „neu das Geheimnis unseres Glaubens in der Kirche, in der Feier der Sakramente, im Gebet und im einfachen menschlichen Miteinander zu entdecken“. Dann sei eine „einfache, elementare Präsenz des Göttlichen unter den Menschen möglich“ - und vielleicht auch mehr Mut und Erfindergeist angesichts „der schwindenden Plausibilität“ von Sakramenten und Liturgie.

Overbeck verwies auf das Oster-Evangelium, das von den Frauen berichtet, die nach dem Tode Jesu seinen Leichnam salben wollen und von zwei Männern zu hören bekommen „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?“ So wie die Frauen in der Bibel fänden auch die Christen heute den auferstanden Jesus oft weniger an gewohnten als an unvermuteten Orten, sagte Overbeck.

Die Predigt von Bischof Overbeck im Wortlaut (pdf)

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