von Thomas Rünker

Warum zwei ehemalige Schülerinnen heute als Ordensschwestern im Essener B.M.V.-Kloster leben

Basketball, Studium, Familienpläne – ein Leben im Kloster stand für Schwester Regina und Schwester Beate zunächst nicht zur Debatte. Heute gehören sie seit 15 und seit 30 Jahren zur Ordensgemeinschaft der Augustiner Chorfrauen und unterrichten am Gymnasium des Klosters. Sie erzählen, wie sie ihre Berufung gefunden haben.

An diesem Sommermorgen ist es sehr ruhig in der Wohnstraße in Essen-Holsterhausen, für eine Großstadt geradezu still. Diese besinnliche Atmosphäre könnte perfekt zu einem Kloster passen. Doch gerade hier überrascht sie. Eigentlich leben die Augustiner Chorfrauen um diese Zeit mitten unter gut 1300 Schülerinnen und Schülern des ordenseigenen B.M.V.-Gymnasiums. Doch weil gerade Sommerferien sind, haben Schwester Regina und Schwester Beate Zeit für ein Gespräch über ihr Leben als Ordensfrauen – schließlich wohnen sie bereits seit 15 beziehungsweise 30 Jahren in diesem Kloster, das nur die Kirche von der Schule trennt.

In ihrem Orden sei die Erinnerung an die Profess – das feierliche Gelübde nach dem Eintritt ins Kloster – nach 15 oder 30 Jahren keine große Sache. So wie ja auch die meisten Ehepaare vor allem 25 und 50 Jahre nach ihrer Hochzeit feiern würden. Trotzdem haben die beiden Frauen viel zu erzählen – über Gemeinsamkeiten und gravierende Unterschiede. Sie sind die beiden jüngsten in der derzeit sechsköpfigen Wohn-, Gebets- und Lebensgemeinschaft, die sich ganz dem Gymnasium verschrieben hat, das jahrhundertelang eine reine Mädchenschule war. Beide sind in Essen aufgewachsen, waren früher selbst auf der Klosterschule, haben dort 1988 und 2003 das Abitur gemacht, sind später als Lehrerinnen zurückgekehrt – und zuvor als Ordensschwestern.

Schülerinnen und Schüler biegen vor der Klosterpforte ab

Natürlich kannten die beiden das B.M.V.-Kloster schon seit der 5. Klasse – schließlich biegen alle Schülerinnen und Schüler bis heute am Schultor rechts in Richtung Klassenräume ab, während es geradeaus zur Klosterpforte geht. Ihrem heutigen Zuhause näher gekommen sind Beate und Regina aber erst in der Oberstufe: Gemeinsam mit den Schwestern haben sie Gottesdienste gefeiert, zum Beispiel bei den besonders gestalteten Kar- und Ostertagen oder beim monatlichen „Tag des offenen Klosters“. Regina hat dort sogar als Jugendliche zusammen mit anderen Schülerinnen schon eine Woche gewohnt: „Beim Angebot ,Ora et labora‘ haben wir zusammen mit den Schwestern gelebt, gebetet und gearbeitet. Beide Ordensfrauen erinnern sich an „tolle Glaubenserfahrungen“ – aber ein Leben im Kloster sei als Teenagerin für sie nicht in Frage gekommen. „Wer mir gesagt hätte, ich trete mal hier ein, den hätte ich wohl für verrückt erklärt“, betont Schwester Regina.

Beate macht 1988 Abitur, wird Chemie-Laborantin am Mülheimer Max-Planck-Institut für Kohlenforschung und spielt als Leistungssportlerin Basketball – erst bei Adler Frintrop, dann bei TSV Mülheim. „Ich stand auf eigenen Beinen.“ Sie berichtet von einem guten, erfüllten Leben, „in dem aber doch etwas fehlte“. In diese Lücke sei immer wieder der Gedanke ans Kloster getreten „und nicht mehr weggegangen“. Sie geht der Idee nach, lebt einige Zeit mit den B.M.V.-Schwestern, schaut sich andere Orden an – und entscheidet sich schließlich doch für Essen-Holsterhausen. „Ich wollte keinen Orden, der einen immer wieder an neue Orte versetzt – und ich konnte mir damals keine Tätigkeit in der Pflege vorstellen“, verweist sie auf die Besonderheiten vieler katholischer Frauen-Orden. Allerdings hatte das B.M.V.-Kloster auch keinen Einsatzbereich für eine Chemielaborantin. Also ging die junge Ordensschwester Beate noch einmal an die Uni und studierte Chemie und Mathematik auf Lehramt.

Schwester Regina: „Mein Plan war ein Familienleben.“

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Als Schwester Beate 2004 als Lehrerin ans B.M.V.-Gymnasium zurückkehrt, hat Schwester Regina dort erst ein Jahr zuvor ihr Abitur gemacht. Sie studiert in Münster Religion und Spanisch auf Lehramt, „mein Plan war ein Familienleben“. Gleichzeitig hält sie den Kontakt zu den Ordensschwestern in Essen. „In den Semesterferien habe ich hier gewohnt.“ Unterschwellig sei das Thema Klosterleben für sie dann doch immer wichtiger geworden – auch nach einem Auslandssemester in Spanien. „Ich bin dann den Jakobsweg gegangen und habe die Frage nach einer Zukunft im Orden mitgenommen: ,Lieber Gott, was machen wir denn damit?‘“ Danach sei ihr klar gewesen: Sie geht ins Kloster. Dort freute man sich nicht nur über die neue Mitschwester, sondern auch über die zusätzliche Lehrerin.

„Ich habe mich nie hierhin gedrängt gefühlt“, betont Schwester Regina – und Schwester Beate nickt. Da, wo Außenstehende erwarten, dass die immer kleiner und älter werdende Gemeinschaft doch bei jeder an Glaubensthemen interessierten Oberstufenschülerin intensiv werben müsste, um sie für den Orden zu gewinnen, herrscht an der B.M.V.-Schule damals wie heute eine große Entspanntheit. Selbst als Studentin Regina irgendwann zur regelmäßigen Besucherin wurde, hätte das Kloster nie Druck gemacht. „Bei Berufung geht es ums Suchen. Es geht darum, auf der Suche nach Gott zu sein und auf seinen Ruf eine Antwort zu geben. Berufung kann man nicht machen“, sagt Schwester Regina. Und am Ende sei es wie in der Liebe: „Man lernt sich kennen, es wird immer enger, geht immer mehr in die Verbindlichkeit.“ Und was bei Paaren dann vielleicht die Ehe ist, war bei ihr vor 15 und bei Schwester Beate vor 30 Jahren die Profess: Das feierliche Versprechen, ohne eigenen Besitz, ehelos und gehorsam zu leben – und sich um die Bildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu kümmern. Dieses vierte Gelübde zeichnet den Orden der Augustiner Chorfrauen aus, der seit seiner Gründung Schulen betreibt.

Gewand der Ordensfrauen lässt nur das Gesicht erkennen

Seitdem tragen die beiden Ordensfrauen ihr Gewand, den Habit: ein schwarzes oder graues Kleid und einen schwarzen oder weißen Schleier, der den Kopf bis auf das Gesicht verdeckt. So unterrichten Schwester Beate und Schwester Regina – und auch Schwester Ulrike, die Schulleiterin. Für Schülerinnen, Schüler und Eltern sorge das aber allenfalls noch bei den Infotagen oder der Anmeldung für ein wenig Aufsehen. Mehr Unsicherheit nehmen die Ordensfrauen bei der Anrede wahr. Immer wieder müssten sie erklären, dass sie nicht mit „Frau Brandt“ oder „Frau Greefrath“, sondern mit ihrem Vornamen und dem Zusatz „Schwester“ angesprochen werden möchten.

Die Augustiner Chorfrauen und das B.M.V.-Gymnasium in Essen

Der Orden der Augustiner Chorfrauen wurde 1597 in Lothringen mit dem lateinischen Namen „Congregatio B.M.V.“ gegründet, um Mädchen und jungen Frauen einen kostenlosen Zugang zur Bildung zu ermöglichen. „B.M.V.“ steht dabei für „Beatae Mariae Virginis“, die „selige Jungfrau Maria“. 1652 beruft die Fürstäbtissin des Essener Frauenstifts, Anna Salome von Salm-Reifferscheidt, drei Schwestern aus dem Kloster in Münster nach Essen, um ein neues Kloster der Gemeinschaft aufzubauen. Die Schwestern ziehen in das Haus eines ehemaligen Beginenkonventes in der heutigen Essener Innenstadt und eröffnen im gleichen Jahr die Schule, aus der das B.M.V.-Gymnasium wurde. Wegen Platzmangels angesichts der immer weiter steigenden Schülerinnenzahl zieht der Orden mit Schule und Kloster 1931 in den Stadtteil Holsterhausen. Seit 2013 werden dort auch Jungen unterrichtet.

Auch nach ihr hätten weitere junge Frauen den Weg ins Kloster gefunden, sagt Schwester Regina – aber keine sei dauerhaft geblieben. Dabei fehle es in der Schule nicht an Spiritualität: Gebets- und Gottesdienst-Formate seien beliebt und für die erstmals angebotene Vorbereitung zur Firmung hätten sich mehr Jugendliche angemeldet als erwartet. In den vergangenen Jahrzehnten seien auch immer mal wieder Absolventinnen des B.M.V.-Gymnasiums in andere Ordensgemeinschaften eingetreten. So viele, dass eine Mitschwester schon scherzhaft fragte, „warum wir die Hebammen für andere Orden sein müssen“, sagt Schwester Beate.

Der liebe Gott spricht auch noch ein Wörtchen mit

Vermutlich würden sie heute ohnehin keine Frau mehr aufnehmen, die erst Anfang 20 ist. Es sei wichtig, dass die Frauen erst einmal auf eigenen Beinen stehen und Lebenserfahrung mitbringen. Dass ihre Gemeinschaft immer älter werde, sei offensichtlich, sagt Schwester Beate. „Aber es gibt keinen Masterplan für unsere weitere Entwicklung.“ So, wie ihre Mitschwestern in aller Ruhe gewartet haben, bis Beate und Regina von sich aus auf den Orden zugegangen sind, lassen die Holsterhauser Ordensfrauen auch jetzt die Dinge geschehen. Nicht aus Faulheit oder Ignoranz, sondern im festen Glauben, dass der liebe Gott bei der Entwicklung ihres Ordens eben auch noch ein Wörtchen mitspricht.

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