von Sandra Gerke

Warum feiern wir Erntedank? Ursprung, Bedeutung und Bräuche des Festes

Das Erntedankfest ist ein christliches Fest des Dankes für die Gaben der Natur. Doch seine Wurzeln reichen weit zurück. Wissenswertes über Ursprung, Bedeutung, Termin und Bräuche rund um Erntedank.

Hat das Essen mal wieder gut geschmeckt oder konnte man nach einer kleinen Durststrecke ein erfrischendes Getränk genießen – dann fühlt man sich doch so richtig wohl. Genug Nahrung zu haben ist nicht selbstverständlich. Gerade in den aktuellen Krisenzeiten wird das wieder mehr Menschen bewusst.

Ganz genau bestimmen lässt sich nicht, wann sich in der Geschichte ein Bewusstsein dafür entwickelt hat, die guten Gaben wertzuschätzen, die die Erde zu unserer Ernährung hervorbringt. Aber sie wurden schon früh als Grund zum Feiern betrachtet, so viel ist sicher. Das Erntedankfest – in diesem Jahr am kommenden Sonntag, 4. Oktober, dürfte seinen Ursprung in frühen Opferfeiern haben, ist Manfred Becker-Huberti überzeugt. Der renommierte Brauchtumsexperte verweist zum Beispiel auf die Bibelgeschichte der Brüder Kain und Abel im Alten Testament: „Der Ackerbauer Kain opfert Erstlingsfrüchte vom Feld, der Viehzüchter Abel Erstgeborene seiner Herde“, ruft er in Erinnerung. Hintergrund dieser Opfer sei der Glaube, dass jede Ernte ein Geschenk Gottes sei. Deshalb sehe sich der Mensch zum Dank verpflichtet, erläutert Becker-Huberti. Der Fachmann hat allerlei Fakten und Hintergründe zum Brauch des Erntedankfestes zusammengetragen:

Wann wird das Erntedankfest gefeiert?

Die katholische Kirche feiert Erntdank in der Regel am ersten Sonntag im Oktober Erntedank. In der evangelischen Kirche ist es der erste Sonntag nach dem 29. September, dem Gedenktag des Erzengels Michael, des Schutzpatrons gegen das Böse. In beiden Fällen fällt das Erntedankfest dieses Jahr also auf den 4. Oktober. Ob Obst, Gemüse, Getreide oder Tierprodukte: Traditionell wird dann eine bunte Vielfalt dekorativ im Altarraum der Kirche präsentiert.

Woher kommt Erntedank?

Erntedankfeiern haben sich in fast allen Kulturen entwickelt, weil der Glaube an einen Gott oder mehrere Götter weit verbreitet war.

Wie hat sich das Erntedankfest entwickelt?

In unserem Kulturkreis feierte vor 1800 jeder Gutshof Erntedank zunächst für sich. Nur der Gottesdienst in der Kirche wurde von allen im Dorf gemeinsam gefeiert. Erst nach 1800 wandelte sich Erntedank zu einem großen Fest, das man als Dorfgemeinschaft beging. Verbände, Vereine und Parteien beteiligten sich. Immer mehr ging es auch darum, zur Schau zu stellen, was man geleistet und hervorgebracht hatte.

Welche alten Bräuche gibt es rund um Erntedank und die Ernte?

Nicht nur in mittelalterlicher Zeit war es üblich, Teile der Ernte in abergläubische Bräuche einzubinden. Bei dem sogenannten „Erstlingsopferzauber“ widmete man die erste Garbe, also ein Bündel aus Getreide, den Dämonen. Si wurden zum Beispiel die ersten Halme kreuzweise zur Seite oder in fließendes Wasser gelegt. Oder man setzte sie zum magischen Schutz ein, indem man sie an die Haustür nagelte, in den Weihwasserkessel stellte oder auf den Friedhof legte. Die Wirkung erhoffte man dadurch zu steigern, dass weitere Dinge eingbunden wurden: zum Beispiel Knoblauch und Kamille, Disteln und Dornen – oder Gaben, die schon an Gründonnerstag eine Rolle in der Kirche gespielt hatten, wie Eier, Käse, Salz und Brot.

Wie nutzten die Nationalsozialisten das Erntedankfest für ihre Propaganda?

Im 20. Jahrhundert vereinnahmten die Nationalsozialisten das Fest für ihre Ideologie. Erntedank wurde unter Hitler ab 1933 zum Nationalfeiertag. Das ursprüngliche Bedürfnis, sich Gott gegenüber dankbar zu zeigen, rückte in den Hintergrund. Es ging darum, die Bedeutung der deutschen Bauernschaft herauszustellen. Verräterisch: Die „Reichserntedankfeste“ unterstanden dem „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“.

Was ist Thanksgiving?

Aus vielen beliebten US-Filmen und -Serien ist auch in Deutschland bekannt: Erntedank ist in Nordamerika eine große Sache. 1941 legte der US-Kongress fest, dass „Thanksgiving“ am vierten Donnerstag im November gefeiert wird – nicht als kirchliches, sondern als weltliches Familienfest. Es ist ein nationaler Feiertag, zu dem man weite Reisen in Kauf nimmt, damit sich alle um ihre Familienältesten versammeln können. Zur Feier gehört, dass zwei Gäste das getrocknete Gabelbein („wishbone“) des verspeisten Truthahns je mit dem kleinen Finger auseinanderziehen, bis es in zwei Teile zerbricht. Wessen Teil größer ist, darf sich etwas wünschen.

Was haben Black Friday und Cyber Monday mit Thanksgiving zu tun

Der Freitag nach „Thanksgiving“ heißt – mittlerweile auch bei uns – „Black Friday“. Der Einzelhandel gewährt an diesem Tag traditionell besondere Rabatte. Es finden die ersten Weihnachtseinkäufe statt, die als Indikator für die Kaufstimmung der Bevölkerung gelten. Der Online-Handel hat darauf durch die Einführung des „Cyber Monday“ reagiert, der drei Tage nach dem „Black Friday“ mit vielen Sonderangeboten folgt.

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