Von der Finanzwelt zur Bahnhofsmission und Straffälligenhilfe: Warum Michael Hildenbrand Diakon wird
Michael Hildenbrand, Verwaltungsleiter der Bochumer Pfarrei St. Franziskus, wird Diakon. Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen
Am Freitagabend, 28. November, weiht Bischof Franz-Josef Overbeck den Bochumer Michael Hildenbrand zum Diakon. Für den 53-Jährigen Diplom-Kaufmann und jetzigen Verwaltungsleiter der Bochumer Pfarrei St. Franziskus ist dieser feierliche Gottesdienst ein vorläufiger Höhepunkt seiner bislang vierjährigen, berufsbegleitenden theologischen Ausbildung – und ein weiterer Schritt auf der Suche nach Sinn in seinem beruflichen und ehrenamtlichen Leben.
Hildenbrand engagierte sich bereits als Jugendlicher in der katholischen Kirchengemeinde seiner Heimat am Rande der Eifel: Messdiener, Obermessdiener, Lektor, Pfarrgemeinderatsmitglied... Da lag es nahe, dass Hildenbrand schon früh mit dem Gedanken spielte, Theologie zu studieren. Zumal das Priesterseminar Studienhaus St. Lambert in Lantershofen nur ein paar Kilometer entfernt lag und immer wieder angehende Priester als Praktikanten in seiner Heimatgemeinde zu Gast waren. Dennoch sah Hildenbrand seine Zukunft zunächst eher im Bilanz- als im Bibelstudium. Also schrieb er sich nach dem Abitur und einer Banklehre an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität in Köln ein.
Von der Wirtschaftsprüfung in die Pfarrei-Verwaltung
Als Diplom-Kaufmann startete er einige Jahre später eine Karriere in der Wirtschaftsprüfung, erst als Assistent, dann als Prüfungsleiter einer Wirtschaftsprüfungskanzlei in Frankfurt. Und dort, irgendwo zwischen den Hochhäusern der deutschen Finanzmetropole, holt ihn gewissermaßen seine Jugend wieder ein. Auch in Frankfurt besuchte Hildenbrand gern Gottesdienste, wenn es die Arbeitszeit zuließ – zum Beispiel im Kapuzinerkloster Liebfrauen, dessen sozialpastorale Arbeit über Frankfurt hinaus anerkannt ist. Zudem engagierte er sich bei Aktionen seines Heimatbistums Trier, wie der Heilig-Rock-Wallfahrt. Doch irgendwann reichte ihm das nicht mehr. „Ich hatte so viel mit Zahlen zu tun und wollte mehr mit Menschen arbeiten“, erinnert sich Hildenbrand. Da kam die Stellenausschreibung der Pfarrei im Bochumer Süden gerade recht: 2010 suchte St. Franziskus jemanden mit Finanz-Know-how und Verständnis für eine katholische Kirchengemeinde. Da seine Mutter aus Essen-Kettwig stammt, kannte Hildenbrand das Ruhrgebiet, da fiel ihm der Wechsel vom Main an die Ruhr nicht schwer.
Diakonenweihe am 28. November im Essener Dom
Michael Hildenbrand wird in einem feierlichen Gottesdienst am Freitag, 28. November, im Essener Dom von Bischof Overbeck zum Diakon geweiht. Dieses Pontifikalamt beginnt um 18 Uhr.
Seitdem koordiniert er von seinem Büro neben der Pfarrkirche aus die Verwaltung der Kirchengemeinde, die einen breiten Bochumer Streifen südlich von Wattenscheid, Innenstadt und Altenbochum sowie nördlich von Stiepel betreut. Er ist Chef der Pfarreibeschäftigten, die nicht direkt in der Seelsorge arbeiten – zum Beispiel in Sekretariaten oder in der Kirchenmusik. Zudem kümmert er sich um Immobilien wie das gerade im Umbau befindliche Gemeindeheim nebenan oder die Friedhöfe und hat natürlich die Finanzen der Pfarrei im Blick. Hatte er in der Wirtschaftsprüfung meist einen ziemlich strukturierten Arbeitsalltag mit standardisierten Abläufen, „habe ich hier eine große Bandbreite an Aufgaben, sodass kein Tag wie der andere ist“, sagt der Verwaltungsleiter. Zum Ausgleich verbringt er seine Freizeit gern in der Natur, fährt mit dem Fahrrad zur Ruhr oder wandert am Wochenende durch die Weinberge an der Ahr.
Diakone im Bistum Essen – Ausbildungswege
Der Ausdruck „Diakon“ wird vom altgriechischen Wort für „Diener“, „Helfer“ oder „Bote“ abgeleitet. Die katholische Kirche unterscheidet zwischen dem Diakon als Durchgangsstufe auf dem Weg zur Priesterweihe und dem eigenständigen Amt – dem ständigen Diakonat – wie es Michael Hildenbrand anstrebt. Dieses Amt steht grundsätzlich auch verheirateten Männern ab dem 35. Lebensjahr offen. Das Amt des Ständigen Diakons wird haupt- oder – wie bei Hildenbrand – nebenamtlich ausgeübt.
Diakone werden durch den Bischof geweiht. Damit überträgt er ihnen die Vollmacht zu predigen, die Taufe und die heilige Kommunion zu spenden und kirchliche Begräbnisse vorzunehmen, nicht aber die Messe zu feiern oder die Beichte zu hören. Hauptaufgabe des Diakons ist die Mitarbeit im Pastoralteam einer Pfarrei, vor allem mit Blick auf die Gemeindeseelsorge und die Caritas. In feierlichen Gottesdiensten assistiert der Diakon dem Priester.
Bisher wurden die nebenamtlichen Diakone im Bistum Essen gemeinsam mit dem Erzbistum Köln ausgebildet. Künftig lässt das Ruhrbistum seine Diakone jedoch am Paderborner Standort der Katholischen Fachhochschule NRW ausbilden sowie am Institut für Diakonat und Pastorale Dienste (IDP) im Bistum Münster, wo auch die angehenden Priester, Gemeinde- und Pastoralreferentinnen und -referenten ausgebildet werden. Hintergrund dieser Umstellung ist die enge Vernetzung aller Seelsorge-Berufe im Bistum Essen, die bereits während der Ausbildung beginnt und in die nun auch die Diakonatsbewerber integriert werden. Insgesamt umfasst die berufsbegleitende theoretisch und praktische Ausbildung vier Jahre bis zur Weihe und zwei weitere im Anschluss daran. Weitere Informationen gibt es bei Diakon Winfried Rottenecker, dem Ausbildungsverantwortlichen für den Ständigen Diakonat im Bistum Essen, Tel.: 01523/7910579, E-Mail: winfried.rottenecker@bistum-essen.de
Beruflich angekommen, und doch weiter auf Sinn-Suche
Beruflich ist Hildenbrand in der Bochumer Pfarrei St. Franziskus angekommen, „und doch war und bin ich gerne im Austausch mit anderen auf Sinn-Suche“. Schon durch die tägliche Nähe zu den Theologinnen und Theologen im Pastoralteam der Pfarrei seien seine Jugend-Gedanken an ein Theologie-Studium wieder wacher geworden. Aber mit Ende 40 noch einmal ein Vollstudium starten, um vielleicht Priester zu werden, kam eigentlich nicht in Frage. Dennoch nahm er während der Coronapandemie Kontakt zu den Verantwortlichen im Bistum auf: „Man sagte mir, ich solle in Ruhe meine Berufung klären und dann gerne wiederkommen“, erzählt Hildenbrand. Bei den möglichen Optionen ist ihm besonders der „Diakon im Zivilberuf“ aufgefallen, wie es offiziell heißt, also der theologisch ausgebildete und geweihte Geistliche, der neben seinem eigentlichen Beruf zusätzlich als Diakon tätig ist.
„Für mich hat mein Glaube immer viel mit praktischem Handeln zu tun“, beschreibt Hildenbrand. So sehe er auch das Diakonen-Amt. Zwar verwalteten Diakone in den ersten christlichen Gemeinden auch das Gemeindevermögen – sie waren damals gewissermaßen Berufskollegen der heutigen Verwaltungsleiter in den Pfarreien des Ruhrbistums. Heute steht jedoch das soziale Engagement der Kirche im Mittelpunkt der diakonischen Tätigkeit. In seiner Ausbildung hat Hildenbrand unter anderem in Praktika die Arbeit der Bochumer Bahnhofsmission und der Straffälligenhilfe kennengelernt. Seitdem engagiert er sich weiterhin ehrenamtlich in der Justizvollzugsanstalt Bochum, außerdem beim Krankenhaus-Besuchsdienst und in einer Demenz-WG. „Die Zukunft der Kirche im Ruhrbistum sehe ich unter anderem darin, dass das Evangelium in der Sozialpastoral und dem caritativen Engagement gelebt wird“, sagt der künftige Diakon. „Damit können wir als Kirche einen relevanten Beitrag in der Gesellschaft leisten.“
Wo genau sich der zukünftige Diakon Hildenbrand engagieren wird, ist indes noch offen. Es wird ein Thema sein, das ihm unter den Nägeln brennt und das er eigenverantwortlich gestalten wird, gemeinsam mit Ehrenamtlichen. Welches Thema genau das sein wird, wird mit ihm nach der Weihe abgesprochen. Fest steht jedoch, dass es künftig zwischen seinem Beruf als Verwaltungsleiter und seinem Engagement als Diakon eine räumliche Trennung geben wird: Sein soziales Engagement wird sich vor allem in der Bochumer Innenstadt, in der Propsteipfarrei St. Peter und Paul, abspielen. Gleichzeitig darf er als Diakon Gottesdienste leiten, zum Beispiel Wortgottesfeiern, Taufen, Hochzeiten oder Beerdigungen. Egal, ob in seinen Sozialprojekten oder am Altar: „Ich freue mich darauf, Menschen in ihren jeweiligen Lebenswelten zu begleiten und meinen Glauben, den ich selbst geschenkt bekommen habe, weiterzugeben.“



