von Thomas Rünker

Vom Tabuthema zum Standard: 15 Jahre Prävention im Bistum Essen

Vor 15 Jahren begann das Ruhrbistum zusammen mit den anderen Bistümern in NRW mit dem systematischen Aufbau von Präventionsstrukturen gegen sexualisierte Gewalt. Heute sind Schulungen, Schutzkonzepte und klare Verhaltensstandards ein fester Bestandteil der kirchlichen Arbeit. Ziel ist die „Kultur des achtsamen Miteinanders“, sagt Dorothé Möllenberg, die Präventionsbeauftragte des Bistums Essen.

Es war der Tiefpunkt der jüngeren deutschen Kirchengeschichte: Als 2010 erst am Berliner Canisius-Kolleg und dann bundesweit immer mehr Menschen über sexualisierte Gewalt in Gemeinden, Schulen, Heimen, Verbänden und anderen kirchlichen Einrichtungen berichteten, war die Erschütterung groß. Erst folgte eine Schockstarre – und dann der Versuch, neben der Aufarbeitung vergangenen Leids vor allem das Risiko für künftige Übergriffe und Grenzverletzungen zu reduzieren. Vor 15 Jahren haben die katholischen Bistümer in Nordrhein-Westfalen ihre gemeinsame Präventionsordnung in Kraft gesetzt – daran hat das Bistum Essen am Samstag mit einer Veranstaltung in Gelsenkirchen erinnert.

Eine aktive Präventionsarbeit in katholischen Einrichtungen ist mittlerweile Standard. Sie wirkt, „weil sexualisierte Gewalt erkannt wird und Übergriffe als solche benannt und so überhaupt erst bearbeitet werden können“, sagt die Präventionsbeauftragte des Bistums Essen, Dorothé Möllenberg. Das hat Ende 2024 eine bundesweit bislang einzigartige unabhängige Studie bestätigt, die die Präventionsarbeit der NRW-Bistümer untersucht hat. Zugleich dient die kirchliche Präventionsarbeit mittlerweile auch als Vorbild für andere gesellschaftliche Bereiche: „Von katholischen Strukturen, die viel an diesem Thema gearbeitet haben, können wichtige Impulse in Richtung anderer Strukturen ausgehen, die vor Ort ebenfalls mit Kindern und Jugendlichen arbeiten, vollkommen egal, ob es um Vereine oder kommerzielle Anbieter geht“, sagte die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, Kerstin Claus, jüngst dem Kölner domradio.

Aufbau eines Schulungsprogramms in kaum gekanntem Ausmaß

WhatsApp-Kanal des Bistums Essen

Doch der Weg bis zu den heutigen Standards sei lang und mühsam gewesen, sagt Möllenberg. Andrea Redeker, ihre Vorgängerin und erste Präventionsbeauftragte im Bistum Essen, „hat als Einzelkämpferin echte Pionierarbeit geleistet“, so Möllenberg. Zu Redekers ersten Aufgaben gehörte es, ein Schulungsprogramm in einem in der Kirche zuvor kaum gekannten Ausmaß zu planen und umzusetzen. Alle hauptamtlichen Beschäftigten im Bistum Essen und alle Ehrenamtlichen, die im Kontakt zu Kindern, Jugendlichen und schutzbefohlenen Erwachsenen stehen, sollten abgestimmte Präventionsschulungen durchlaufen. Vor allem passendes Schulungspersonal zu finden, sei eine Herausforderung gewesen, weil das nötige Know-how zu jener Zeit auch außerhalb der Kirche kaum verfügbar gewesen sei, so Möllenberg. Deshalb sei die katholische Präventionsarbeit gleich landesweit aufgestellt worden. Zudem habe Redeker in Essen „direkt den Schulterschluss zur Caritas gesucht – die hatten damals schon Expertise bei diesem Thema“.

Heute läuft das System der Präventionsschulungen in Pfarreien, katholischen KiTas oder dem Essener Generalvikariat inklusive der regelmäßigen Wiederholungen mit großer Routine. Dennoch gebe es bei Teilnehmenden nach wie vor ähnliche Fragen wie in den ersten Schulungen: „,Warum muss ich das machen?‘ oder ;Stehe ich jetzt unter Generalverdacht?‘ sind die Klassiker“, sagt Möllenberg. Und sie wird nicht müde zu betonen, dass Prävention nur dann wirkt, wenn möglichst viele Menschen entsprechend sensibilisiert sind. Vor allem eine gemeinsame Haltung helfe, Übergriffe zu verhindern. Möllenberg spricht von der „Kultur des achtsamen Miteinanders“, die Schulungen und Schutzkonzepte in den katholischen Einrichtungen verbreiten sollen – und die auch in der gesamten Gesellschaft ein friedliches Zusammenleben stärken würde.

Auch Prävention hat sich verändert

Gesellschaftlich sei Prävention von sexualisierter Gewalt vor 15 Jahren noch ein Nischenthema gewesen, sagt Möllenberg. Die Entwicklung dieser „ziemlich jungen Wissenschaft“ könne man nicht nur an der Geschichte der kirchlichen Präventionsarbeit ablesen, sondern auch beim Blick in die pädagogische Praxis. Vor ihrem Wechsel ins Bistum war Möllenberg in der Leitung des Kinder- und Jugendhauses St. Elisabeth in Gelsenkirchen und insgesamt 23 Jahre in der Kinder- und Jugendhilfe tätig. In den Vorlesungen und Seminaren ihres Studiums der Sozialen Arbeit seien sexualisierte Gewalt und Prävention kein Thema gewesen. „Das ist mir erst in der praktischen Arbeit begegnet, in Form von Kindern, die davon betroffen gewesen sind“, erinnert sie sich. Bis heute spielt Prävention in der pädagogischen Ausbildung aus ihrer Sicht eine zu geringe Rolle.

Inhaltlich habe sich in der Prävention der Blick in den vergangenen Jahren verändert und geweitet: Sei es am Anfang vor allem um Täter gegangen, habe man später stärker auf die Betroffenen geschaut – „von ihnen haben wir sehr viel gelernt“. Hinzu kam die Sicht auf „irritierte Systeme“, also zum Beispiel auf Gruppen oder ganze Gemeinden, in denen es einen Missbrauchsverdacht gibt, verbunden mit der Frage, wie diese mit dem Verdacht umgehen.

Kinder und Jugendliche bei Präventionsarbeit beteiligen

Diese Kultur lebt neben klaren Regeln vor allem vom aufmerksamen Blick für die Anderen – und kann konkrete Auswirkungen haben, wie Möllenberg beschreibt: Wenn es beim Schwimmbad-Ausflug mit der Jugendgruppe nur eine Gruppen- und eine Einzel-Umkleide gebe, „sagen manche Verantwortliche den Ausflug lieber gleich ab“, so Möllenbergs Erfahrung. Besser wäre es, die Situation mit den Kindern und Jugendlichen zu besprechen und gemeinsam mit ihnen zum Beispiel zu überlegen, für wen die Sammelumkleide akzeptabel ist – und für wen nicht – und wie die Gruppenleitung diese komplexe Situation bewältigen kann. „Ja, das ist aufwendig“, sagt Möllenberg. Aber weder sei heute noch das ungefragte Begleiten in eine Gruppenumkleide akzeptabel, noch werde das schlichte Absagen des Schwimm-Ausflugs den Kindern und Jugendlichen gerecht. Die „Kultur des achtsamen Miteinanders“ habe viel mit Partizipation zu tun, sagt Möllenberg. Nicht alles von oben entscheiden, sondern möglichst alle Beteiligten mit einbeziehen, sei die Devise. „Das geht auch mit Kindern und Jugendlichen.“

Diese Beteiligung sei gerade bei den sogenannten Institutionellen Schutzkonzepten wichtig, die kirchliche Einrichtungen seit 2014 aufstellen und umsetzen müssen. „Auch daran sieht man die Entwicklung in der Präventionsarbeit: Vom Blick auf einzelne Personen in den Präventionsschulungen ging der Blick im Laufe der Zeit stärker auf Institutionen und strukturelle Fragen über“, sagt Möllenberg. Gerade in Pfarrgemeinden und Verbänden ist das Aufstellen von Schutzkonzepten, in denen zum Beispiel mögliche Risikosituationen und Wege beschrieben werden, damit umzugehen, oft die Aufgabe ehrenamtlicher Präventionsfachkräfte. „Ich finde es sehr beeindruckend, wie viele Menschen sich inzwischen in unseren Gemeinden, Pfarreien, Verbänden, Einrichtungen und Organisationen für eine gute Präventionsarbeit einsetzen“, würdigt Generalvikar Klaus Pfeffer deren Engagement. In den meisten Pfarreien gebe es zwei Ehrenamtliche, die sich neben dem Schutzkonzept und den Präventionsschulungen auch darum kümmerten, „das Thema immer wieder wach zu halten“, so Möllenberg. Gleichzeitig sei Prävention nichts, „was ein paar wenigen Personen aufgebürdet werden kann“, sagt Pfeffer. „Entscheidend wird sein, dass sich tatsächlich alle Menschen mitverantwortlich fühlen und Präventionsarbeit nicht als lästige Pflicht empfinden.“ Ziel sei ein Haltungswandel.

Zunehmend Anfragen aus anderen gesellschaftlichen Bereichen

Egal, ob Schulen oder Sportvereine – Möllenberg freut sich, dass das kirchliche Präventions-Know-how mittlerweile auch immer häufiger von Einrichtungen außerhalb der Kirche angefragt wird. Sie hilft gern weiter: „Das Wissen, das wir uns in den vergangenen 15 Jahren erarbeitet haben, ist doch nicht exklusiv. Ich möchte, dass unsere Welt insgesamt sicherer wird.“ Gleichzeitig bleibt das Thema auch innerhalb der Kirche relevant, sagt Möllenberg. Denn bis die „Kultur des achtsamen Miteinanders“ zur Alltagshaltung geworden ist, ist es wohl noch ein langer Weg.

Ansprechpartnerin

Präventionsbeauftragte

Dorothé Möllenberg

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