von Thomas Rünker

Sexueller Missbrauch: Auch Erwachsene können Opfer werden

Auf einem sehr nachdenklichen Podium des Katholikentags haben am Donnerstag die Theologinnen Doris Reisinger und Ute Leimgruber mit dem Essener Generalvikar Klaus Pfeffer und dem Exerzitien-Experten Peter Hundertmark über Erwachsene als Betroffene von sexuellem Missbrauch in der Kirche diskutiert.

Die Nonne, die jahrelang durch einen Mönch missbraucht wird. Der Pfarrer, der den jungen indischen Priester zum Dienstgespräch in die Sauna bittet und später zu seinem Sexsklaven macht. Oder die afrikanischen Ordensfrauen, die von Geistlichen ihrer Gemeinden berichten, die ihnen das Empfehlungsschreiben für den Ordenseintritt nur gegen Sex aushändigen wollen. Die Filme, die diese Geschichten auf dem Katholikentags-Podium „#AdultsToo“ erzählen, sind für die Zuschauerinnen und Zuschauer im ehrwürdigen Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle nur schwer erträglich. Sie legen am Donnerstagnachmittag ein Schlaglicht auf ein Thema, das nach Ansicht der Organisatoren des Katholischen Deutschen Frauenbundes und der Moderatorin Christiane Florin in der Kirche bislang zu wenig beachtet wird: Der sexuelle Missbrauch an Erwachsenen.

Generalvikar Klaus Pfeffer, einziger Vertreter einer Bistumsleitung auf diesem Podium, gibt sich angesichts der erschütternden Berichte kompromisslos, als die Frage aufgeworfen wird, ob das derzeitige Kirchen-„System“ eigentlich noch zu retten sei: „Ein System, das solche Verbrechen möglich macht, darf nicht gerettet werden“, sagt er unter dem Beifall des Publikums. Deshalb müsse eine radikale Aufarbeitung weiter vorangetrieben werden, die in den zurückliegenden Jahren seit 2010 begonnen habe. „Da wird noch viel mehr im Dunkelfeld verborgen sein, das ans Licht geholt und aufgedeckt werden muss.“

Nach Ansicht der Theologin Doris Reisinger hat eine radikale Aufarbeitung dieses Themas jedoch „noch gar nicht angefangen – und sie ist in diesem System auch gar nicht möglich“. Reisinger forscht zum Thema Missbrauch in der Kirche und hat unter anderem ein Buch über ihren selbst erlittenen Missbrauch in einer geistlichen Gemeinschaft veröffentlicht. In der Kirche werde bislang so gut wie gar nicht über diese Missbrauchsfälle gesprochen. Zum einen, weil bislang nur ganz wenige Betroffene bereit seien, ihre Geschichte mit Klarnamen zu erzählen. Zum

Anderen aber auch, „weil es in der Kirche kaum jemanden gibt, der sich hinter die Betroffenen stellt“. Vielmehr müssten Betroffene noch damit rechnen, nach einer Veröffentlichung selbst angegriffen und als unglaubwürdig dargestellt zu werden.

Missbrauch nur bei „schutz- und hilfebedürftigen Erwachsenen“?

Gemeinsam mit Reisinger kritisiert auch die Theologin Ute Leimgruber, dass in der kirchlichen Ordnung für den Umgang mit Missbrauchsfällen neben Kindern und Jugendlichen lediglich von „schutz- oder hilfebedürftigen Erwachsenen“ als möglichen Missbrauchsopfern die Rede sei. So könne es passieren, dass eine seit einigen Jahren strafbare sexuelle Belästigung aus Sicht der katholischen Kirche kein Missbrauchsfall ist, weil die Betroffene nicht schutz- oder hilfebedürftig war. Pfeffer räumt ein, dass man die Ordnung hier klarer fassen müsse, stellt aber klar, dass im Bistum Essen „kein Unterschied gemacht werde, ob es bei einer Missbrauchsmeldung um Kinder, Jugendliche oder Erwachsene geht“. Er nimmt zudem in den zurückliegenden Jahren eine Veränderung in der Kirche wahr, die auch durch eine gewachsene Sensibilisierung durch die Präventionsarbeit bewirkt werden konnte. Sie zeige sich darin, „dass sich viele Betroffene bei uns melden und dadurch Missbrauchsfälle nicht mehr in einer so großen Zahl im Dunkeln bleiben wie in den Jahren vor 2010“.

Deutlich wird auf dem Podium, dass es bei den verschiedenen Missbrauchsfällen Parallelen gibt zwischen Fällen mit betroffenen Kindern und Jugendlichen einerseits und Erwachsenen andererseits – aber auch große Unterschiede. Hier wie dort geht es um große Machtgefälle und Abhängigkeiten. Bei Erwachsenen seien diese jedoch oft von geradezu existenzieller Natur, sind sich die Podiumsgäste einig: Zum Beispiel bei dem jungen indischen Priester aus dem Film, für den die Anzeige seines Peinigers womöglich die Rückkehr nach Indien bedeutet hätte. Oder bei eine Ordensfrau, „die eigentlich nicht über Missbrauch sprechen kann, ohne die Gemeinschaft verlassen zu müssen“, wie Reisinger sagt. Hinzu kommt, das erwachsenen Missbrauchsbetroffenen noch weniger geglaubt werde als Kindern. Leimgruber spricht vom „falschen Narrativ: Erwachsene könnten Nein sagen und deshalb nicht Opfer von Missbrauch werden“. Reisinger verweist auf die „#MeToo“- Missbrauchsfälle in der Schauspielbranche: „Natürlich gibt es auch unter Erwachsenen Abhängigkeitsverhältnisse, bei denen man sich nicht wehren kann.“ Peter Hundertmark, Leiter des Referats spirituelle Bildung im Bistum Speyer betont: „Wenn man in einem manipulativen Prozess steckt, ist es nicht leicht, dies auch zu erkennen.“ Hinzu komme bei Missbrauchsfällen in der Kirche eine spirituelle Dimension, bei der Täter den Glauben an Gott pervertierten, sagt Pfeffer.

Spirituelle Überhöhung des Priesterstandes

Das Film-Beispiel eines Dienstgesprächs zwischen Seelsorgern in der privaten Sauna nennt der Generalvikar „absurd“. Gleichzeitig könne er sich aber durchaus vorstellen, dass es zu solch absurden Verhaltensweisen komme: Eine „enorme spirituelle Überhöhung des Priesters“ gehe einher mit einem Standesdenken und einer „Mit-Brüderlichkeit“, die ein Gefühl vermittele, „dass wir Priester uns doch alle irgendwie besonders nahe sind“, so Pfeffer. Dies könne in Extremfällen tatsächlich zu unangemessen Verhaltensweisen führen.

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