von Thomas Rünker

Seelsorge zwischen Dienst und Dienstleistung

Rund 250 Seelsorgerinnen und Seelsorger haben sich am Montag zum traditionellen Jahresauftakt beim Tag der Pastoralen Dienste im Bistum Essen getroffen – coronabedingt zum zweiten Mal rein digital.

Dienst oder Dienstleistung? Über die Seelsorge in diesem Spannungsfeld haben sich am Montag, 10. Januar, rund 250 Seelsorgerinnen und Seelsorger aus dem Bistum Essen beim digitalen Tag der Pastoralen Dienste ausgetauscht. Bischof Franz-Josef Overbeck machte beim traditionellen Jahresauftakt mit den pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern deutlich, dass er in dem Begriffspaar keinen Widerspruch sieht: „Dienst ist ein ganz altes Wort in unserer Kirche, das vor allem die Haltung meint, in erster Linie vom Anderen her zu denken.“ Dienstleistung sei das von dieser Haltung geprägte Verhalten. Overbeck nannte es „problematisch“, wenn der Begriff Dienstleistung in der Kirche als ein rein ökonomisches Thema diskreditiert werde. Jeder könne schließlich erwarten, „dass wir professionell für das einstehen, was uns wichtig ist“, so der Bischof.

Vielfältige Sicht der Seelsorgerinnen und Seelsorger

Wie vielfältig Seelsorgerinnen und Seelsorger auf die beiden Begriffe reagieren, wurde in kurzen Filmen, digitalen Kleingruppengesprächen und Umfragen im Laufe des Tages deutlich. Dabei reichte das Spektrum der Antworten von einer Ordensfrau, die „mit dem Begriff des Dienstleisters eher weniger anfangen kann, weil es beim Dienen nicht so sehr um Leistung geht, sondern mehr um die Beziehung“ bis zu einer Mitarbeiterin des „Trauteams“ im Bistum Essen: „Für die Paare sind wir einer der Dienstleister, die zu einer gelingenden Trauung beitragen.“

Stimmungsvolle Hochzeitsmessen oder würdige Beerdigungen

„Es läuft alles auf die Idee pastoraler Dienstleistungen hinaus“, sagte Björn Szymanowski vom Zentrum für angewandte Pastoraltheologie an der Bochumer Ruhr-Universität mit Blick auf soziologische Daten. Er zitierte aus der Studie „Kirchenmitglied bleiben?“ und verwies darauf, dass viele Menschen aus durchaus pragmatischen Gründen Kirchenmitglied seien, etwa, weil sie sich Feiern zu Taufe, Hochzeit oder Beerdigung erhofften – oder weil sie das soziale Engagement der Kirche schätzten. Zugleich seien gerade Gottesdienste zu besonderen Anlässen für die Kirche Gelegenheiten, zu punkten. Viele Besucher erzählten oft noch nach Jahren begeistert von stimmungsvollen Hochzeitsmessen oder würdigen Beerdigungen. Dass sich die Kirche in puncto Dienstleistungen aber gelegentlich auch selbst im Wege steht, berichtete ein Diakon und Krankenhausseelsorger: Er werde praktisch wöchentlich nach Krankensalbungen gefragt, die jedoch bislang nur Priester spenden dürfen. Die würden jedoch immer weniger und dadurch schwerer erreichbar.

Gemeinsamer Jahresauftakt für alle Seelsorgerinnen und Seelsorger

War der erste Montag nach dem Ende der Weihnachtszeit ursprünglich der „Priestertag“ des Bistums Essen, ist er seit 2018 der gemeinsame Jahresauftakt aller Berufsgruppen der Seelsorgerinnen und Seelsorger im Bistum Essen. Neben den Priestern treffen sich dort also auch Gemeindereferentinnen und -referenten, Pastoralreferentinnen und -referenten sowie Diakone. Organisiert und gestaltet wird der Tag der Pastoralen Dienste im Rahmen des Prozesses "Pastorale Dienste im Gespräch".

„Leuchtturm-Projekte“ aus der Seelsorge-Praxis

Weniger Theorie, sondern echte gelungene Projekte standen im Fokus eines kollegialen Austauschs der Seelsorgenden über ihre Arbeit. In kleinen Gruppen berichteten die Teilnehmenden von guten Erfahrungen aus den vergangen Monaten – trotz und manchmal sogar wegen Corona – und beschrieben innovative Weihnachtsgottesdienste, gut besuchte Kleinkinderangebote , gut angenommene Sternsingeraktionen oder Outdoor-Ideen zu Allerheiligen.

Wissenschaftlichen Input dazu gab der Freiburger Pastoraltheologe Bernhard Spielberg. Angesichts einer hohen Arbeitsbelastung und ständigen Veränderungen riet er den Mitarbeitenden in der Pastoral zur „Selbst-Seelsorge“: Nicht alles an ihrem Arbeitstag sei Seelsorge. Wie Beschäftigte in anderen Berufen mit vielen Freiheiten in der Arbeitseinteilung müssten auch Seelsorgerinnen und Seelsorger für sich klären, „wann Sie Seelsorge betreiben – und wann Sie zum Beispiel reine Verwaltungsaufgaben erledigen“. Spielberg sprach von „wertvollen Ent-Täuschungen“ in der Kirche: „Corona hielt und hält eine große Zahl an Enttäuschungen für Seelsorgerinnen und Seelsorger bereit. Vielleicht war dabei die ein oder andere Gelegenheit dabei, die ein oder andere Täuschung zu erkennen.“ Er warb dafür, nicht beim Frust stehen zu bleiben, wenn man erkenne, welcher Täuschung man bislang aufgesessen sei – etwa in der Annahme, wie gefragt ein bestimmtes Angebote noch sei. Es gehe darum „die Enttäuschungen anzunehmen, zu erkennen, dass manche Gottesrede nicht mehr funktioniert – und dann neue Formen zu finden“.

Lokale Kirchenentwicklung trotz großer Pfarreien

Mit deutlichen Worten warb Spielberg für eine lokale Kirchenentwicklung trotz großer Pfarreien. Es brauche eine solide Pfarreientwicklung für eine tragfähige Finanz-, Personal- und Immobilienstruktur – „und innerhalb der Pfarreien eine vielfältige Kirchenentwicklung ausgehend von der Frage: Wofür sind wir hier als Christinnen und Christen da? Und nicht: Was müssen wir hier machen, weil es schon immer so war?“

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