von Jürgen Flatken

Priesterinnen, Bischöfinnen und Synodalität

Wie sich eine Kirche verändert, in der Laien und Frauen mehr Einfluss haben. Diskussionsabend in der Akademie Die Wolfsburg mit Führungskräften der katholischen, evangelischen und altkatholi-schen Kirche.

Worüber in der katholischen Kirche erbittert gestritten wird, das ist in der altkatholischen und auch evangelischen Kirche längst kein Thema mehr. Doch was verändert sich in einer Kirche, in der Frauen Priesterinnen, Generalvikarinnen und sogar Bischöfinnen werden können? Was, wenn Laien auf allen Ebenen mitdiskutieren und Macht durch synodale Strukturen kontrolliert wird? Diesen Fragen stellte sich am Montagabend, 22. November, Vertreterinnen und Vertreter der alt- und römisch-katholischen, wie auch der evangelischen Kirche in der katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ des Bistums Essen.

„Ich fand es total toll, einmal Generalvikarin schreiben zu können“, sagte Akademiedirektorin Judith Wolf zu Beginn des Abends und legte damit den Grundton der Podiumsdiskussion „Priesteramt für Frauen und Synodalität: Was die katholische Kirche von Altkatholik:innen und Protestant:innen lernen kann“ zwischen Anja Goller, Generalvikarin der alt-katholischen Kirche in Deutschland, Marion Greve, Superintendentin des Kirchenkreises Essen, und den Generalvikaren der Bistümer Speyer und Essen, Andreas Sturm und Klaus Pfeffer, fest: humoristisch ernst und nachdenklich.

Auf den Synodalen Weg in der katholischen Kirche angesprochen verlieh Anja Goller ihre Freude darüber Ausdruck, „dass sich so viele Menschen engagiert auf den Weg gemacht haben“. Denn es sei das Prinzip jeglicher synodalen Versammlung, dass keine einsamen Entscheidungen im stillen Kämmerlein getroffen würden, sondern man gemeinsam unterwegs sei, ergänzte Marion Greve. Synodalität habe auch viel mit Kommunikation und Information zu tun. Jeder Entscheidung gingen, oft langwierige, Diskussionen vorweg. „Die Frauenordination Mitte der 1990er Jahre war so ein Synodenbeschluss“, erklärte Goller. Und das Ergebnis eines langen Entscheidungsprozesses. Wie auch der Umgang mit gleichgeschlechtlichen Partnerschaften. Jetzt war die Zeit reif. „Unser neues Ritual beinhaltet Trauungen für alle“, freut sie sich über den kürzlich getroffenen Synodenbeschluss.

Pfeffer begrüßt die Synodalität in der katholischen Kirche

„Der Bischof kann bei uns auch nicht machen, was er will“, betonte Generalvikar Pfeffer. „Mit dieser Mär möchte ich aufräumen.“ Sonst stünde er schnell auf verlorenem Posten. „Ohne Vertrauen und Rückhalt ist ein Bischof heute nicht mehr wirklich handlungsfähig.“ Gremien unterstützen, beraten und kontrollieren den Bischof. Pfeffer sieht zudem auch die Vorteile, wenn Ämter in der Kirche durch Wahlen besetzt werden. „Das hat auch etwas mit Legitimität zu run.“ Und was das synodale Prinzip betrifft, so begrüßt er es für die katholische Kirche, sieht aber auch die Herausforderungen: „Es macht auch vieles mühsam, bis überhaupt Entscheidungen zustande kommen.“ Und Greve gestand ein, dass „Synodalität anstrengend ist. Wir müssen sie uns aber antun. Weil Beschlüsse durch diese Anstrengung gemeinsam gefasst werden und dadurch mehr Akzeptanz haben.“

Wie es nicht geht, erklärte Generalvikar Sturm am Beispiel der Pfarreien-Reform der Trierer Synode. „Die Synode hatte eine große Reform auf den Weg gebracht, die nach Beschwerden einer Priestergemeinschaft sowie mehrerer Katholiken aus dem Bistum dann vom Vatikan wieder gestoppt wurde.“ Die Frage sei, wie man alle mitnehmen, einbeziehen könne. Die katholische Kirche sei noch ungeübt im Miteinander-Ringen um schwierige Entscheidungen. Das beträfe auch die Frage des Frauenpriestertums. „Wenn ich Frauen zu Priesterinnen weihe, zeige ich, dass jeder Mensch seinen Wert hat“, führte Superintendentin Greve aus. „Sonst ist es nur leeres Gerede.“ Und direkt an die Generalvikare gewandt sagte sie: „Es fehlt euch ein ganzes Stück Lebenswelt und Erfahrung, ein Teil der Realität derer mit und für die wir Gemeinde gestalten.“ Frauen brächten ihre Lebenswelt als Frau bereichernd mit ein.

„Das Revoluzzer-Gen ist nicht wirklich ausgeprägt bei uns“

Generalvikar Pfeffer bestätigte, dass er beispielsweise durch die Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit evangelischen Pfarrerinnen bei ökumenischen Gottesdiensten immer wieder spüre: „Da fehlt uns etwas in der Liturgie.“ Kollege Sturm ergänzte, welche unglaubliche Bereicherung Pastoralreferentinnen und Ordensfrauen seien. „Es ist ein anderer Umgang miteinander. Es herrscht eine andere Gesprächskultur.“ Und er bedauerte, dass „am Altar Schluss ist. Das ist heute doch nicht mehr vermittelbar.“ 

„Dann macht´s doch“, rief Greve den Katholiken entgegen und dämpfte gleichzeitig die Hoffnung auf schnelle Reformen. „Bei uns hat es Jahrzehnte gebraucht, bis es soweit war.“ Klaus Pfeffer ergänzte: „Ein Bild, dass sich über Jahrhunderte eingebrannt hat, ändert man nicht auf die Schnelle.“ Er verwies auf die teilweise weit auseinanderliegenden Positionen innerhalb der katholischen Weltkirche. „Die Gefahr ist groß, in eine weitere Spaltung zu geraten“, so Pfeffer. Er wünsche sich deshalb eine größere Pluralität in der katholischen Kirche, die unterschiedliche Wege in unterschiedlichen Kontinenten zulasse. Davor allerdings hätten viele Kräfte in der Kirche noch Angst. „Das Revoluzzer-Gen ist nicht wirklich ausgeprägt bei uns“, brachte es Andreas Sturm auf den Punkt. „Aber es tut sich was“, betonte Pfeffer.

Mitgliederschwund betrifft alle Kirchen

Am Ende des Abends wandten sich die Religionsvertreterinnen und Vertreter einem Phänomen zu, dass allen Konfessionen gemein ist: dem Mitgliederschwund. „Es ist jetzt ja nicht so, dass euch die Menschen weglaufen und uns oder den Protestanten die Türen einrennen“, erzählt Alt-Katholikin Goller. „Die Menschen wenden sich grundsätzliche von Kirche ab. Es scheint, als hätten wir die Menschen für immer verloren. Das finde ich traurig.“

„Bislang haben wir nur über Strukturen gesprochen. Und wie wir unsere Organisationen fit kriegen“, bringt es der Essener Generalvikar auf den Punkt. „Wir sollten vielmehr darüber reden, was uns am Leben Jesu, an seiner Person, seiner Lehre begeistert – und warum es so wichtig ist, an Gott zu glauben.“ Wenn spürbar werde, was Christsein zutiefst bedeute, dann würden sich auch Strukturen verändern, ist Pfeffer überzeugt. Vieles in der Kirche liege im Argen und sei „vom Evangelium ziemlich weit entfernt“. Deshalb sei auch die Rückbesinnung auf Jesus „unsere große Chance“, die zugleich alle christlichen Kirchen miteinander verbinde.

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