Pilgern mit Demenz: Über alle Sinne Erinnerungen wecken
Immer wieder wecken Entdeckungen am Wegesrand Erinnerungen der Pilgendern mit Demenz an vergangene Traditionen, Orte oder Lebenssituationen. Fotos: Achim Pohl | Bistum Essen
Vorsichtig hält die Seniorin die hellgrünen Blätter der Zitronenmelisse in der Hand und riecht daran. „Das erinnert mich an den Geruch früher im Garten“, sagt sie. Zwischen den frischen Duft der Zitronenmelisse mischt sich der von Lavendel, Rosmarin, Thymian und Salbei. Immer wieder landen Bienen auf den noch blühenden Astern daneben. Gemeinsam mit vier älteren Menschen, die auch in ihrem Pflegeheim wohnen, ist die Frau mitten im Kräutergarten des Oberhausener Hauses Ripshorst auf Pilgertour. Für alle ist es ein besonderer Ausflug, der sie nicht nur raus in die Natur bringt, sondern ihnen vor allem zeigt, wie sie mit den Eindrücken auf dem Weg ihren Alltag mit Demenz wieder anders wahrnehmen und Erinnerungen wecken können.
„Über Gerüche können wir schnell an Erinnerungen anknüpfen“
Olivia Klose und Tobias Klinke begleiten die Gruppe älteren Menschen und ihren Begleitpersonen des Ameos-Pflegezentrums Josefinum in Oberhausen. Um diese Tour zu planen, haben die Verantwortliche für Pilgerwege im Bistum Essen und der Referent für Seniorenpastoral sich stark mit der Krankheit und den Betroffenen auseinandergesetzt und passende Stationen eingeplant. So wie die prägenden Gerüche im Kräutergarten. „Unser Erinnerungsvermögen ist stark mit dem Areal im Gehirn verknüpft, bei dem Gerüche erkannt werden. Deswegen können wir über Gerüche schnell an alte Erinnerungen anknüpfen“, erklärt Klose. „Unsere Pilgertour hilft Menschen mit Demenz, sich auch mal wieder anders wahrzunehmen als nur über das Gehirn, das nicht mehr so gut funktioniert.“ Und nicht nur die Kräuter wecken Erinnerungen, alleine das Sprechen über Gerüche bringt eine Seniorin zum Erzählen: Über den Duft der Parfümmarke 4711, der sie an ihren verstorbenen Mann erinnert – oft ruft sie ihn sich durch das Riechen an einem Fläschchen ins Gedächtnis zurück. Nicht mehr jeder aus der Gruppe kann seine Gedanken direkt formulieren, aber ein Lächeln oder „mmmh“ und „oooh“ zeigt, dass die Gerüche bei allen etwas auslösen.
Die Tour von rund sechs Kilometern führt die zu Fuß und im Rollstuhl Pilgernden direkt am Rhein-Herne-Kanal entlang, vor allem auf der geschwungenen Waghalsbrücke eröffnet sich allen der weite Blick auf das breite Gewässer. Fast alle der fünf älteren Menschen verknüpfen den über 100 Jahre alten Kanal mit Oberhausen und dem Ruhrgebiet als ihre Heimat. Hier verbindet eine Erinnerung so einige von ihnen: Warme Sommertage und das Schwimmen im kühlen Kanal-Wasser, auch wenn das schon damals mehr geduldet als erlaubt war. Parallel zum Kanal fällt der Blick zwischendurch immer wieder auf die Emscher, die viele der Pilgernden den Großteil ihres Lebens wohl vor allem als „Köttelbecke“ mit ihrem prägenden Geruch erlebt haben. An Land weckt eine Sache immer wieder das Interesse: Brombeeren und Holunderbeeren wachsen in den Gebüschen, einige Seniorinnen erzählen von selbsteingekochter Marmelade.
Donauwalzer weckt Erinnerungen an Freude am Tanzen
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Auch mit Musik wecken Olivia Klose und Tobias Klinke auf ihrer Tour die Sinne der Pilgernden. Am Kunstwerk „Zauberlehrling“, einem mitten in der Natur stehenden, 35 Meter hohen Strommast, der sich tanzend verbiegt, erklingt der Donauwalzer. Gemeinsam legen alle eine Pause ein, um über den Impuls nachzudenken: „Was macht mir Freude? Was hat in mir immer Freude ausgelöst?“ Und sofort kommen Gespräche über das Tanzen in vergangenen Jahren auf. Am Ende der Tour steht nach rund zwei Stunden für alle fest: Die vielen Eindrücke rund um den Rhein-Herne-Kanal haben bei den älteren Pilgernden ganz unterschiedliche, aber oft auch gemeinsame Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, ihr Familien- und Berufsleben geweckt. Erinnerungen, die trotz ihrer Demenz immer wieder einen Platz in ihrem Gedächtnis finden.
Verantwortliche für Pilgerwege im Ruhrbistum
Olivia Klose
Zwölfling 16
45127 Essen
0201 - 2204 402







