Overbeck würdigt Gelsenkirchener Kinderhospiz Arche Noah: „Ein Haus des Lebens“
Das Kinderhospiz Arche Noah mit Pflegedienstleiterin Anja Dörner. Foto: KERN Katholische Einrichtungen Ruhrgebiet Nord GmbH
Die Kinderhospizarbeit in Deutschland leistet einen unverzichtbaren Beitrag für unheilbar kranke Kinder und ihre Familien – und steht doch vor großen ethischen und gesellschaftlichen Herausforderungen. Das betonte Bischof Franz-Josef Overbeck jetzt in seinem Vortrag beim Neujahrsempfang des Internationalen Unternehmerverbands RuhrStadt in Gelsenkirchen. Unter dem Leitwort „Den Tagen mehr Leben geben“ würdigte er die Arbeit des Gelsenkirchener Kinderhospizes Arche Noah als „Leuchtturmprojekt in unserer Region“ und warnte zugleich vor einer Relativierung des Lebensschutzes.
Overbeck betonte, dass die Kinderhospizarbeit eine junge Bewegung sei, die „in wenigen Jahrzehnten ungeheuer viel bewegt“ habe. 1982 habe die anglikanische Ordensschwester Mother Frances Dominica in Großbritannien mit dem Helen’s House das erste Kinderhospiz Europas eröffnet, bevor 1998 die Franziskanerinnen in Olpe mit dem Kinderhospiz Balthasar die erste Einrichtung in Deutschland ins Leben riefen. Dass gerade ein franziskanischer Orden dieses Projekt initiiert habe, sei kein Zufall, so Overbeck: „In Deutschland wurde die Kinderhospizarbeit maßgeblich von kirchlichen Akteurinnen und Akteuren angestoßen. Die christliche Ordensspiritualität prägte das Konzept von Anfang an mit Werten wie Gastfreundschaft, Nächstenliebe und Hoffnung.“
Dies gelte auch für das Kinderhospiz Arche Noah in Gelsenkirchen, ein bundesweit einzigartiges Haus, das Hospiz und Kurzzeitpflege für schwerstbehinderte Kinder verbindet: „Ein Kinderhospiz ist kein Krankenhaus und kein Trauerhaus, sondern ein Haus des Lebens“, sagte der Bischof. Hier fänden Familien nicht nur medizinische und pflegerische Versorgung, sondern auch psychosoziale Begleitung, Therapieangebote und „Orte zum Aufatmen“.
Besonders hob Overbeck die „Pädagogik der Achtung“ hervor, die die Kinderhospizarbeit präge: Kinder werden als eigenständige Persönlichkeiten mit eigenen Rechten ernst genommen, die auch ihren Tod betreffen. Statt sie überzubehüten oder ihre Situation zu beschönigen, trete man ihnen „auf Augenhöhe“ gegenüber. „Das Kind hat ein Recht darauf, dass wir seine Endlichkeit anerkennen – so schwer das fällt – und dass wir es auf diesem Weg respektvoll begleiten“, so Overbeck. Diese Haltung sei „inklusiv und partizipativ“ und verändere das gesellschaftliche Bild vom Kind: „Ein sterbendes Kind ist nicht einfach ein tragisches Opfer, sondern ein Mensch mit eigener Würde und Geschichte.“
Ethische Grenzen: Keine aktive Sterbehilfe für Kinder
Angesichts internationaler Debatten um Sterbehilfe bei Minderjährigen positionierte sich Overbeck klar dagegen: „Gerade, weil wir wissen, wie kostbar jedes dieser kurzen Leben ist, müssen wir entschieden jeder Form aktiver Sterbehilfe bei Kindern entgegentreten“, betonte er. Als Beispiel nannte er Belgien, wo seit 2014 aktive Sterbehilfe für Minderjährige unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt ist. Overbeck verwies darauf, dass der Deutsche Kinderhospizverein dazu bereits im gleichen Jahr unmissverständlich Stellung bezogen habe und warnte davor, dass eine solche Entwicklung die Erfolge der Hospizbewegung zunichtemachen würde: „Aktive Sterbehilfe für Kinder wäre ein zutiefst falsches Signal. Es würde die Kultur des Lebens und der Zuwendung untergraben, die die Hospizarbeit etabliert hat.“ Auch in der aktuellen Diskussion um Suizidassistenz in Deutschland mahnte er: „Suizid darf nicht zu einer Option neben anderen am Lebensende werden.“ Stattdessen forderte er den Ausbau von Hospiz- und Palliativangeboten: „Wenn ein todkranker Mensch das Gefühl hat, er müsste den assistierten Suizid wählen, weil er keine bessere Betreuung erfährt, dann läuft etwas grundfalsch.“
Arche Noah: Neubau als Zeichen der Hoffnung
Overbeck verwies zudem auf die Pläne für einen Arche-Noah-Neubau in Gelsenkirchen. Das Kinderhospiz, das seit 2001 unheilbar kranken Kindern und ihren Familien Entlastung und Geborgenheit biete, werde in den kommenden Jahren eine Villa auf der gegenüberliegenden Straßenseite für die speziellen Bedarfe der Einrichtung umbauen. Auch dort werde das Konzept umgesetzt, das Hospiz- und Kurzzeitpflege verbinde. So könnten Familien „durchschnaufen, sich um Geschwisterkinder kümmern oder Kraft sammeln“, während ihr Kind liebevoll betreut wird. Andere Familien begleiten ihr Kind in der finalen Lebensphase in der Arche Noah „in einem Umfeld, das viel heimeliger und ruhiger ist als eine Klinik.“, so Overbeck.
Das Kinderhospiz Arche Noah
Die Arche Noah – Kurzzeiteinrichtung und Hospiz für Kinder wurde 2001 unter dem Dach der Marienhospital Gelsenkirchen GmbH im Leistungsverbund der St. Augustinus Gelsenkirchen GmbH gegründet und eröffnet. Heute genießt die Einrichtung einen überregional anerkannt guten Ruf. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Verbindung einer familiären und kompetenten Pflege mit einem qualifizierten pädagogischen Angebot.
Begleitet wird die Einrichtung vom Förderverein Kinderhospiz Gelsenkirchen e.V. Arche Noah. Mit seinem Spendenprojekt Noahs Freunde bündelt der Verein die Unterstützung für den Bau der neuen Arche Noah.
Der Bischof dankte den Unterstützerinnen und Unterstützern aus Wirtschaft und Gesellschaft: „Kinderhospizarbeit geht uns alle an. Sie ist eine Gemeinschaftsaufgabe der Solidarität.“ Die Arche Noah sei eingebunden in das katholische Marienhospital Gelsenkirchen und werde von der KERN gGmbH, den Katholischen Einrichtungen Ruhrgebiet Nord, getragen. „Hier arbeiten Kirche, Caritas und engagierte Bürgerinnen und Bürger Hand in Hand“, betonte er. Die Kinderhospizarbeit halte der Gesellschaft einen Spiegel vor, so Overbeck. „Sie zeigt, was wirklich zählt: nicht Effizienz, nicht Profit, nicht Perfektion – sondern Menschlichkeit, Mitgefühl und die Fähigkeit, jemandem beizustehen.“ Er rief dazu auf, die „Kultur des Lebens“ weiter zu stärken und jeder Tendenz zur Relativierung des Lebensschutzes zu widersprechen. „Lassen Sie uns gemeinsam dafür eintreten, dass diese Arbeit weiter wächst.“ Die Arche Noah und alle Kinderhospize in Deutschland verdienten „höchsten Respekt“, denn sie hätten „den Tod enttabuisiert und das Recht auf ihn ernst genommen – aber nicht, um ihn zu erfüllen, sondern um ihn zu verwandeln in einen Wunsch zu leben, anders weiterzuleben, mit Hilfe und Begleitung.“