von Thomas Rünker

Overbeck wirbt für Reformen und mehr Spiritualität in den Kirchen

Ruhrbischof predigt im Hamburger Gottesdienst zum Reformationsfest

Am 31. Oktober erinnern evangelische Christen traditionell an den Beginn der Reformation

Bischof Overbeck war in Hamburg Gast im ökumenischen Gottesdienst zum Reformationstag

In seiner Predigt sah Overbeck viele gemeinsame Herausforderungen für die christlichen Kirchen

Mehr Spiritualität und tiefgreifende Reformen sind aus Sicht des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck wichtige Zukunftsperspektiven für die christlichen Kirchen. „Das kirchliche Christentum hat seine große Herausforderung heute in der Wende von der Religion zu Spiritualität vor sich“, sagte Overbeck am Sonntag als Gastprediger im ökumenischen Gottesdienst zum Reformationsfest in Hamburg. Es gebe ein großes gesellschaftliches „Interesses an Spiritualität aller Art“, aber wenig passende kirchliche Angebote. „Es scheint, als seien unsere Kirchen oft auf diesen Durst nach Spiritualität nicht vorbereitet und müssten immer wieder neu lernen, angemessen darauf zu reagieren“. Overbeck feierte in der Hamburger Hauptkirche St. Petri einen gemeinsamen Gottesdienst mit Bischöfin Kirsten Fehrs und Hauptpastor Jens-Martin Kruse.

Seelsorge an den Knotenpunkten des Lebens

Overbeck betonte, dass es „eine spirituelle Reife nur mit einer gesunden Struktur gibt, also eine lebendigen Kirche als Raum des Glaubens, in der es spirituelle Zentren gibt“. Langfristig würden wohl keine territoriale Pfarreien und Gemeinden, „sondern vor allem Zentren von Spiritualität, von geistlicher Begleitung, von Erfahrungsräumen im Glauben die Schwerpunkte des Christentums der Zukunft sein“. Seelsorge sieht er dann primär als „geistliche Begleitung an den Knotenpunkten des Lebens“. Hier seien die christlichen Kirchen gemeinsam in der Verantwortung: „Wir als Christen werden gemeinsam jene Räume schaffen müssen, in denen wir selbst und viele Menschen die ganze Wahrheit ihres Lebens erzählen und vor Gott bringen.“ Gerade die unterschiedlichen Sichtweisen und Deutungen der Konfessionen – zum Beispiel von biblischen Texten – können hier eine große Bereicherung sein.

Reformationstag

Am 31. Oktober erinnern Protestanten an den Beginn der Reformation. Im Jahr 1517, einen Tag vor Allerheiligen, hat der Augustinermönch Martin Luther (1483-1546) in 95 Thesen die damalige Ablasspraxis der Kirche kritisiert.

Overbeck sieht Missbrauchsskandal mit historischer Brisanz

Mit Blick auf die Christen hob der Ruhrbischof hervor, dass „die größten Spaltungen zurzeit nicht zwischen unseren Kirchen stattfinden, sondern innerhalb der Kirchen“. Er verwies auf die „lange verheimlichte und bagatellisierte Pandemie des sexuellen und geistlichen Missbrauchs“. Die daraus entstandene „Frage nach der Verantwortung und nach den verschiedenen Graden einer möglichen Mitschuld“, diskutiere die katholische Kirche im Reformprozess „Synodaler Weg“. Für Overbeck hat der Missbrauchskandel dabei auch eine historische Brisanz: „Schon länger frage ich mich, ob dieser Skandal nicht heute eine ähnliche Rolle spielen könnte wie der Ablassskandal, der im Hochmittelalter die Reformation ausgelöst hat.“ In beiden Fällen hätten vermeintliche Randphänomene tiefere Probleme und systemische Übel offenbart: „den Umgang mit Macht und Autorität; die Probleme des Verhältnisses zwischen Klerus, Geistlichen und Laien; die Frage nach der Verhältnisbestimmung der Geschlechter“.

Leere Kirchen „wie ein prophetisches Warnzeichen“

Ausdrücklich warb Overbeck für Aufbrüche und Neuanfänge in der Kirche, gerade nach den Lockdown-Erfahrungen der Corona-Pandemie. Die lange Zeit leeren und geschlossenen Kirchen seien für ihn „wie ein prophetisches Warnzeichen. So könnte es bald aussehen, wenn wir uns nicht einer tiefgreifenden Reform unterziehen“. Dies betreffe die katholische Kirche. „Davon sind aber viele andere christliche Kirchen in unserem Kulturkreis nicht weit entfernt“, sagte der Bischof. 

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