Overbeck: Kirche kann beitragen, Vertrauen in Demokratie zu stärken

Bistum Essen

Bischof Franz-Josef Overbeck hat in der Wolfsburg mit dem früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse und dem Politikwissenschaftler Hans Vorländer diskutiert, wie sehr die Demokratie durch Polarisierung gefährdet ist und welchen Einfluss die Corona-Krise darauf hat.

Die Corona-Krise hat nach Ansicht des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck den Verlust von Vertrauen der Gesellschaft in die Demokratie verstärkt. Vertrauen sei aber die Grundvoraussetzung für eine solidarische Gesellschaft, sagte Overbeck am Dienstagabend in der Katholischen Akademie, „Die Wolfsburg“, in Mülheim bei einer neuen Auflage der „Dialoge mit dem Bischof“. Die Veranstaltungsreihe läuft unter Federführung der „Wolfsburg“ und der Bank im Bistum (BiB).

Die Kirche könne einen wichtigen Beitrag leisten, um das Vertrauen in die Demokratie zu stärken, betonte Bischof Overbeck. „Wir Christen sind überall da stark, wo wir den Gemeinwohlgedanken einbringen.“ Das Vertrauen zwischen Bürgern und Politikern sei die Grundvoraussetzung für ein solidarisches Miteinander. Overbeck sprach von einer „demokratischen Sittlichkeit“, ohne deren Einhaltung eine liberale Demokratie nicht existieren könne. 

Der Bischof von Essen diskutierte mit dem früheren Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse (SPD) und dem per Video zugeschalteten Direktor des Zentrums für Verfassungs- und Demokratieforschung an der Technischen Universität Dresden, Hans Vorländer, über die Frage: „Wie gefährdet ist unsere Demokratie?“. Aufgrund der wegen der Corona-Pandemie geltenden Abstandsregelungen war die Teilnehmerzahl der von Akademiedirektorin Judith Wolf moderierten Veranstaltung auf gut 30 Besucher begrenzt. Interessierte konnten die von der „Wolfsburg“ und er Bank im Bistum Essen veranstalteten Podiums-Diskussion aber über weite Teile im Live-Stream verfolgen – eine Premiere.

Bischof: Verschwörungstheorien haben in der Kirche keinen Platz

Overbeck verurteilte, dass Verschwörungstheoretiker in Krisenzeiten die Verunsicherung vieler Menschen nutzten, um ihre antidemokratischen Ideologien zu platzieren. Er distanzierte sich erneut klar von einer von mehreren katholischen Bischöfen und Kardinälen unterzeichneten Erklärung zur Corona-Krise. „Ich bin Vertreter einer Kirche, die damit nichts, aber auch rein gar nichts zu tun haben will“, betonte Overbeck. Das Papier, in dem vor einer Weltregierung gewarnt wird, die die Grundfreiheiten einschränke, zeige eine „Gefahr von rechts“, und zwar eine Gefahr „von rechts innerhalb der Kirche“.

Thierse: Krisenzeiten sind Zeiten des Populismus

Auch Thierse beklagte einen Vertrauensverlust in die Demokratie. Zwar signalisiere eine große Mehrheit der Deutschen, dass ihre Erwartungen an den Schutzauftrag des Staates in Zeiten der Pandemie erfüllt worden seien, nämlich 70 bis 80 Prozent. Die Corona-Krise habe aber auch eine „verschärfte Konkurrenz zwischen den Sicherheitsansprüchen an den Staat und den Freiheitsansprüchen gegen den Staat“ gezeigt, sagte der Politiker, der sich auch im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) engagiert.

Dies habe vor allem mit der Entwicklung des Internets und der Sozialen Netzwerke zu tun. „Wir können uns immer schwieriger auf eine Wahrnehmung der Realität verständigen“, analysierte Thierse. Das Internet sei zu einem „Echoraum eigener Wahrnehmung“ geworden. Demokratie lebe aber von elementaren Gemeinsamkeiten. „Wir erleben, dass Krisenzeiten ganz offensichtlich auch Zeiten des Populismus sind“, sagte Thierse. 

Politologe: Demokratie hat Corona-Krise gut gemeistert

Der Politikwissenschaftler Vorländer attestierte der Demokratie, ein „handlungs- und funktionsfähiges System“ zu sein. „Sie hat diese Krise gut gemeistert.“ Allerdings habe es schon vorher Kräfte gegeben, die die Demokratie gefährdeten und die sich etwa im Populismus und im Erstarken links- und rechtsextremer Gruppen zeigten. Mit Blick auf die Corona-Demonstrationen sagte Vorländer: „Demokratie zeigt sich zwar stabil, aber an den Rändern wieder in turbulenter Verfassung.“ Ein Teil der Bürger sei auch einfach zu mobilisieren und lasse sich von Stimmungen leiten.

Kann die Demokratie gestärkt werden? Ja, da waren sich die Podiumsgäste einig, das könne gelingen. Thierse: „Wenn wir beweisen, dass die Demokratie die Krise bewältigen kann besser als autoritäre Systeme, dann leisten wir viel zur Demokratieverteidigung.“ Overbeck: „Demokratie lebt sehr vom Sozialstaat und von sozialer Marktwirtschaft. Für das Schöne des Lebens, dafür steht die Kirche ein, aber mit Sinn für Proportion.“ Vorländer: „Demokratien sind sehr fragil und sie werden vor allem aus der Mitte heraus gestärkt.“ Es gelte aufzupassen, dass sich die Mitte der Gesellschaft nicht verführen lasse.

Die Reihe „Dialoge mit dem Bischof“ wird am 6. Oktober mit dem Thema „Offenheit und Freimut – Wo steht der Synodale Weg?“ im BiB-Forum Essen fortgesetzt.

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