Optionen für den Frieden – Christoph Heusgen diskutiert über Friedenspolitik
Foto: Achim Pohl | Bistum Essen
Wie kann Frieden gelingen – in der Ukraine, im Nahen Osten, in einer Welt, die von Gewalt, Misstrauen und neuen Blockbildungen geprägt ist? Welche Spielräume bleiben der Diplomatie, wenn sich Fronten verhärten und militärische Logik das Denken bestimmt?
Über diese Fragen hat der langjährige Diplomat und ehemalige Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, Christoph Heusgen, am Dienstagabend, 11. November 2025, in der Katholischen Akademie Die Wolfsburg in Mülheim diskutiert. „Optionen für den Frieden – Zwischen Diplomatie, Deals und Demilitarisierung“ lautete der Titel der Veranstaltung, die in Federführung der Bistumsakademie und in Kooperation mit der BIB – Bank im Bistum Essen stattfand.
Eine Stunde zu spät in der Wolfsburg – Applaus für Heusgen
Dass der Podiumsgast mit einer mehr als einstündigen Verspätung eintraf, weil sein Zug aus Mainz erheblich verzögert war, tat der Stimmung und Aufmerksamkeit der rund 200 Gäste im vollbesetzten Auditorium keinen Abbruch. Sie begrüßten Heusgen mit Applaus und fröhlichen Zurufen, bevor Akademiedozent Mark Radtke und Peter Güllmann, Sprecher des Vorstands der BIB, mit der gemeinsamen Moderation des Podiumsgesprächs begannen.
Gleich zu Beginn machte Heusgen, der viele Jahre lang außenpolitischer Berater von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) war, klar, was ihn antreibt: „Frieden ist die Abwesenheit von Gewalt, dass Waffen schweigen, aber auch ein Leben unter Umständen, unter denen jeder einzelne Mensch in Würde leben kann. Das versuchen wir mit diplomatischen Lösungen zu erreichen.“
Chronologie der jüngeren Konfliktgeschichte und Lehren daraus
Heusgen zeichnete anschließend eine Chronologie der jüngeren Konfliktgeschichte: Von Wladimir Putins Rede von seiner Vision eines „Großrusslands“ im Jahr 2007, über den Nato-Gipfel in Bukarest 2008, bei dem die Anträge Georgiens und der Ukraine, dem Militärbündnis beizutreten, abgelehnt wurden, zur veränderten russischen Innenpolitik mit nationalistischem Kurs ab 2011 bis hin zum Überfall auf die Ukraine durch Russland im Februar 2022. Trotz allen Leids und täglich vieler Toter in beiden Ländern, müsste Europa weiter an der Seite der Ukraine auf ihrem Weg bleiben. „Wir leben nicht im Krieg mit Russland, aber wir leben auch nicht im Frieden mit Russland – ein hybrider Zustand“, sagte Heusgen.
Selbstkritisch sprach er in diesem Zusammenhang von drei Fehleinschätzungen, die unter der Regierung Merkel getroffen worden seien: dem Bau der Gaspipeline Nord Stream 2, der die Energieabhängigkeit von Russland verstärkt habe, dem Nato-Beschluss, nicht aufzurüsten, und der Entscheidung, die Ukraine nicht militärisch zu unterstützen.
Gaza-Deal: Vorsichtig optimistisch für den Konflikt im Nahen Osten
Mit Blick auf den Nahen Osten zeigte sich Heusgen mit dem Friedensplan für Gaza vorsichtig optimistisch, dass die diplomatischen Initiativen langfristig Wirkung entfalten können – vorausgesetzt, sie werden von nachhaltiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Stabilisierung begleitet. „Wir müssen hoffen, dass der Friedensplan für Gaza so umgesetzt wird, dass wir langsam zu einer Lösung kommen. Aber es wird noch lange dauern“, sagte Heusgen.
Wie steht es um die deutsch-chinesischen Beziehungen?
Nach der geopolitischen Rolle Chinas und den deutsch-chinesischen Beziehungen gefragt, sagte Heusgen: „China unterstützt Russland. Es ist ein Land, dem es in den letzten Jahren gelungen ist, wirtschaftlich und technologisch enorme Fortschritte zu machen. Deutschland und Europa sind heute ein Instrument der chinesischen Politik und nicht mehr so interessant wie früher.“
Rund eine Stunde lang behandelten Radtke und Güllmann einen Krisenherd nach dem anderen mit ihrem kundigen und zugewandten Interviewpartner, der pointiert und ruhig über die Situation in den verschiedenen Regionen der Welt berichtete. Man spürte, dass hier ein erfahrener Diplomat sprach, der viele Jahre lang einen Platz an den Verhandlungstischen dieser Welt gehabt hat. Eines wurde dabei deutlich: Die Fragen von Sicherheit, Diplomatie und wirtschaftlicher Stabilität sind eng miteinander verflochten. Und: Wenn Diplomatie, Recht und Verantwortungsbewusstsein nicht zur Nebensache werden, bleibt Frieden möglich.
Die Rolle Europas in einer zunehmend unübersichtlichen Weltordnung
Als die Diskussion auch für das Publikum geöffnet wurde, ging es auch darum, welche Rolle Europa in einer zunehmend unübersichtlichen Weltordnung hat. „Außenpolitisch liegen wir in Europa derzeit weit auseinander. Aber wir müssen zusammenarbeiten. Das ist der Weg – und seine Grundlage ist die Charta der Vereinten Nationen, das Völkerrecht, der Multilateralismus“, sagte Heusgen.
Rat für Kanzler Merz zum Schluss
Zum Ende der Diskussion nach seinem Rat für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gefragt, antwortete der langjährige Berater der früheren Bundeskanzlerin Merkel: „Internationales Recht beachten, in Europa eng zusammenarbeiten und in Deutschland den gesellschaftlichen Zusammenhalt wahren – das sind die wichtigsten Aufgaben des Kanzlers.“
Die Podiumsdiskussion war ursprünglich als Teil der Reihe „Dialoge mit dem Bischof“ geplant, die seit 2012 fester Bestandteil des Akademieprogramms ist. Doch Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck, der zugleich Katholischer Militärbischof für die Deutsche Bundeswehr ist, musste seine Teilnahme kurzfristig aufgrund einer Reise nach Rom absagen.
Die nächsten Dialoge mit dem Bischof stehen im kommenden Frühjahr auf dem Akademieprogramm: Am 23. April 2026 lautet das Thema „Jenseits von Kulturkämpfen – Wie bleiben wir als demokratische Gesellschaft zusammen?“.



